Der Lieblingsbuch-Lawineneffekt

Es gibt ja so Bücher, die treten eine Lawine los. Nicht unbedingt in der Öffentlichkeit – das auch, aber das meine ich nicht – sondern bei einem selbst. Solche Bücher lassen einen nicht los, und man kommt mit ihnen von Hölzchen auf Stöckchen. Es ist ein bisschen so, wie wenn man im Internet nur schnell eine neue Packung Antiallergika bestellen will und sich zwei Stunden später völlig fasziniert vor einem Video über die seltensten Augenfarben der Welt wiederfindet. Nur viel schöner.

So ein Buch war für mich “Lethal White” von Robert Galbraith, Teil 4 der Krimiserie um Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Partnerin Robin Ellacott. Die ersten beiden Teile fand ich gut, nach dem dritten mit seinem enervierenden Ende war ich schon ziemlich angefixt (die Bissspuren am Buch sind immer noch sichtbar), und mit “Lethal White” geriet die Lawine dann so richtig ins Rollen. Innerhalb von drei Tagen verschlang ich abwechselnd Hörbuch und Hardcover (welches mit über 600 Seiten wahrlich kein Pappenstiel ist), und schon währenddessen erwischte ich mich dabei, wie ich nicht nur für die beiden Hauptfiguren vollends in Flammen stand, sondern auch, wie ich Hintergrundinfos über tödliche Gendefekte bei Pferden, die olympischen Spiele in London, kornische Biersorten und die korrekte Behandlung eines Muskelfaserrisses googelte. Außerdem wanderte aus Gründen “Wherever you will go” von The Calling auf meine Cormoran Strike Playlist bei Spotify (ja, ich habe eine Cormoran Strike Playlist, und ich schäme mich nicht dafür).

Weitere Interessengebiete, die mir “Lethal White” eröffnete, waren die Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie, die verschiedenen Akzente der englisches Westküste, Cornwall’s Sagen- und Märchenwelt sowie – yup! – die Songs der 70er Jahre Hardrock-Band Blue Öyster Cult (genau, auch auf meiner Cormoran Strike Playlist…). Wenn mein Mann weiterhin “Don’t Fear The Reaper” ertragen muss, wird er wohl der erste sein, der aufgrund Ehebetrugs mit fiktionalen Figuren die Scheidung einreicht. (Tut er natürlich nicht. Er findet Blue Öyster Cult schon lange gut und Robin Ellacott sexy. Bei uns herrscht Gleichberechtigung.) Auch meine verschütteten Lateinkenntnisse holte ich wegen Cormoran’s Catull-Vorliebe wieder ans Licht, und wenn jedes Kapitel mit einem Zitat aus einem Werk von Henrik Ibsen anfängt, muss man sich natürlich auch damit auseinandersetzen.

Nach der Beendigung von “Lethal White” stand ich dann da, mit einem Wahnsinns-Bücherkater. Kein anderes Buch wollte mir danach gefallen, und irgendwann hatte ich so ziemlich jede Rezension dazu gelesen, jedes Interview mit J.K. Rowling und jeden noch so albernen Booktuber-Review geguckt. Ich war sogar so weit, dass ich mir aus den Untiefen der Fanfiction-Foren verzweifelt die seltenen Perlen heraus pickte. Ich wusste alles über und von Cormoran Strike, was es zu wissen gab.

Da fiel mir die Fernsehserie in die vor Entzugserscheinungen zitternden Hände.

Warum die BBC (und hier in Deutschland Sky) dafür kaum Werbung gemacht hat, ist mir ein völliges Rätsel. Schon als im Intro zu staubiger Indie-Musik die viel zu traurigen Augen von Tom Burke als Cormoran Strike in die Kamera blickten, gefolgt von einer offenbar direkt meinem Hirn entrissenen Holliday Grainger als Robin Ellacott, wusste ich: die Lawine rollt weiter. Ich saugte die sieben Folgen der Serie in mich hinein. Es folgten glückliche Tage auf YouTube mit Behind-the-scenes Clips, Interviews mit den Hauptdarstellern, Serienmachern und J.K. Rowling. Meine Playlist erweiterte sich um den Titelsong von Beth Rowley, meine Twitter-Timeline um Fanaccounts gleichgesinnter Strike-Nerds und mein Tumblr-Dashboard um GIFs, screenshots und hysterische Shipping-Posts von Fans, die noch verrückter sind als ich.

Ich weiß jetzt, welche Londoner Pubs umgetauft wurden, um für Cormoran’s Feierabendbier den passenden Hintergrund zu bieten. Ich habe eine grobe Ahnung davon, wie zum Teufel die Serienmacher es angestellt haben, dass Tom Burke aussieht, als habe er wirklich einen amputierten Unterschenkel. Ich habe erfahren, dass Holliday Grainger damals für die Rolle in den Harry Potter Filmen als Hermine Granger im Gespräch war. Und ich habe aus Rowling’s Tweets in Sherlock-Manier deduziert, dass das fünfte Strike-Buch 2013 spielen muss und Robin’s 29. Geburtstag (irgendwann im Oktober) darin eine Rolle spielt. (Cormoran Strike hatte seinen Geburtstag übrigens am 23. November, falls ihr nachträglich noch gratulieren wollt.)

Quelle: tumblr

Dann hatte ich die Serie geguckt (und nochmal geguckt… und nochmal…) und stand vor dem altbekannten Problem: Es war nicht genug! Da es von Cormoran Strike aber wirklich nichts mehr Neues zu erfahren gab, googelte ich ersatzweise die Hauptdarsteller der Serie. Was soll ich sagen? – Lawine Nr. 3 setzte sich in Gang.

Holliday Grainger hat im Historien-Drama “Die Borgias” Lady Lucrezia Borgia gespielt. Reichlich abendfüllender TV-Stoff, und dazu kann man sich herrlich in die italienische Geschichte des 15. Jahrhunderts vergraben. Was ich natürlich tat.

Historisch ging es weiter: Netflix spuckte mir einen Degen und Federhut tragenden Tom Burke in nicht ganz originalgetreuen Lederklamotten als “Athos” entgegen. Die grob auf Alexandre Dumas’ berühmtem Roman beruhende BBC-Serie “Die Musketiere” sorgte forthin für unterhaltsame Abende im Hause buchstapelweise und ließ Tom Burke in die Premiere League meiner englischen Lieblingsschauspieler aufsteigen.

Und da ich ein braves Mädchen bin und das schon immer mal tun wollte, las ich während einer unfreiwillig doppelt so lange dauernden Bahnfahrt (sänk ju for träwelling, DB!) endlich Dumas’ erfreulich unterhaltsamen Abenteuerroman “Die drei Musketiere”. Was natürlich zur Folge hatte, dass ich ein bisschen im Frankreich des 17. Jahrhunderts verweilte, mich mit König Louis, den Umbauten des Louvre und den historischen Vorlagen für die Romanfiguren auseinandersetzte.

(Der Name “Athos” stammt übrigens vom gleichnamigen heiligen griechischen Berg ab, dessen Betreten den Frauen verboten ist und den Dumas wahrscheinlich deshalb für das melancholischste und versoffenste unter den Musketieren wählte, weil der nach dem Hickhack mit seiner angetrauten femme fatale vermutlich die Nase von Frauen ein für alle mal voll hatte – aber das ist eine andere Geschichte, die wir gerne bei einem Glas Rotwein ausdiskutieren können.)

Aus der Zeit der Musketiere zurückgekehrt, fragte ich mich, ob Tom Burke, dessen klassisch geschulte Theaterstimme mich in der Serie echt beeindruckt hatte, eigentlich auch schon Hörbücher eingesprochen hat. Bingo! Nunja, keine Hörbücher, aber Hörspiele. Genauer gesagt, Hörspieladaptionen von klassischen Theaterstücken bei der BBC. *fangirl squee*

Quelle: BBC4 (Screenshot)

Als erstes fand ich “Cyrano de Bergerac” von Edmond Rostand, in dem Burke den Cyrano höchstpersönlich spricht. (Gibt’s zur Zeit kostenlos zum Hören). Die Verfilmung mit dem damals noch bewunderungswürdigen Gerard Depardieu hatte mir 1990 schon mal das Herz gebrochen. Und Tom Burke, der als Athos ja Erfahrung mit tragisch-romantischen Helden hat, wiederholte das bittersüße Prozedere prompt im Hörspiel. Meine Güte, kann der schön sterben! *schnief* Außerdem bot mir Cyrano abermals die Möglichkeit, in der Zeit zurück und nach Paris zu reisen. Das ging dann mit einem Rewatch des Films einher und mit dem ehrgeizigen Versuch, mein Französisch wieder salonfähig zu machen.


Quelle: audible.de (Screenshot)

Apropos Herz: in einem zweiten Klassiker-Hörspiel spricht Tom Burke keinen Geringeren als Mr. Rochester in Charlotte Bronte’s  “Jane Eyre”. Dieser Prototyp des viktorianischen Hearthrobs fehlt auf keiner “best of” Liste, aber irgendwie hatte ich den Roman nie gelesen. Das Hörspiel ist wunderschön und schubste mich zurück in meine alte Leidenschaft für gothic novels – woraufhin ich prompt meine verschütteten Uni-Lehrbücher wieder herauskramte und mich mit dem Genre nochmal auseinandersetzte (und mich nur mit Mühe von einem “Wuthering Heights”-Reread abhalten konnte). Das “Jane Eyre” Hörspiel hat mir dann nicht gereicht. Also liegt seit ein paar Tagen eine stoffgebundene, streichelwürdige Hardcover-Ausgabe von “Jane Eyre” auf meinem Nachttisch und schießt gerade in die Top 10 meiner Lieblingsbücher. Hach.

Und da bin ich jetzt. Lese einen englischen Klassiker, kann wieder besser Französisch, habe meine historischen, psychologischen, literarischen, medizinischen, geographischen, alkoholischen und sonstigen Kenntnisse deutlich erweitert, sehe J.K. Rowling in einem ganz neuen Licht, könnte der BBC die Füße küssen, Tom Burke die bärtige Wange und Mr. Rochester das vernarbte Gesicht. Und das alles wegen Cormoran Strike. Da sag’ noch mal einer, Lesen würde den Horizont nicht erweitern.

PS: Wenn ihr mich jetzt alle für verrückt haltet: Nein, ich nehme keine Medikamente gegen meine fiktionalen Obsessionen, und ich lebe auch nicht allein und verwahrlost in einer Wohnung mit sieben Katzen und einem Netflix-Account (obwohl ich Katzen liebe). Ich jongliere im wahren Leben zwei Jobs, eine Familie und einen erstaunlich ordentlichen Haushalt. Aber ihr kennt doch den Spruch: Wer nicht liest, lebt nur ein Leben. Wer liest, lebt unendlich viele. Und darauf gehe ich mental jetzt mit Cormoran und Robin ein Pint im “Tottenham” trinken. Ihr könnt gerne mitkommen.

Quelle: http://chadory0124.tumblr.com/

4 Gedanken zu “Der Lieblingsbuch-Lawineneffekt

  1. Kerstin Cordes 5. Dezember 2018 / 19:39

    Mir fällt gerade vor lauter Staunen der Unterkiefer runter….👍

    • papercuts1 5. Dezember 2018 / 20:16

      Worüber staunst du denn? Über meine Verrücktheit oder über all das, was ich dazugelernt habe?

      • Kerstin Cordes 5. Dezember 2018 / 21:28

        Über alldas was Du dazu gelernt hast natürlich 😉

      • papercuts1 5. Dezember 2018 / 21:39

        Dann ist ja gut… ☺️

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