Cormoran, Robin, ich und der Bücherkater des Jahres: „Lethal White“ von Robert Galbraith

Titel: Lethal White
dt. Titel: Weißer Tod
Autor: Robert Galbraith (aka J.K. Rowling)
Serie: Cormoran Strike #4
Format: Hörbuch/Hardcover
Sprecher Hörbuch: Robert Glenister
erschienen: 18.9.2018
Länge: 22:30 Std., ungekürzt/656 Seiten

Das Hörbuch ist ungekürzt als Download erhältlich bei audible.de und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 27,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von Audible.

Inhaltsangabe:

When Billy, a troubled young man, comes to private eye Cormoran Strike’s office to ask for his help investigating a crime he thinks he witnessed as a child, Strike is left deeply unsettled. While Billy is obviously mentally distressed and cannot remember many concrete details, there is something sincere about him and his story. But before Strike can question him further, Billy bolts from his office in a panic.
Trying to get to the bottom of Billy’s story, Strike and Robin Ellacott – once his assistant, now a partner in the agency – set off on a twisting trail that leads them through the backstreets of London, into a secretive inner sanctum within Parliament and to a beautiful but sinister manor house deep in the countryside.

Bücherkater-Alarm!

Verflucht sei J.K. Rowling! Mit „Lethal White“ hat sie mir den schlimmsten Bücherkater seit Jahren verpasst. Erst konnte ich nicht abwarten, das Buch zu beenden, und zu erfahren, wie es ausgeht. Danach saß ich da, brennend nach einer Fortsetzung und unfähig, mich für irgendein anderes Buch zu interessieren. Bücherkater galore.

Dabei ist „Lethal White“ noch nicht mal sooo großartig. Es ist etwas zu lang geraten, nicht beherzt genug gekürzt. Die Kriminalgeschichte ist so komplex und figurenreich, dass es verwirrend wird und man eigentlich eine Mindmap braucht, um folgen zu können. Der Fall kommt nach kitzelndem Auftakt dann nur sehr langsam in Gang. Rowling vergreift sich in der Klischeekiste. Die Auflösung gerät zu einer nötigen, sehr langen Erklärung, nach der ich mir immer noch nicht sicher bin, ob ich alle Zusammenhänge verstanden habe und wie Cormoran da drauf kommen konnte.

Woher dann der Bücherkater?

Weil a) nur wenige Autoren so gut wie Rowling Charaktere schreiben können, die so plastisch aus den Seiten herausragen, dass man sie fühlen kann. Und b) weil sie mich mit der kostbaren slown burn Romanze zwischen Cormoran und Robin in den süßen Wahnsinn treibt. Mit anderen Worten: I will go down with this ship. (Dido singt leise im Hintergrund).

Aber mal ernsthaft.

Porträts aus Meisterhand

Der Fall spielt sich diesmal im privilegierten Politiker-Milieu ab. Gleich zwei Familien, die die Nasen sehr oben haben und meinen, sich aus ihrer Position heraus alles erlauben zu können. Wir haben da schillernde PR-Gestalten, gefakte Bewunderungswürdigkeit, missratene Nachkommen und schwarze Schafe. Wir haben Affären, Geheimnisse, Erpressung und Mord. Ganz am Schluss, als die Fassade fällt, kommen Dinge hinter dem Titel „Lethal White“ zum Vorschein, die frösteln lassen (und – muss man zugeben – von Rowling sehr originell erfunden sind; da wäre ich nie drauf gekommen). Die Figuren sind zwar ein bisschen viele, aber Rowling zeichnet sie scharf, gnadenlos, parodistisch, auch tragisch. Das kann sie gut, und das macht Spaß.

Den konservative Politikerclans gegenüber stehen die jungen Linken. Die überzeichnet Rowling allerdings comic-artig und hinterlässt dabei ein ungutes Gefühl: Linke Protestler sind mehr als kiffende Jungspunde, die sich unter LGBT-Postern wirren liberalen Fantastereien hingeben, nur um des Protests willen. Dieses Bild stößt auf. Das ist nicht in Ordnung so, Ms. Rowling. Echt nicht.

Whodunit in klassischem Strike-Stil

Das Rätsel um eine angeblich lange zurückliegende Kindstötung, um eine Erpressung, schließlich um einen Selbstmord/Mord ist wieder ein klassischer Strike Whodunit. Viel Fußarbeit von Strike und Robin, unzählige Befragungen, viele im Retro-Detektivstil sich zusammensetzende Puzzleteile. Wer es geruhsam, unblutig und komplex mag und gerne miträtselt, wird das lieben. Am Ende macht es Rowling vielleicht etwas zu komplex. Das zeigt schon die lange Erklärung, die sie am Schluss einbaut.

Eine Herzensangelegenheit: Cormoran und Robin

Kommen wir zum Herz dieser Reihe. Kommen wir zu Cormoran und Robin und zu den regelmäßig wiederkehrenden Figuren, die sie umkreisen wie Satelliten. Mit dem grummeligen, einbeinigen, warmherzigen Cormoran Blue Strike hat Rowling einen Detektiv erschaffen, der sich genauso ins Gedächtnis brennt wie Columbo, Philip Marlowe oder Sherlock Holmes. Mit Robin Ellacott hat sie ihm eine Figur an die Seite gestellt, die smart, hell, stark und dennoch emotional genug ist, um Cormoran nicht nur ebenbürtig zu sein, sondern auch den menschlichen Faktor dieser Detektivgeschichten zu verzehnfachen. Tatsächlich ist „Lethal White“ mehr als alle anderen Bände Robin’s Buch. Über sie erfahren wir viel. (Was allerdings auch bedeutet, dass wir uns mit ihrem Ehemann Matthew herumschlagen müssen, der derzeit wohl meistgehasstesten männlichen Serienfigur überhaupt. Gott, was ist der furchtbar!)

Und die Chemie zwischen Robin und Cormoran? Dieses Werden-sie-oder-werden-sie-nicht? Dieses KÜSST-EUCH-ENDLICH-IHR-IDIOTEN?! Hilfe. Das wird mich noch umbringen. Ungelogen: Ich habe den Prolog im Auto gehört und laut aufgeheult, gefolgt von einer Schimpftirade, in der ich zwei fiktionalen Figuren den Kopf gewaschen habe. Das muss ein Autor auch erstmal hinkriegen.

Ich kenne genug, die die Strike-Reihe nicht wegen der Kriminalfälle, sondern wegen Cormoran und Robin lesen. Für mich macht es die Kombination aus beidem aus. Wobei ich allerdings zugebe, dass ich Rowling einen schwachen Fall sofort verzeihen würde, wenn nur die Weiterentwicklung von Cormoran und Robin’s Geschichte stimmt. Und mit der wird sie sich vermutlich tausend Jahre Zeit lassen. Von mir aus. Ich lese gerne tausend Cormoran Strike-Bücher.

Gehört/gelesen

„Lethal White“ habe ich im Wechsel gehört und gelesen. Beides hat seine Vorteile, aber man muss schon sagen, dass die englischen Hörbücher die Nase vorn haben. Sprecher Robert Glenister scheint einen Riesenspaß daran zu haben, dem großen Figurenensemble distinktive Stimmlagen, Akzente und Sprachmelodien zu verpassen, die einen durch sämtliche soziale Milieus und mehrere Landsteile von Großbritannien schleppen. Damit hält er den Hörer auch während der vielen, vielen Befragungen bei der Stange. Ein besonderes Fest: Cormoran’s bäriger Cornwall-Akzent und Robin’s gezähmte Yorkshire-Einfärbung, die sich in Stressmomenten ungehemmt Bahn bricht.

Fazit:

Unterm Strich steht ein weiterer komplexer Fall in einem weiteren satt porträtierten gesellschaftlichen Milieu in üblicher Strike-Machart. Meisterlich beschriebene Charaktere vor dem Backdrop Londons bekommen es mit der stoischen Beharrlichkeit eines klassisch agierenden Detektivs und seiner cleveren Partnerin zu tun. Das geht unblutig und gemächlich voran, aber die Leichen im Keller sind nicht minder schockierend. Genauso wichtig wie der Fall: die wachsende Beziehung zwischen Cormoran Strike und seiner Partnerin Robin. Wir wissen, dass die beiden füreinander geschaffen sind. Wenn die zwei es nur endlich auch merken würden… *seufz* Bleibt zu hoffen, dass es nicht wieder drei Jahre dauert, bis es mit der Reihe weitergeht.

Bewertung: Hörbuch 8/10, Sprecher 10/10

PS: Strike zum Gucken

Trailer zu „Strike – The Cuckoo’s Calling“

Die ersten drei Bücher wurden von der BBC als Serie mit bisher sieben Folgen verfilmt (und „Lethal White“ gesellt sich wohl bald dazu). Die Serie ist sehr gelungen. Die Tonalität stimmt, die Atmosphäre ebenfalls, und die Hauptdarsteller scheinen nur darauf gewartet zu haben, diese Rollen spielen zu dürfen. Die Fälle halten sich relativ dicht am Original, mit sanften Anpassungen und Auslassungen. Hierzulande wurde die Serie bisher leider auf Sky versteckt, ist aber bei den üblichen Streaming-Diensten ausleih- und kaufbar.

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