Wie würdest du dich verhalten im Angesicht einer Katastrophe?
Hoch oben im Norden Schwedens regnet es schon fast den ganzen Herbst. Und dann zeigen sich im obersten Staudamm des Lule älv tatsächlich Risse. Keiner kann sich vorstellen, dass er brechen könnte. Doch dann geschieht genau das – die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Das Wasser kommt in gigantischen Massen. Ein Tsunami im eigenen Land. Inmitten des Infernos eine Gruppe von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die nun aufeinander angewiesen sind, wollen sie überleben: Der Hubschrauberpilot, der kurz vor einem Selbstmord stand. Die Künstlerin, die mit ihrer Malgruppe in den Wäldern umherstreift. Die Schwangere, die an einen Schornstein geklammert um ihr Überleben kämpft und von einem anderen Schiffbrüchigen ins Boot gezerrt wird. Zwei Ingenierinnen, die schon lange vor der Gefahr gewarnt haben. Sie alle stehen vor einer gewaltigen Herausforderung: Sie kämpfen nicht nur ums Überleben, sondern auch um ihre eigene Menschlichkeit …
Zum Buch:
Ich kann es kurz machen: Die Flutwelle ist merkwürdig. Spannend. Und abstoßend.
Blei Sommerhitze und aufziehendem Gewitter lese ich diesen schwedischen Katastrophenthriller im Laufe eines Tages runter. Die sehr kurzen Kapitel (ca. 3 bis 8 Seiten) jeweils aus der wechselnden Sicht der fast zwei Handvoll handelnder Personen sowie die daraus resultierenden dauernden cliffhanger machen es schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Zumal Niemi ohne großes Fackeln in die Katastrophe einsteigt: Der eine Domino-Flutwelle auslösende Damm bricht gleich auf den ersten paar Seiten. Warum genau, das erfahren wir nicht. Interessiert aber auch keinen, denn darum geht es nicht.
Es geht um den Überlebenskampf, den jede der Hauptfiguren ganz für sich auf ihre Art und Weise führt, durch deren Augen gesehen. Das ist ein Konzept, das Spannung garantiert. Zumal Niemi schonungslos und ungeschönt schreibt. Knochen brechen, bleiche Körper trudeln in den Wassermassen und Menschen ersaufen wie die Hunde, grausame Bilder im Kopf und helle Panik im Hirn. Niemis Erzählstil hat etwas von einer Kamera mit Polfilter. Gestochen scharf, mit fast unerträglichem Kontrast und ohne Weichzeichner beschreibt er Szenen, an die einen leises Grauen fesselt. Es ist gräßlich, aber man kann nicht wegsehen. Weiterlesen →
Das Hörbuch ist im Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 15,95). Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von audible.
Beschreibung (audible):
Don Tillman ist hochintelligent, sportlich, erfolgreich – und er will heiraten. Allerdings findet er menschliche Beziehungen oft höchst verwirrend und irrational. Was tun? Don entwickelt das Ehefrau-Projekt: mit einem 16-seitigen Fragebogen will er auf wissenschaftlich exakte Weise die ideale Frau finden. Also keine, die raucht, trinkt, unpünktlich oder Veganerin ist. Und dann kommt Rosie. Unpünktlich, Barkeeperin, Raucherin. Ohne recht zu verstehen, wie ihm geschieht, lernt Don staunend die Welt jenseits beweisbarer Fakten kennen und stellt fest: Gefühle haben ihre eigene Logik.
Zum Hörbuch:
Es ist Monate her, dass ich The Rosie Project zuende gehört habe. Und ich habe mit mir gerungen, ob ich überhaupt eine Rezension dazu schreiben soll. Ob ich das kann. Ob ich genug trennen kann zwischen persönlicher Erfahrung und einer fiktiven Geschichte, um auch nur annähernd objektiv zu sein. Nun, der Abstand ist inzwischen groß genug, um ein paar Worte zu diesem Hörbuch zu sagen.
Seht ihr, The Rosie Project ist eine unterhaltsame Liebesgeschichte. Es geht um diesen Genetik-Professor, der mithilfe eines Fragebogens eine Frau finden will. Der dann tatsächlich eine Frau findet, die aber völlig ungeeignet und am Ende doch die einzig Richtige ist. Es kommt ein spannender, teils kontroverser ’supporting cast‘ vor, allen voran Don’s bester Freund, ein herzlicher Psychologie-Professor, der nicht merkt, wie sehr seine Ehefrau unter dem Prinzip der ‚offenen Ehe‘ leidet, Don aber ständig über Beziehungen berät. Es kommt zu einem Haufen witziger Momente, und Don ist ein derart skurriler aber grundsympathischer Kerl, dass man ihn ins Herz schließt und sehr mit ihm mitfiebert. Und Rosie ist ein bunter, freigeistiger Wirbelwind von Frau, wie man sie nur mögen kann.
Das Problem ist, dass die erzählende Hauptperson, Don Tillmann, sich irgendwo auf dem autistischen Spektrum befindet. Es wird absichtlich nicht ausgesprochen, aber offensichtlich hat er ein undiagnostiziertes Asperger-Syndrom, über das er selbst so gekonnt einen treffenden Vortrag hält. Mein Problem damit ist nun, dass ich mich mit diesem Thema gut auskenne. Etwas zu gut. Tatsächlich bin ich Mutter eines halbwüchsigen ‚Aspie‘ und kenne noch etliche weitere Exemplare dieser besonderen Spezies.
Und da beginnen meine Schwierigkeiten mit Don, mit Rosie und mit der ganzen Geschichte: Ich vergleiche zu sehr. Ich weiß zuviel. Und andererseits weiß gerade ich, dass kein Aspie ist wie der andere, und dass jeder Vergleich genau deshalb wieder hinkt. Und bei alledem verliere ich aus den Augen, dass The Rosie Project eigentlich kein Buch über das Asperger-Syndrom ist, sondern eine humorvolle, liebenswürdige Geschichte über zwei Menschen, die sich trotz aller Gegensätze finden und lieben.
Denn das ist es: Humorvoll. Man lacht viel, wenn Don aufgrund seiner Veranlagung immer wieder in Fettnäpfchen tritt und in seltsame Situationen gerät. Man lacht schönerweise dabei nicht über ihn, sondern über die Situation an sich und was geschieht. Da beweist Simsion genügend Fingerspitzengefühl und stellt Don nicht als unfreiwilligen Clown dar. Es hilft natürlich auch, dass wir die Geschichte durch Don’s Augen sehen und seine Perspektive annehmen. Das hilft zu verstehen und hält uns sogar oft einen Spiegel vor. Don’s wortwörtliche Logik stellt sich mehr als einmal als klarer und eigentlich ’normaler‘ heraus als die aller anderen. Zudem lösen sich diese Situationen fast durchweg positiv auf, bringen die Geschichte weiter und Don und Rosie ein Stück einander näher.
Es macht Spaß, den beiden auf ihrem Weg in eine Liebesbeziehung durch einige Auf und Abs zuzuschauen. Nirgendwo gibt es in der Geschichte Längen, dafür fast durchweg sympathische Hauptfiguren und einen Erzähler, dessen Weltsicht, Sprache und Erlebnishorizont genauso ungewöhnlich wie interessant sind. Und nach allem, was ich weiß und bisher erlebt habe, ist Don’s leicht autistisches Wesen durchaus authentisch dargestellt: Seine Überkorrektheit, sein Kleben an Routinen und Ritualen, das wortwörtliche Verstehen von Ironie oder Idiomen, sein ausgeprägtes und starkes logisches Denken im Gegensatz zu seiner Naivität gegenüber Zwischenmenschlichem – das ist alles nicht nur lehrbuchmäßig sondern kommt auch tatsächlich im wahren Leben so vor.
ABER. Da haben wir’s. Das große ABER. Don ist eben nur eine Sorte von Aspie. Und dazu noch ein ziemlich klischeehafter: Der hochintelligente, zahlenversessene, liebenswerte Freak. Dieser Typ wird in Literatur und Film gerne dargestellt, stellt in Wirklichkeit aber nur einen kleinen Prozentsatz von Asperger-Autisten dar. (Im Interview unten erzählt Simsion, dass ‚Don‘ größtenteils auf der Beobachtung seiner akademischen Kollegen und Bekannten beruht und weniger auf recherchierten Fakten). Ja, es stimmt: Viele von ihnen haben Inselbegabungen und sogenannte ‚Spezialinteressen‘, aber die meisten haben eine Durchschnittsintelligenz, und nicht wenige von ihnen landen aufgrund ihrer vielfältigen Schwierigkeiten nicht an Universitäten, sondern auf Förderschulen und in Arbeitslosigkeit.
Und selbst die hochintelligenten Aspies, die aufgrund ihres guten ‚Durchkommens‘ im Leben dann meist gar nicht diagnostiziert werden, kennen die andere Seite der Medaille, die so gar nichts mit lustig oder romantisch zu tun hat. Es ist die Seite, die in The Rosie Project ein paar Mal angedeutet, aber leicht übersehen wird: Es sind die Missverständnisse, die sich eben nicht in Lacher auflösen, sondern in Tränen. Es ist Einsamkeit, weil Freundschaft und Beziehungen trotz allen Willens für Aspies ein Buch mit sieben Siegeln sind. Es ist Überforderung, wenn zu viel Neues passiert und die Ängste davor zu groß werden, um sie zu überwinden. Es ist der Schmerz, anders zu sein als die anderen und das immer wieder zu spüren zu kriegen. Und es sind die Konflikte mit dem Umfeld, mit der Familie, die für alle Beteiligten eine extreme Dauerbelastung sind.
Ich könnte hier noch ewig weitermachen, verkneife mir das aber. Es geht hier ja nicht um mich, sondern um Simsion’s Roman. Ich will hier auch gar nicht gegen sein wirklich schönes Buch wettern. Zumal er zwischendurch eben immer mal wieder andeutet, dass auch Don schwierige Zeiten hinter sich hat. Dass die Beziehung zu Don’s Familie problematisch war. Dass es in Don’s Jugend dunkle Kapitel mit viel Kummer gegeben haben muss. Dass er und Rosie sich wirklich anstrengen müssen, um einen Weg miteinander zu finden, den sie gehen können. Nicht alles ist eitel Sonnenschein.
Ich möchte eigentlich einfach nur loswerden, dass man beim Lesen dieses Buches vorsichtig damit sein muss, sich ein Bild über autistisch veranlangte Menschen wie Don zu machen. Dazu ist es einfach zu einseitig dargestellt und klammert die problematischen Aspekte zu sehr aus. Dazu macht Simsion es sich am Schluss auch zu einfach: Dass Don sich einfach so ändert, nur für Rosie, ist nicht realistisch und gefällt mir auch nur bedingt.
Letztlich kommt es darauf an, was man von diesem Buch erwartet. Wenn man The Rosie Project als exzentrisch-humorvolle Liebesgeschichte lesen möchte, dann ist das kein Problem und sehr empfehlenswert. Absolut nett geschrieben, hoch unterhaltsam und mit einem Happy End, aus dem kein Kitsch trieft.
Wenn man aber etwas über Menschen mit Asperger-Syndrom lernen möchte, dann ist The Rosie Project nur ein Einstieg in ein hoch komplexes, schwieriges Thema, das hier etwas zu sehr verniedlicht wird. Im wahren Leben ist Autismus (und zwar in jeder Form) alles Mögliche, aber sehr selten lustig – außer man hat eine Menge Galgenhumor.
(Wer dieses Thema übrigens mit mir weiter diskutieren oder Literatur- und Filmtipps haben möchte, kann das gerne tun, hier in den Kommentaren oder über das Kontaktformular per Email. )
Zum Sprecher:
Dan O’Grady hört sich an, als würde er ein wissenschaftliches Experiment kommentieren. Und das passt. In seiner Stimme schwingen Logik und eine fast kindliche Neugierde mit, wobei Gefühle der verdeckte Subtext bleiben. Die Stimmlage bleibt relativ beschwingt, in Don’s Stressphasen klingt eine gewisse Unruhe mit, aber die emotionalen Ausschläge sind gering. Das passt zu Don’s akademisch-empirischem Wesen sehr gut und setzt den Text passend in gesprochene Worte um.
Ob die Erzählweise zu einem Aspie passt? Nun, auch da gibt es ein riesiges Spektrum. Aus meiner Erfahrung hören sich Asperger-Autisten oft ein wenig ‚flach‘ an in der Betonung. Dazu kommt ein gewisser ‚Vortragston‘ selbst im normalen Gespräch. Häufig klingen sie ein wenig altklug, was auch an der oft überkorrekten Sprache liegt und der Tendenz, im Bereich ihrer Spezialinteressen geradezu lexikalisch zu klingen.
Was Don angeht, passt das also. Es gibt aber genauso Aspies, die sehr emotional klingen, die sich weniger geschliffen ausdrücken, und auch solche, deren Stimme auffällig monoton ist. Man kann das also nicht über einen Kamm scheren. O’Grady orientiert sich offenbar an dem, was ihm die Ich-Erzählung als ‚Sprachcharakter‘ vorgibt, und das macht er gut.
Wichtig zu wissen für Nicht-Muttersprachler: So wie Simsion, kommt O’Grady aus ‚down under‘ (oder tut zumindest so). Australisches Englisch ist für Ungeübte nicht leicht zu verstehen, und selbst wenn ‚Don‘ ausgesprochen deutlich und sauber spricht, muss man sich da schon reinhören und diesen Akkzent auch mögen. Sonst gibt es Verständnisprobleme, und das Hörbuch geht einem schnell auf die Nerven.
Fazit:
Eine nette, flott zu lesende Liebesgeschichte, gesehen durch die Augen eines liebenswerten, skurrilen Wissenschaftlers, der eine leichte Form von Autismus hat. Die Geschichte an sich funktioniert, wird nie langweilig und bietet viele Gelegenheiten zum Schmunzeln. Die Figuren sind sympathisch (auch wenn man sich über Don’s dauer-fremdgehenden besten Freund gut streiten kann), allerdings allesamt ziemlich klischeehaft.
Das größte Klischee ist dabei die Hauptfigur selbst: Obwohl es nie ausgesprochen wird, hat Don eindeutig eine Autismus-Spektrum-Störung, vermutlich in Form eines Asperger-Syndroms. Es geht in dem Buch zwar nicht zentral um Autismus. Aber auf Don’s besonderen Sicht- und Verhaltensweisen baut sich die ganze Geschichte eben auf. Und leider stellt Simsion Don’s Problematik zu einseitig und verniedlicht dar. Das muss man wissen, wenn man The Rosie Project liest oder hört, sonst macht man sich ein falsches Bild.
Als leicht dahinfliegendes Sommer-Hörbuch wunderbar geeignet. Als Wissensquelle über Autismus nur bedingt.
Bewertung:
Hörbuch: 7 von 10 Punkten
Sprecher: 8 von 10 Punkten
Infos zur deutschen Ausgabe:
Das Rosie Projekt gibt es auch als deutsches Buch und Hörbuch. Die Hörbuchfassung wird von Robert Stadlober gesprochen und ist ungekürzt bei audible.de erhältlich. Der Roman ist in gedruckter Form bei Fischer Krüger erschienen und umfasst 352 Seiten. Eine Kindle-Version gibt’s natürlich auch.
Der Roman tummelt sich seit Wochen auf der deutschen Bestseller-Liste und ist in 32 Ländern erschienen.
In diesem Interview erzählt der sehr sympathische Autor u.a. Einiges zum Thema ‚Asperger‘ in Bezug auf seinen Roman und wie er die Hauptfigur und seine Erzählperspektive ins Leben gerufen hat.
Das Hörbuch erhaltet ihr im Download bei audible.de, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo nur € 9,95 (regulärer Preis: € 29,95) Auf der Produktseite findet ihr auch eine Hörprobe.
Beschreibung (audible):
Leibhaftige Götter in weißen Limousinen, ein alter Mann, der sich als Odin, der mythische Allvater, erweist, eine Münze, die Tote wiedererweckt, und eine monumentale Götterschlacht in der Mitte der USA – Neil Gaiman hat einen großen Roman über die Mythen Amerikas geschrieben.Hauptfigur ist Shadow, eine eher zwiespältige Gestalt, die nach einer dreijährigen Gefängnisstrafe in die Freiheit entlassen wird, nur um sich mit dem Tod seiner Frau und seines besten Freundes konfrontiert zu sehen, die ein Verhältnis miteinander hatten. Notgedrungen nimmt er einen Job bei einem merkwürdigen alten Mann an, der sich „Wednesday“ nennt. Wednesday entpuppt sich als Inkarnation des nordischen Gottes Odin und ist nur einer von zahlreichen übermächtigen Wesen, denen Shadow auf seiner Reise durch das Herz von Amerika begegnet. Im Laufe des Romans stellt sich heraus, dass der nordamerikanische Kontinent nicht nur die Heimat von Menschen aus der ganzen Welt geworden ist, sondern auch von Göttern aus den unterschiedlichsten Mythologien und Religionen.
Wie schon bei Sandman zaubert Neil Gaiman mit großer Virtuosität Figuren und Geschichten aus allen Kontinenten aufs Tableau und lässt seine Leser eine ihnen bekannte Welt mit völlig neuen Augen sehen. „American Gods“ überzeugt von der ersten bis zur letzten Minute – liebevoll gezeichnete Protagonisten, eine spannende und vielschichtige Handlung, unaufdringliche Kritik am Selbstbild der USA und ihrer Bewohner.
Zum Hörbuch:
Ich liebe Neil Gaiman. Als Grenzgänger zwischen den Genres, zwischen Realität, Mythologie und Magie ist er ein düster schillernder Vogel der englischen Exzentrik-Literatur. Nachdem mich The Ocean at the End of the Lane letztes Jahr völlig aus den Socken gehauen hat und ich auch dem verrückt-genialen Hörspiel Neverwhere viel abgewinnen konnte, war endlich einer von Gaiman’s ‚Klassikern‘ an der Reihe: American Gods. Und zwar auf Deutsch, weil es keine von Neil Gaiman selbst gelesene Aufnahme gibt, und weil Stefan Kaminski’s Kehlkopf eine unendliche Anzahl an Stimmen und Akkzenten beherbergt.
Es fängt recht erdverbunden an: Wir lernen Shadow kennen, der seinen letzten Tag im Knast absitzt, und ein paar seiner Mitinsassen. Dazu gehört auch Low Key Lyesmith, dessen Name beim geneigten Hörer bereits einen ersten Aha!-Moment auslösen sollte. Na, klingelt’s?
Ich bin an dieser Stelle froh, dass ich mich vor kurzen erst mit Kaminski’s Ring des Nibelungen und den nordischen Göttern auseinandergesetzt habe, denn außerhalb der Knastmauern begegnet uns schon der nächste und heuert den entlassenen Shadow als eine Art Bodyguard an. ‚Wednesday‘ ist eine beeindruckende Figur mit doppeltem Boden und nutzt den armen Shadow ganz schön aus. Schockiert angesichts des Todes seiner Frau Laura, begibt sich unser Ex-Häftling auf eine Art rauschhaften Roadtrip durch die USA und die Welt der alten und neuen Götter.
Was an Stringenz zu Beginn vorhanden war, endet damit auch schnell. Die Handlung ist nur eine Art Ausrede für a) eine Lehrstunde in Sachen globaler Mythologie und b) Gaiman’s Kritik an den USA und der modernen Welt.
Und da haben wir auch schon meinen ersten Kritikpunkt: Eigentlich ist American Gods kein Roman, sondern ein Flickenteppich aus Kurzgeschichten, Legenden, Träumen, Halluzinationen, Erinnerung, Zwischenspielen und – ganz am Rande – einer Mordermittlung. Das führt dazu, dass man manchmal den (dünnen) Faden verliert. Der Mischmasch wird zu einem verwirrenden Mosaik, bei dem man das große Ganze nicht gut sieht. Wo oben und unten ist, in welche Gefilde Gaiman mit seiner unfassbaren Vorstellungskraft entschwebt, ist nicht immer ganz fassbar. Einen Höhepunkt gibt es auch nicht wirklich. Zwar reden alle von einem aufkommenden Sturm, von der großen Schlacht, aber da muss ich euch enttäuschen: klirrende Schwerter und Feuerbälle schleudernde Götter werdet ihr am Ende vergeblich suchen. Der erwartete Showdown findet so nicht statt.
Den roten Faden liefert in American Gods nicht die Handlung, sondern die mitspielenden Figuren. Liebevoll ausgezeichnet, lässt Gaiman ein weltumspannendes Ensemble an Gottheiten vor uns aufmarschieren. Manche sind eindeutig, bombastisch, bekommen ihre eigene Vorstellung und begleiten Shadow durch das ganze Buch. Bei einigen muss man aber auch ganz genau hinsehen, um sie zu erkennen. Das macht zum einen Spaß, führt zu fröhlichem Recherchieren und faszinierenden Entdeckungen (wisst ihr, wer und was sich hinter ‚Ostern‘ verbirgt?). Zum anderen kann man aber auch leicht etwas bzw. jemanden verpassen, und mehr als einmal beschleicht mich das Gefühl, etwas nicht mitbekommen zu haben. Da verliert mich Gaiman schon mal.
Im Gegensatz zu den alten Göttern, die bei Gaiman zu halb vergessenen, sterblichen und sich mit Betrügereien durchs Leben schlagenden Gaunern verkommen sind, geraten die modernen Götter etwas nebulös. Ob ‚Mr. Town‘, ‚Mr. Train‘ oder der ewig Junkfood in sich stopfende Computerjunkie – die Götter der Neuzeit sind wenig definiert und besitzen keinen Charme. Klar, Gaiman kritisiert unsere technikverliebte Neuzeit, vor allem das selbstverliebte, gottlose Amerika. Aber das verpufft am Ende ohne großes Echo in einem recht faulen Zauber. Finde ich schade.
Was bleibt also? Mit Sicherheit Gaiman’s überbordendes Talent für skurille Parallelwelten und denkwürdige Figuren. Es macht Spaß, wenn nordische Gottheiten Ahnungslosen das Geld aus der Tasche ziehen und betörende Vamps ihre Freier im wahrsten Sinne des Wortes verschlingen. Zu rätseln, welche Gottheit sich hinter welcher Figur verbirgt, ist ein spannendes Spielchen. Und es gibt Momente, da trifft Gaiman’s Sprache ins Schwarze: Ebenso fantasie- wie unheilvoll übergießt er mich da mit Gänsehaut.
Nur leider, leider ist die Handlung schwach auf der Brust, teils verworren, und emotional kann mich das Ensemble – wie schillernd auch immer es auftritt – nicht mitreißen. Es funkt nicht zwischen mir und American Gods. Das muss ich ganz einfach so hinnehmen.
Zum Sprecher:
Bücher von Neil Gaiman sollte eigentlich Neil Gaiman selbst vorlesen. Leider gibt es keine Version von American Gods von ihm. Daher mein Griff zum deutschen Hörbuch und zu Stefan Kaminski.
Der ist natürlich alles andere als ‚2. Wahl‘. Kaminski ist ein komplettes Hörspielensemble in einer Person. Das von ihm benannte ‚Stimmen-Morphing‘ beherrscht er wie kaum ein zweiter. Auch hier bekommt jede Figur eine eigene, unverkennbare Stimme, und Kaminski schwelgt geradezu in der Chance, sein Talent für ausländische Akzente zu zeigen. Betagte afrikanische Trickster-Götter sind ebenso wenig ein Problem wie überirdische Wesen aus Russland, Skandinavien oder Haiti. Sexy säuselnde Göttinnen befinden sich bei Kaminski locker eine Gesamtoktave über ägyptischen Totengräbern und anderen männlichen Gestalten. Kaminski spricht nicht nur, er schmatzt, seufzt, keckert mit hörbarem Gesamtkörpereinsatz und sitzt am Ende garantiert wieder schweißgebadet vor dem Mikrofon. Für ein so außergewöhnliches Verwandlungstalent wie Kaminski ist American Gods ein gefundenes Fressen.
Fazit:
Ein Epos, ein Roadtrip durch Amerika, in Begleitung von Göttern aus allen Mythologien, die um ihre Existenz in modernen Zeiten bangen. Gaiman schafft bezaubernde, beunruhigende und enigmatische Figuren, geboren aus Folklore, Religion und Mythologie der ganzen Welt. Ein Fundus an Fantasie und überlieferten Legenden ergießt sich über den Hörer.
Die eigentliche Handlung verpufft dabei leider und gerät schon mal unter die Räder von Gaiman’s überbordender Vorstellungskraft. Es gelingt nur unzureichend, den aufziehenden Göttersturm, die Wiedererweckungsgeschichte von Shadow’s Frau und die verschwundenen Mädchen in einer kleinen Stadt zusammenzuführen. Nebenbei auch noch sanft Kritik an Amerika und den modernen ‚Göttern‘ zu üben, überfordert das ganze Konstrukt ein bisschen.
Ohne Zweifel bin ich immer noch ein riesengroßer Gaiman-Fan. Aber hier tischt er mir ein bisschen zu viel auf. Da kann auch Stefan Kaminskis großartiger, vielstimmiger Vortrag nur bedingt drüber hinwegtrösten.
Bewertung:
Hörbuch (Story, Sprache, Charaktere): 6 von 10 Punkten
Sprecher: 10 von 10 Punkten
American Gods soll übrigens als TV-Serie von Freemantle Media produziert werden. Wann genau, in welcher Form, und wer mitspielt – das steht alles noch nicht fest. Neueste Entwicklungen könnt ihr auf Neil Gaiman’s eigenem Blog verfolgen: http://journal.neilgaiman.com
Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo nur € 9,95 (regulärer Preis €17,95). Auf der Produktseite von audible findet ihr auch eine Hörprobe.
Beschreibung (audible):
Es passiert, als Theo Decker dreizehn Jahre alt ist. An dem Tag, an dem er mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, verändert ein schreckliches Unglück sein Leben für immer. Er verliert sie unter tragischen Umständen und bleibt allein und auf sich gestellt zurück, sein Vater hat ihn schon lange im Stich gelassen. Theo versinkt in tiefer Trauer, die ihn lange nicht mehr loslässt. Auch das Gemälde, das seit dem fatalen Ereignis verbotenerweise in seinem Besitz ist und ihn an seine Mutter erinnert, kann ihm keinen Trost spenden. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das vergeht, kommt er immer weiter von seinem Weg ab und droht, in kriminelle Kreise abzurutschen. Und das Gemälde, das ihn auf merkwürdige Weise fasziniert, scheint ihn geradezu in eine Welt der Lügen und falschen Entscheidungen zu ziehen, in einen Sog, der ihn unaufhaltsam mit sich reißt.
Zum Hörbuch:
Was ist, wenn einer zufällig von einem Herzen besessen ist, dem nicht zu trauen ist? Wenn dein tiefstes Inneres dich singend zum Scheiterhaufen lockt, sollst du dich dann lieber abwenden, dir die Ohren mit Wachs verstopfen, den perversen Glanz ignorieren, von dem dein Herz dir zubrüllt? […] Oder ist es besser, dich – wie Boris – kopfüber und lachend in das heilige Wüten zu stürzen, das deinen Namen ruft?
Donna Tartt, Der Distelfink
Wo fängt man an, wenn eine Geschichte so episch, gewaltig und komplex ist wie ‚Der Distelfink‘? Wie kann ich euch einen Einstieg verschaffen in ein Hörbuch, das mich mitgerissen hat wie lange keins mehr?
Beginnen wir – der Einfachheit halber – am Anfang. Wir lernen Theo kennen, 13 Jahre alt, und seine Mutter. Die beiden verknüpft eine enge Bindung. Zart, exklusiv und beinahe symbiotisch wirkt die Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Das Band zerreißt jäh bei einem Bombenanschlag auf ein New Yorker Museum. Theo’s Mutter stirbt, während Theo nur leicht verletzt (zumindest äußerlich) überlebt.
Das hört sich nach einem rasanten und schockierenden Einstieg in die Geschichte an. Schockierend ist es auch. Rasant – nein. Die Stunden und Tage nach der Explosion erleben der junge Theo und der Leser/Hörer als nicht enden wollendes Trauma. Es sind tatsächlich mehrere Stunden Hörbuch, in denen wir mit Theo im Schock zwischen den Trümmern knien und einem alten Mann beim qualvollen Sterben zusehen. Dem Mann, der Theo einen Ring und ein kleines Gemälde zuschiebt: den ‚Distelfink‘ des niederländischen Malers Fabritius.
Zusammen mit der lieben @Liedie40 lese ich Anna Karenina von Leo Tolstoi. Näheres dazu erfahrt ihr HIER. Verfolgen könnt ihr unser Vorankommen auf Twitter unter dem hashtag #TeamTolstoi. Außerdem ziehe ich nach jedem der 8 Teile, in die der Roman sich splittet, eine kurze Bilanz.
Teil 5: Eine Hochzeit und ein Todesfall
Kitty und Lewins Hochzeit steht vor der Tür. Zuvor bringt der eigentlich nicht gläubige Lewin noch die erforderliche Beichte hinter sich. Nach einem kurzen Anfall von ‚kalten Füßen‘, und nachdem das fehlende Hemd für die Hochzeit doch noch auftaucht, findet erst die Verlobungs- und direkt im Anschluß die Trauungszeremonie statt. Danach brechen die Frischvermählten auf zu Lewins Landgut.
Wronski und Anna verweilen nach dreimonatiger Europareise in einer kleinen Stadt in Italien. Sie treffen dort einen alten Kameraden Wronskis, der sie mit einem Maler in Kontakt bringt. Er fertigt ein Portrait von Anna an. Wronski hat inzwischen selbst mit dem Malen begonnen, jedoch mit mäßigem Talent.
Lewin und Kitty sind nach drei Monaten Ehe im Alltag angekommen und haben erste Streitigkeiten überwunden. Sie erhalten Nachricht, dass Lewins Bruder Nikolai in einem Gasthof auf dem Weg nach Moskau im Sterben liegt. Gegen Lewins Willen besteht Kitty darauf, mit ihrem Mann dorthin zu fahren. Sie erweist sich als große Stütze für Lewin und pflegt Nikolai, bis dieser nach Tagen stirbt. Der anwesende Arzt stellt noch etwas fest: Kitty ist schwanger.
Das Hörbuch ist im Download erhältlich bei audible.de, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo nur € 9,95 (regulärer Preis €29,95) Eine Hörprobe findet ihr ebenfalls auf der Produktseite von audible.
Beschreibung (audible):
Eine Professorin der Elite-Universität Marsac liegt ertrunken und grausam gefesselt in der Badewanne. In ihrem Rachen steckt eine Taschenlampe. Ohrenbetäubende Musik von Gustav Mahler schallt durch die Nacht. Kindertotenlieder. Beklemmung macht sich in Kommissar Martin Servaz breit. Ist Mahler doch der Lieblingskomponist des hochintelligenten und seit Monaten flüchtigen Serienmörders Julian Hirtmann. Hauptverdächtig ist jedoch ein Student: ausgerechnet der Sohn von Servaz‘ Jugendliebe. Für den Kommissar beginnt eine Reise in die Vergangenheit.
Zum Hörbuch:
Salut, Servaz! Auf das Wiedersehen mit Commissaire Martin Servaz habe ich mich gefreut, seit ich vor 2 Jahren Schwarzer Schmetterling gehört habe – einen düsteren, breit angelegten Pyrenäen-Krimi, in dem der kernige Ermittler seinen Einstand gab.
Da ist er also wieder, und es ist schön, dass sich die Geschichte außer um die Morde vor allem um Servaz selbst dreht. Ich liebe Buchreihen, in denen die Hauptfiguren nach und nach an Dreidimensionalität gewinnen; wo man zuerst nur neugierig machende Andeutungen bekommt und dann von Band zu Band immer mehr über die Geschichte und den Charakter der ‚Helden‘ erfährt.
Wir wissen schon aus dem 1. Band, dass Servaz ein Typ mit Ecken und Kanten ist. In Kindertotenliedarbeitet Minier die noch deutlicher heraus, geschickt verwoben mit den Nachwehen und offenen Rechnungen aus Schwarzer Schmetterling.
Es gibt tiefgreifende Einblicke in die Vergangenheit des Kommissars. Wir lernen alte Freunde und vor allem alte Liebschaften kennen und erfahren, welche Gefühle der damit verknüpfte Fall in Servaz wieder ans Licht zerrt. Das ist gut – das macht Martin verwundbar, angreifbar und verstrickt ihn ganz persönlich in die Ermittlungen. Nichts ist besser, als ein Ermittler, der plötzlich selbst zur Zielscheibe wird – emotional wie buchstäblich.
Anläßlich des ‚Welttags des Buches‘ habe ich gerne bei der ‚Blogger schenken Lesefreude‘-Aktion mitgemacht. Eins von vier Büchern konntet ihr bei mir gewinnen. Jetzt ist es so weit: Die Gewinner sind ausgelost!
Da sich so viele beteiligt haben (65 Teilnehmer!), habe ich statt Zettel-Ziehen den True Random Number Generator von random.org für die Auslosung benutzt. Und der hat folgende Gewinner ausgespuckt:
Zusammen mit der lieben @Liedie40 lese ich Anna Karenina von Leo Tolstoi. Näheres dazu erfahrt ihr HIER. Verfolgen könnt ihr unser Vorankommen auf Twitter unter dem hashtag #TeamTolstoi. Außerdem ziehe ich nach jedem der 8 Teile, in die der Roman sich splittet, eine kurze Bilanz.
Teil 4 – Höhepunkte zur Halbzeit
Die Hälfte ist geschafft! 659 Seiten, und eigentlich ging das recht flott. Es war aber auch allerhand los in diesem Teil. Nichts mit dem so oft üblichen Durchhänger in der Mitte eines Buches! Stattdessen Dramen zuhauf.
Heute ist er – der ‚Welttag des Buches‘! Also starten wir sie mal, die Verlosung im Rahmen der ‚Blogger schenken Lesefreude‘-Aktion!
Bei mir könnt ihr vier Bücher gewinnen! Ich freue mich, für jeden Geschmack etwas anbieten zu können: Eine Dystopie, ein Märchen für Erwachsene, einen Polit-Krimi und einen literarischen Roman.
Die Verlosung startet heute, 23.4.2014, um 0.00h und endet am 30.4.2014 um 0.00h (ihr habt also ein bisschen Zeit, euch durch die vielen hundert Blogs durchzuarbeiten, die mitmachen, und müsst nicht in Hektik geraten).
Liebend gerne teile ich euch mit, dass es am 23.4., am ‚Welttag des Buches‘, ein 4. Buch bei mir zu gewinnen gibt. Der Suhrkamp-Verlag unterstützt die ‚Blogger schenken Lesefreude‘-Aktion und hat mir für die Verlosung ein Exemplar von Marion Poschmanns Die Sonnenpositionzur Vergügung gestellt. Danke!
Der Text auf der Rückseite des im August 2013 erschienenen Romans liest sich so:
„Schatten läßt sich nur ableiten. Schatten ist da, wohin mein Blick nicht fällt. Dennoch weiß ich um ihn, denn das Licht entsteht aus der Finsternis.“
Ein Roman über die Macht der Zeit, über Erinnerung und zeitlose Verbundenheit. Ein Roman über fragile Identitäten, über den schönen Scheinund die Suche nach dem inneren Licht – funkelnd, glasklar und von subtiler Spannung.
Das hört sich sprachlich sehr schön an, oder? Aber auch kryptisch, also verrate ich euch etwas mehr über den Inhalt: