Top 5: Meine Lieblingsbücher und -hörbücher 2022

Puh, das war echt nicht einfach dieses Jahr. Nur bei zwei dieser Bücher war mir direkt klar, dass sie am Ende auf meiner Bestenliste landen würden. Die anderen drei hätte ich da nicht sofort gesehen; aber im Rückblick und im Vergleich mit dem, was ich ansonsten gelesen und gehört habe, stechen sie – trotz Fehlern – dann eben doch durch Besonderheiten hervor und heben sich vom Rest ab.

Um Platz 1 und 2 haben zwei Titel gekämpft, die ich jeweils zu Jahresbeginn und zu Jahresende gelesen habe, und auch diese beiden sind nicht perfekt, und schon gar nicht Mainstream. Aber sie haben mein Herz höher schlagen und mich in andere Welten eintauchen lassen, so dass ich drumherum alles vergessen konnte, und genau das suche ich beim Lieblingsbüchern.

Titel: Lancelot

Autor: Giles Christian

Sprache: Deutsch

aus dem Englischen von: Julian Haefs

Format: Taschenbuch

Verlag: Heyne

erschienen: 10.01.2022

Länge: 832 Seiten

Wer mich kennt, weiß, dass ich seit Kindertagen eine Schwäche für König Artus und die Ritter der Tafelrunde habe. Damals hat mich erst der Zauberer Merlin fasziniert, dann King Arthur selbst, und als Erwachsene habe ich dann ein Faible für Lancelot, die vielleicht tragischste Figur der ganzen Artus-Sage, entwickelt.

Seine Geschichte interpretiert der britische Autor Giles Christian in dieser Nacherzählung neu. Es ist eine Mischung aus Coming-of-Age, Liebesgeschichte und historisch anmutender Fantasy, wobei die magischen Elemente sehr zurückhaltend eingewoben sind. Giles nimmt sich viel Zeit, um uns das Heranwachsen und die Ausbildung des jungen, verwaisten Lancelot auf einer fast unbewohnten Insel zu schildern, wo ihm schon als Kind ein Mädchen begegnet, das sein Schicksal und das der Tafelrunde besiegeln wird: Guinevere. Erst im zweiten Teil des Romans lernt der erwachsene Lancelot den englischen König und Feldherrn Arthur kennen und wird einer seiner treuesten Ritter und Freunde.

Man braucht Geduld für diesen Roman, und das Pacing ist uneben: Erst detailreich und langsam erzählt, überschlägt das Buch sich im letzten Drittel, als hätte Giles auf Teufel komm raus noch irgendwie den Rest der Geschichte in ein Buch quetschen müssen, das mit über 800 Seiten sowieso schon lang ist.

Giles schreibt die Artus-Sage auch ein bisschen um, was man ihm aber verzeihen mag. Vor allem, wenn man das Nachwort liest, das erklärt, welche Bedeutung die Vater-Sohn-Beziehung undder Verlust eines geliebten Menschen für den Autor und – durch ihn – für Lancelot haben. (Lest das Nachwort am besten, bevor ihr den Roman anfangt – da sind keine Spoiler enthalten, und ich habe dadurch viel besser verstanden, was Giles da in diesem Buch gemacht hat.)

Perfekt ist „Lancelot“ also nicht. Aber es ist eine tolle, epische Geschichte um eine faszinierende Figur, und das Ende schwingt sich zu atemberaubender Heroik und Tragik auf. Große Gefühle. Eine unsterbliche Legende. Und Giles beweist in den Schlachtszenen, dass er auch richtig heftig und poetisch schreiben kann. (Ich habe zwischen englischem Hörbuch und deutschem Taschenbuch hin- und hergewechselt, und die Übersetzung ist absolut passend.)

2023 erscheint der zweite Teil der Reihe, „Camelot“, endlich auch auf Deutsch, und ich freue mich sehr darauf!


Titel: Die Diplomatin

Autorin: Lucy Fricke

Format: Hörbuch

Sprecherin: Bettina Hoppe

Verlag: Hörbuch Hamburg

erschienen: 10.03.2022

Länge: 05:01 Std.

Feine, gezielt gewählte Sprache und ein zynischer, knochentrockener Humor geben sich in diesem desillusionierten Roman über das diplomatische Parket die Hand mit einer passend ausgesuchten Hörbuchsprecherin.

Lucy Fricke erzählt die Geschichte von Fred, einer deutschen Konsulin. Aus dem paradiesischen, konfliktfreien Montevideo verschlägt es Fred nach einem unschönen Zwischenfall ins politisch aufgeheizte Istanbul. Freds gelangweilt-privilegierte Bubble platzt, und es gibt einen unsanften Realitätscheck in der Türkei. Sie muss sich dort eines brisanten Falls annehmen, der die deutsch-türkischen Beziehungen auf die Probe stellt. Und Fred entgültig die Grauzonen und Grenzen der Diplomatie aufzeigt.

Das anfängliche Schmunzeln bleibt einem beim Lesen zunehmend im Hals stecken. Was leichtfüßig geschrieben wirkt, ist tatsächlich die messerscharfe Vivisektion eines Milieus, von dem wir als „Otto Normalverbraucher“ nur zwischen den Zeilen in Nachrichtensendungen erfahren – ohne zu wissen, was sich hinter den Kulissen tatsächlich abspielt.

Es ist auch die Geschichte einer privilegierten Frau, die aus allen Wolken fällt und Entscheidungen für sich und ihr Leben treffen muss. Willkommen in der Wirklichkeit!

Gerade jetzt, in einer international ebenso verflochtenen wie verkrachten Welt ein spannender Roman, der trotz seiner Kürze so viel enthält.


Titel: The Darkness Outside Us

Autor: Eliot Schrefer

Sprache: Amerikanisch

Format: Hörbuch

Sprecher: James Fouhey

Verlag: HarperAudio

erschienen: 01.06.2021

Länge: 09:49 Std.

Da war ich selbst überrascht: Nach der ersten Stunde hatte ich noch überlegt, das Hörbuch abzubrechen, weil es mir wie eine sehr teenie-mäßige „Gays in Space“-Romanze vorkam, die ich nicht ernst nehmen konnte – und ein paar Stunden später hatte es sich zu einer der überraschendsten, dunkelsten spekulativen Sic-Fi-Geschichten entwickelt, die ich jemals gehört habe!

Viel darf ich nicht verraten über den Plot, sonst ist die Überraschung (und der Schock, und die Tränen…) dahin. Aber grundsätzlich geht es um zwei sehr junge Astronauten aus verfeindeten Ländern, die beide mit großen Erinnerungslücken in einem Raumschiff erwachen. Sie nähern sich einander an und entdecken gemeinsam, was das Raumschiff und dessen Computer vor ihnen verborgen halten.

Wie gesagt: Zu Anfang scheint das nichts mit Sci-Fi zu tun zu haben oder gar mit Spannung, sondern nur mit einer queeren YA „ennemies-to-lovers“-Romanze. Das Augenrollen ist mir dann aber vergangen, und das Schmunzeln im Hals stecken geblieben. Wenn man so viel liest wie ich, kann einen nur noch wenig überraschen. „The Darkness Outside Us“ hat das wirklich getan. Und wie!


Titel: A Psalm for the Wild-Built

Autorin: Becky Chambers

Sprache: Englisch

Format: eBook

Verlag: MacMillan

erschienen: 13.07.2021

Länge der Printausgabe: 160 Seiten

Kurz vor Jahresende noch eine echte Entdeckung: Sci-Fi-Autorin Becky Chambers (eine Frau! im männlich dominierten Sci-Fi-Genre!) hat mit „A Psalm for the Wild-Built“ sowas wie die „cozy sci-fi“ erfunden, und es ist soooo schön!

Eigentlich gehört die novellenkurze Geschichte zum Sub-Genre des Solarpunk oder auch Hopepunk. Das sind hoffnungsvolle Geschichten von einer Zukunft oder anderen Welten, in denen die Menschen durch die Nutzung regenerierbarer Energiequellen ein planetenschonendes, friedliches Leben führen.

Auch in dieser Geschichte ist das so. Der Mond „Panga“, auf dem sie spielt, ist ein wahres Ökotopia: Nachdem sie ihre Welt beinahe zerstört hätten, haben die Menschen umgedacht und leben jetzt nachhaltig und mit Sinn für Gemeinwohl. Die Roboter, die einst von ihnen genutzt wurden, erlangten vor vielen, vielen Jahren ein Bewusstsein und entschieden sich, die Zivilisation zu verlassen und in der Wildnis zu leben. Seitdem hat niemand mehr einen Roboter gesehen.

Wir lernen zunächst Sibling Dex kennen, einen nicht-binären Mönch. Dex möchte seine/ihre Berufung wechseln und sattelt vom Gärtnern auf „Tee-Service“ um. Das bedeutet: Dex zieht mit einem fahrrad- und solarbetriebenen Karren von Ortschaft zu Ortschaft, baut dort seinen/ihren Pop-up Tee-Shop auf, und die Leute kommen vorbei, um ihre Sorgen zu erzählen und den passenden Tee dazu serviert zu bekommen. (Hach! Können wir das bitte auch einführen?)

Eines Tages taucht aus der Wildnis ein Roboter auf, von seinem Volk gesandt, um mal nach den Menschen zu schauen und ihnen eine scheinbar einfache Frage zu stellen: „Was braucht ihr?“

Vieles in dieser leise philosophischen Geschichte hat mit genau dieser Frage zu tun, und Dex und Roboter Mosscap machen sich gemeinsam auf den Weg, um Antworten zu finden. Das ist weder rasant noch großartig spannend, dafür aber voller kleiner großer Gedanken und Erkenntnissen, voller Freundschaft, Wärme und Zuversicht.

Ein kleines feines Buch, so wohltuend wie eine Umarmung. Und wenn ihr mich ein bisschen kennt, wisst ihr, dass ich mit so Wohlfühl-Kram sonst nichts anfangen kann. Das hier ist aber weder kitschig noch unrealistisch, sondern einfach nur wunderbar. Ich konnte nicht genug davon bekommen und habe den genauso guten Teil 2, „A Prayer for the Crown-Shy“ gleich hinterher geschoben.


Titel: Anna

Autorin: Cynthia Harrod-Eagles

Sprache: Englisch

Format: Taschenbuch

Verlag: Northwood Publishing

erschienen: 17.12.2019

Länge: 610 Seiten

Ich musste mit mir ringen, ob ich dieses Buch auf Platz 1 setze, vor Becky Chambers. Nicht wegen der Geschichte; die ist großartig: ein epischer historischer Roman samt Liebesgeschichte, der zu Zeiten der napoleonischen Kriege im russischen Zarenreich spielt. Leider aber ist dieser ganz offensichtliche Nachdruck mit unzähligen Druckfehlern durchsetzt, die ihn wie einen billigen Groschenroman erscheinen lassen.

Aber Inhalt geht bei mir vor Form, und der hat mich von den Socken gerissen! Das Buch war ein Geschenk einer Freundin, die es ebenfalls empfohlen bekommen hatte mit dem Hinweis, der Roman habe „Dolokhov-Vibes“. (Dolokhov ist eine Figur aus Tolstois „Krieg und Frieden“). Beim Auspacken hatte ich niedrige Erwartungen. Das Taschenbuch ist recht billig aufgemacht, und von der Autorin hatte ich noch nie gehört.

Aber dann: Lange nicht mehr hatte mich ein Buch so tief in eine andere Welt eintauchen lassen! Und kein anderes Buch hat das 2022 geschafft. Wow! Das war echte Liebe!

Wir folgen der englischen Gouvernante Anne Peters, die aufgrund des drohenden Krieges aus Paris fliehen muss. Der russische (und verheiratete) Graf Kirov nimmt sie mit nach Russland als Lehrerin und Erzieherin für seine Kinder. Es ist der Anfang einer epischen Saga über viele Jahre hinweg, und wir begleiten Anna zu verschiedenen Orten und Völkern des weiten russischen Reiches im frühen 19. Jahrhundert – vom glitzernden St. Petersburg bis hin in die Berge des Kaukasus.

Die Liebesgeschichte zwischen Anna und Kirov nimmt dabei gar nicht so viel Raum ein wie gedacht, aber sie ist eine aparte Zutat in einer atemberaubenden Kaleidoskop-Geschichte über Menschen, Landschaft, Krieg, Familie und Schicksal. Ich habe besonders den Einblick in die verschiedenen Kulturen und Völker Russlands geliebt, und das hat mein Verständnis für die Geschichte und den Charakter dieses vielfältigen, großen Landes mit Sicherheit erweitert.

Es war ein beklemmendes Gefühl, dass gerade während der Lektüre (ein buddy read) Putin die Ukraine angriff. Kiew ist ein weiterer Schauplatz im Roman, damals noch zum russischen Reich gehörend, und im Buch ist der Aggressor Napoleon und nicht Putin. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – bekam die Lektüre von „Anna“ nochmal einen anderen Stellenwert und ließ mich Russland aus einem anderen, historischen Blickwinkel betrachten.

Am Ende schlugen ich und meine buddy reader den Roman mit einer Mischung aus Liebe und Wehmut zu, denn uns war schmerzhaft klar, dass wir die Schönheit dieses Landes auf Jahrzehnte hinaus (und somit vielleicht niemals) in echt sehen werden, so wie die Dinge zwischen Ost und West jetzt stehen. Und erst „Anna“ hat uns die Augen geöffnet, was uns da entgeht.

Kann den Roman jetzt bitte nochmal jemand ohne Druckfehler und am besten auch noch gleich auf Deutsch veröffentlichen, bitte?! Ihr müsst den nämlich alle lesen!


So, ihr Lieben! Das war jetzt viel ausführlicher gedacht, aber so ist das eben, wenn ich etwas liebe. Jetzt seid ihr dran: Kennt ihr einen der Titel? Werdet ihr etwas davon lesen? Und was waren eure Lieblinge 2022? Was muss ich unbedingt noch lesen? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!

2 Gedanken zu “Top 5: Meine Lieblingsbücher und -hörbücher 2022

  1. Wissenstagebuch 17. Dezember 2022 / 12:37

    So viele Tipps, gerade deine Plätze 3-1 reizen mich allesamt sehr. Ich stecke derzeit noch in der Mitte von Krieg und Frieden und finde schon dort nimmt es einen mit in eine andere Welt und Zeit. Einen schönen Jahresausklang für dich. Viele Grüße, Jana

    • papercuts1 17. Dezember 2022 / 18:26

      Krieg und Frieden habe ich so sehr geliebt! Suche auch gerade wieder nach einem Klassiker für die Weihnachtstage.
      Schön, dass dich meine Auswahl interessiert! Ist ja alles nicht unbedingt Mainstream, aber was soll’s. Sag Bescheid, wenn du was davon gelesen hast!
      Dir auch noch schöne Dezembertage!

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