„Such a Fun Age“ von Kiley Reid – auf Deutsch

Titel: Such a Fun Age
Autorin: Kiley Reid
Übersetzerin: Corinna Vierkant
Verlag: Ullstein
erschienen: 03.03.2021
Länge: 352 Seiten

„Such a Fun Age“ hatte ich schon einmal im Februar 2020 rezensiert, kurz nach dem Erscheinen in Originalsprache,, als amerikanisches Hörbuch. Ich hatte mir sehnlichst gewünscht, dass das Buch auch hier in Deutschland erscheint, denn es thematisiert eine spezielle, weniger bekannte Art von Rassismus: Saviorism. Dieses Jahr war es dann so weit, und mich hat die deutsche Übersetzung sehr interessiert, also gab es einen re-read auf Deutsch.

Zum Inhalt:

Emira ist eine junge Schwarze, die sich ihr Geld als Babysitterin in einer privilegierten, weißen Familie verdient. Eines Abends kommt es zu einem Zwischenfall: Als Emira zu später Stunde mit der kleinen Tochter der Familie in einem vor allem von Weißen frequentierten Supermarkt unterwegs ist, wird sie verdächtigt, das Kind entführt zu haben. Der Vorfall wird von einem anderen Kunden gefilmt.

Die Mutter des Kindes, eine Influencerin, schreibt sich empört auf die Fahne, den rassistischen Vorfall anzuprangern und Emira unter ihre Fittiche zu nehmen. Die möchte das aber gar nicht, sondern das Ganze einfach auf sich beruhen lassen. Bis das Video plötzlich im Internet auftaucht.

Keine einfache „Heldin“

Kiley Reid macht es uns nicht einfach in ihrem Roman, der die „Errettung“ von POC durch Weiße an den Pranger stellt und weißes Privileg und blinden Rassismus entblößt. Denn man möchte sich in „Such a Fun Age“ gerne auf die Seite von Emira schlagen – die macht es einem aber nicht leicht. Eher lethargisch veranlagt, passiv und uninteressiert an Rebellion, driftet die junge Frau ohne einen konkreten Plan durch ihr Leben. Finanziell kommt sie gerade so über die Runden, aber der Verlust der Krankenversicherung droht, und alle ihre Freundinnen sind auf dem Weg, sich beruflich weiter zu entwickeln. Emira dagegen verharrt in ihrer unbefriedigenden Situation, und es ist nicht leicht, sich für sie zu begeistern. Zwar ist sie eine äußerst talentierte und liebevolle Babysitterin für die kleine Briar, aber davon abgesehen möchte man sie für ihre phlegmatische Haltung gerne in den Hintern treten.

Damit kommen wir zu Alix (eigentlich Alex, aber das hört sich auf Instagram nicht so cool an), ihrer Arbeitgeberin. Mutter von Briar und einem weiteren Kind, hat sie sich durch das Zusammenspiel von Algorhythmen, einem Talent zum Briefe schreiben, Produkttests und Zufall zu einer pseudo-feministischen Empowerment-Influencerin entwickelt, die jetzt an einem Buch schreibt (tatsächlich aber in Cafés herumsitzt oder auf dem Handy daddelt und versucht zu verbergen, dass sie mit ihrer Familie aus dem hippen New York in die uncoole Provinz weggezogen ist.)

Auch „Helfen“ kann rassistisch sein

Den Zwischenfall mit Emira nimmt sie zum Anlass, ihre Babysitterin ungefragt zu „empowern“ (und sich somit als Mentorin und Retterin hervorzutun). Von oben herab, aus einer Position des sozialen und finanziellen Privilegs heraus, nimmt sie sich Emira’s Zukunft „an“, verkauft sich als Ally gegen Rassismus – und macht sich somit selbst des Rassismus schuldig. Ihr entmündigendes, hochtrabendes und bevormundendes Verhalten Emira gegenüber entlarvt, dass sie sich für klüger, besser, fähiger hält. Sie behandelt Emira wie ein unreifes Kind, dem auf die Sprünge geholfen werden muss. Das Motiv dahinter ist noch nicht einmal der wirkliche Wille zu helfen, sondern Eigennutz: Alix möchte sich einen Erfolg auf die Fahne schreiben, ihr Ansehen boosten und merkt das selbst tatsächlich nicht. Es grenzt an Realitätsverzerrung, wie sie Emira zu einer „Freundin“ hochstilisiert, obwohl die hierarchische Schieflage nur allzu deutlich ist.

Genau da reißt Kiley Reid den privilegierten weißen Leser:innen die Maske herunter: Eigentlich meint Alix es doch gut, oder? Und eigentlich braucht Emira wirklich einen Tritt in den Hintern – zu ihrem eigenen Besten natürlich. Und diesen Vorfall kann man doch nicht wirklich einfach auf sich beruhen lassen?!

Doch. Kann man. Denn es ist Emira’s Entscheidung, wie sie damit umgeht. Es ist ihre Angelegenheit und ihr Leben. Und für einen Motivationsschub hat sie ihre Freundinnen – ihre echten Freundinnen – und braucht keine weiße Samariterin, die von Emira’s Leben keine Ahnung hat und auch nichts darin zu suchen.

Weißes Privileg, Happyland und falsche Zuneigung

Bissig und mit viel sarkastischer Säure zeichnet Kiley Reid Alix‘ Welt: der selbstgefällige Wohlstand (wiewohl immer wieder von der Angst vor dem sozialen Fall durchsetzt), die perfekt inszenierte Darstellung der Influencer-Welt, die vielen blinden Flecken von Alix gegenüber Emira’s Wirklichkeit. Beim Lesen musste ich ganz viel an Tupoka Ogettes Anti-Rassismus-Workshop „Exit Racism“ denken, denn was Reid hier darstellt, ist „Happyland“ pur. Blinder, privilegierter Rassismus von Menschen, die sich auch noch für Wohltäter halten, weil sie gar nicht sehen, was sie nie zu sehen gelernt haben.

Und es ist nicht nur Alix, die hier aufs Korn genommen wird. Auch Emira’s weißer Freund, der einen Fetisch für POC zu haben scheint, erfüllt uns mit Zweifeln und immer wieder großem Unbehagen. Auch er glaubt, aus hehren Motiven zu handeln; auch er lebt eine Form von Rassismus aus, ohne es zu merken.

Die Übersetzung sorgt für noch mehr Schärfe

In der wirklich großartigen deutschen Übersetzung von Corinna Vierkant wird Reid’s Sprache noch spitzer, die Darstellung noch ein Stück sarkastisch überzeichneter als im weicheren amerikanischen Original. Das hatte ich eben schon als Hörbuch gehört, von einer (passend!) phlegmatischen Sprecherin gelesen, die das Ganze allerdings softer erschienen ließ, als mir das Buch jetzt auf Deutsch vorkommt. Die Härte der deutschen Sprache, die scharfen Kanten darin mögen dazu beitragen. Stellenweise wirkt „Such a Fun Age“ wie eine Persiflage. Das beißt richtig tief in die Haut.

Gut, dass die liebevolle Beziehung zwischen Emira und ihrem kleinen Schützling, der altklugen Briar, etwas Wärme in den Roman bringt. Hier habe ich mich ein bisschen an „The Help“ erinnert gefühlt, wo die Schwarze Nanny dem Kind mehr Liebe entgegenbringt als die eigenen Mutter.

Fazit:

Unterm Strich gefällt mir „Such a Fun Age“ beim re-read noch besser: Ein äußerst lesenswerter Roman über Rassismus, der durch seine Figuren herausfordert, nichts vereinfacht und einen Spiegel vorhält. „Saviorism“ nennt sich diese Art von Rassismus, und obgleich der ohne körperliche Gewalt oder feindselige Sprache auskommt, ist er nicht minder falsch und genauso systemisch verwurzelt. Jeder, der meint, sich einer POC annehmen zu müssen, sollte sich mit Saviorism auskennen und die eigenen Motive hinterfragen, denn die Grenze zwischen falschem Heiligenschein und echtem Ally ist dünn. „Such a Fun Age“ hilft, das zu sortieren und das eigene weiße Privileg zu hinterfragen.

Bewertung:

Bewertung: 5 von 5.

Danke an den Ullstein-Verlag für das Rezensionsexemplar!

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