„Such A Fun Age“ von Kiley Reid

Such a fun age - ein Roman über Saviorism-Rassismus

Titel: Such A Fun Age
Autorin: Kiley Reid
Format: Hörbuch-Download
Sprecherin: Nicole Lewis
Verlag: Penguin Audio
erschienen: 31.12.2019
Länge: 9:58 Std.

Das Hörbuch ist als download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 28,95). Eine Hörprobe findet ihr auf der Produktseite von Audible.

Inhaltsangabe:

Alix Chamberlain, erfolgreich, privilegiert und mit vielen Social Media-Followern, hat für die Betreuung ihrer Tochter Briar schon länger eine schwarze Babysitterin engagiert. Briar liebt Emira, und Emira liebt Briar. Alix ahnt nicht, dass Emira Sorgen hat: Sie verliert bald ihre Krankenversicherung und verdient als Sitterin und Schreibkraft längst nicht genug, um sich eine eigene zu leisten, und beruflich haben ihre Freundinnen sie überholt. Sie steckt in einer finanziell unsicheren Situation ohne Karrierechancen fest.

Eines Abends, als sie, von einer Party kommend, außerplanmäßig Briar betreuen soll und mit ihr in einen nobleren, vor allem von Weißen frequentierten Supermarkt geht, wird sie vom Sicherheitsdienst festgehalten. „Besorgte“ Kunden befürchten, dass Emira das weiße Kleinkind unrechtmäßig entführt haben könnte. Ein Zeuge filmt den Vorfall. Rasch geklärt, möchte Emira das Ganze eigentlich nur vergessen – aber Alix erfährt von der Sache und fängt an sich – gegen Emira’s Einverständnis – für ihre Babysitterin stark zu machen und sich in deren Angelegenheiten einzumischen. Um ihr zu helfen, natürlich. Und dann gibt es da auch noch den Mann, der im Supermarkt die ganze Situation gefilmt hat.

Zum Hörbuch:

„White Saviorism“ – davon hatte ich im Rahmen freiwilliger Mitarbeiter bei Hilforganisationen schon einmal gehört. Wenn westliche, in der Regel weiße Personen, losziehen um anderswo auf der Welt Armen oder benachteiligten Kindern anderer Ethnie und Hautfarbe zu helfen, die „Hilfe“ aber letztlich nur die ungerechten Strukturen unterstützt und den benachteiligten Status quo aufrecht erhält. Die Hilfe ist wirklich gut gemeint, wird aber zur Bevormundung und ist – oft unbewusst – mit einem Bedürfnis nach Heldentum gepaart.

Somit wird „Saviorism“ zu einer subtileren, aber nicht minder schädigenden Form von Rassismus – und genau darum geht es in Kiley Reid’s provokantem und nachdenklich machenden Roman – allerdings nicht in einem Entwicklungsland, sondern in den USA von heute.

Kiley Reid zeichnet die Figuren in ihrem Roman dabei nicht (im übertragenen Sinne) schwarz und weiß. Alix ist nicht die rassistische, „böse“ Weiße, die wir gerne hassen. Sie lebt in privilegierten Verhältnissen, ist ihrer Babysitterin durchaus zugetan, aber ahnungslos. Obwohl Emira schon länger für die Familie arbeitet, hat Alix keine Ahnung von deren Leben und Problemen. Sie meint es wirklich gut, als sie sich nach dem Vorfall im Supermarkt für Emira einsetzt. Zwar bekommt ihre Figur im Laufe der Geschichte ein anderes Gesicht, aber das hat mit Alix persönlicher Geschichte und ihrem Charakter zu tun als mit ihrem Verhältnis zu Menschen anderer Hautfarbe.

Auch Emira macht es einem nicht leicht, sich auf ihre Seite zu schlagen. Sie wirkt bewegungslos und uninteressiert daran, Dinge zu verändern – sowohl in ihrem eigenen Leben als auch dem ihr entgegen gebrachten Rassismus gegenüber. Obwohl ihr die Sorgen im Nacken sitzen und sie der Vorfall aufgeregt hat, gehört das für sie zu einem Alltag, den sie nicht weiter aufbauschen möchte. Selbst ihre Freundinnen müssen an ihr herumzerren, bis sie endlich Entscheidungen trifft und ihre Zukunft in die Hand nimmt.

Und dazwischen gibt es noch die Geschichte einer liebevollen schwarzen Nanny, die ein von ihrer Mutter vielleicht zu wenig geliebtes, kluges weißes Kleinkind betreut und nicht alleine lassen möchte. Briar, sehr altklug und ein wenig speziell, braucht ihre „Mira“ und hat von Rassismus noch keine Ahnung. Anklänge an „The Help“ werden hier unwillkürlich wach – mit dem Unterschied, dass es sich bei Kiley Reid um eine own voices Autorin handelt.

Ein großer Kritikpunkt des Romans ist eine Enthüllung gegen Ende, die einer der Figuren einen anderen Anstrich verleiht und dadurch die Grauzone verlässt. Ich stimme zu, dass diese Enthüllung unnötig gewesen wäre und der Geschichte eher etwas nimmt als hinzufügt. Das Thema des Saviorism bleibt trotzdem als Hauptgewicht intakt.

Beim Lesen gehen mir persönlich ein paar neue Augen auf. Selbst westlich, weiblich und – ja – privilegiert, stelle ich meine eigene Einstellung, Benachteiligten anderer Hautfarbe und Herkunft helfen zu wollen, auf den Prüfstand. Und das „gute Gefühl“, dass sich einstellt nach einer „guten Tat“. Ich leide gewiss nicht an einem Helfersyndrom, aber auch ich habe in Diskussionen schon Menschen verteidigt, von deren Leben ich vielleicht gar nicht genug Ahnung habe. Auch ich habe schon des Deutschen nicht mächtigen Mitbürgern an Fahrkartenautomaten, in Geschäften und Alltagssituationen Hilfestellung geleistet, um mich danach – wenn ich ganz ehrlich bin – ein bisschen toll zu finden.

Was ich aus Kiley Reid’s Roman mitnehme: Augenhöhe ist unverzichtbar im Umgang miteinander. Ebenso wie die Auseinandersetzung mit Dingen, von denen ich nicht genug weiß. Und Hilfe ist nur dann eine Hilfe, wenn sie nicht übergestülpt wird und vom anderen auch gewünscht wird. Unterstützung von oben herab, beruhend auf Halbwissen, ist keine. Und dabei muss man sich gerade als weißer Westler immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass man selbst nie Rassismus ausgesetzt war und bei allem Bemühen nicht nachvollziehen kann, wie das ist. Umso wichtiger ist das Einhalten von Grenzen, das Hinterfragen der eigenen Motive und der Respekt davor, wie Betroffene selbst damit umgehen möchten.

Zur Sprecherin:

Nicole Lewis macht das gut, gerade wenn sie emotional in Fahrt kommt oder Emira’s manchmal lässig-junge Art voll durchzieht. Mit ihrer Stimme für die kleine Briar hatte ich erst Probleme: Das hörte sich wenig nach Kleinkind an. Aber wenn man mehr über Briar erfährt, passt es dann doch zu der altklugen Kleinen mit der überraschend rauchigen Stimme. Dennoch hätte ich es zur Unterstreichung der beiden verschiedenen Erzählperspektiven – Alix und Emira – besser gefunden, hier auch zwei verschiedene Sprecherinnen einzusetzen, zumal Nicole Lewis nicht sooo sehr zwischen den vielen Frauenstimmen differenziert.

Fazit:

Ein eigentlich leicht zu lesender Roman, unter dessen Oberfläche sich viel mehr verbirgt, als es beim Lesen zunächst den Anschein hat. Kiley Reid rückt mit ihrer Geschichte über „Saviorism“ eine andere, subtilere aber nicht minder schädigende Art von Rassismus ins Rampenlicht, die uns im Alltag vielleicht gar nicht bewusst ist. Dabei sorgt sie durch Figuren mit Grauzonen dafür, dass eine Einteilung in „Gut“ und „Böse“ gar nicht so einfach ist und wir unsere eigene Haltung zum Thema unwillkürlich überdenken müssen. Macht zu Recht nachdenklich.

Bewertung:

Hörbuch: 8 von 10 Punkten

Sprecherin: 7 von 10 Punkten

2 Gedanken zu “„Such A Fun Age“ von Kiley Reid

  1. Kathrin 22. Februar 2020 / 18:09

    Danke für die Empfehlung und die detaillierten Eindrücke!

    Das Thema ist eines, das mich auch seit ein paar Jahren beschäftigt und bei dem ich das Gefühl habe, nicht urteilen zu können und unwissend zu sein/zu bleiben.

    Waris Dirie hatte mal in einem ihrer Bücher das Thema aufgegriffen im Zusammenhang mit Hilfsorganisationen und Spenden. Das hat mir damals sehr die Augen geöffnet. Spenden und ähnliches mögen gut gemeint sein, aber sie ändern nichts an den Strukturen vor Ort. Sie sind eine Symptombekämpfung vergleichbar mit Cortison, das zwar die Schmerzen lindert, aber die Ursache nicht bekämpft. Ich unterstütze daher auch lieber Initiativen, die sich für bessere Strukturen einsetzen, bspw. Viva con Aqua, die Trinkbrunnen und sanitäre Anlagen bauen, oder Initiativen, die Schulen bauen, oder Frauen durch Beratung und Ausbildung dabei unterstützen, ihr eigenes Business aufzubauen. Sicher gibt es aber auch hier noch bessere Möglichkeiten.

    • papercuts1 22. Februar 2020 / 18:46

      Hallo Kathrin,
      ja, im Zusammenhang mit Hilfsorganisationen war mir das auch ein Begriff, und ich sehe das ziemlich kritisch.
      Kiley Reis bricht es auf den kleinen Rahmen, auf ein “Arbeitsverhältnis” runter und auf die Bevormundung, die mit Privileg einhergehen kann. Ich fand das sehr augenöffnend!

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