Rezension: „Alexandre Dumas: The King of Romance“ von F.W.J. Hemmings

Cover von "The King Of Romance"

Titel: Alexandre Dumas: The King of Romance
Autor: F.W.J. Hemmings
Format: eBook
Verlag: Bloomsbury Reader
erschienen: Erstausgabe 1979
Länge der Printausgabe: 354 Seiten

Ihr wisst alle, dass mich das Lesen der d’Artagnan-Romane von Alexandre Dumas (père) zum unrettbaren Musketier-Fan gemacht hat. Da blieb es nicht aus, dass ich mich auch näher mit dem Vater der Musketiere auseinandersetzten musste, zumal es in den Einführungen immer hieß, in d’Artagnan und seinen Freunden Athos, Aramis und Porthos stecke ganz viel von Dumas selbst drin.

Dumas – Der Vater der Musketiere

Was soll ich sagen? – Es stimmt! Und beim Lesen von Hemmings äußerst charmanter, Roman-ähnlicher Biografie merkt man nicht nur schnell, woher d’Artagnan seine Leidenschaft, Athos seine Majestätik, Aramis seine Intelligenz und Porthos seine Statur und sein Faible für leckeres Essen hat, sondern man wird mitgerissen vom Leben eines Mannes, das in Sachen Abenteuer, Lust und Drama seinen Romanen nicht hinterhersteht.

Hemmings bringt uns mit schalkhaftem und liebevollem Humor einen Mann näher, der aus dem Vollen gelebt hat und bis heute der zu seinen Lebzeiten beliebteste und berühmteste französische Autor ist. Ein Mann, der ebenso gut schießen wie schreiben konnte, Frauenherzen gewann und brach, der reiste und kämpfte und liebte, Unmengen von Geld machte und wieder verlor und der nächtelang wie ein Wahnsinniger an seinen Fortsetzungsromanen schrieb. Schlaf? Dafür war Dumas das Leben zu spannend.

Vom Enkel einer Sklavin zum berühmtesten Schriftsteller Frankreichs

Hemmings beginnt Dumas‘ Lebensgeschichte bei seinem Großvater, den es aus Frankreich nach San Domingo verschlug – wo er, verschuldet und in Ungnade gefallen, fluchtartig die familiäre Plantage verließ und daraufhin mit einer Sklavin für Nachwuchs sorgte: Dumas‘ Vater wurde geboren. Das war einer der interessantesten Aspekte für mich: Alexandre Dumas war zu einem Viertel Schwarz. Wusstet ihr das?

Ich hatte diese Tatsache schon durch die Vorworte zu den „Musketieren“ erfahren, war aber trotzdem verwundert und musste erstmal eine Fotografie von Dumas googlen. Warum hatte ich das nicht gewusst? Auch jeder, dem ich das erzählte, guckte erstaunt. Es hat was mit unbewusstem Rassismus zu tun, dass ich – so wie die meisten – automatisch angenommen hatte, Dumas wäre weiß gewesen. (Dass es bis heute erbitterte Diskussionen um die Hautfarbe der Musketiere gibt, vor ein paar Jahren angefacht, als die BBC-Serie „The Musketeers“ Porthos mit einem BIPOC-Schauspieler besetzte, ist eine andere, ebenso interessante Geschichte, für die hier nicht genug Platz ist – ich will’s aber erwähnt haben. Und ich liebe die BBC für ihre Wahl!)

Leider ist auch die Biografie selbst nicht frei von rassistischer Sprache, und beim Lesen zuckte ich zusammen ob der Verwendung von N-Wort und weiteren Begriffen, die 1979 offenbar noch gang und gäbe waren, heute aber gar nicht mehr gehen. Da würde ich mir doch sehr eine Neuauflage vom Verlag wünschen, wo das korrigiert wird!

Ein Leben so spannend wie eine Abenteuergeschichte

Nach Dumas‘ haitianischen Wurzeln (San Domingo ist das heutige Haiti) nimmt uns Hemmings anekdotenreich mit durch Dumas‘ Kindheit und Jugend bis zu seinem Aufstieg als berühmter Theaterautor und Schriftsteller im Paris der brodelnden französischen Revolution und schließlich seinem finanziellen Ruin, seinen Reisen und seinen letzten, erlischenden Lebensjahren. Das ist nie, auch nicht nur eine Sekunde lang, langweilig, und das liegt ebenso an Hemmings unterhaltsamem Schreibstil wie an Dumas‘ Leben selbst:

Wir lernen den von ihm heiß geliebten Vater kennen, einen ungewöhnlich großen und starken französischen General und Kriegshelden, der Dumas in Sachen Kraft und Gutherzigkeit als Vorbild für Porthos dienen sollte. Wir erleben, wie Dumas schnell und heftig immer wieder für die ein oder andere junge Dame entflammt und schlagen über seine Untreue und hanebüchenen Liaisons ein ums andere Mal die Hände über dem Kopf zusammen. Wir werden Zeuge, wie Dumas sich eine Waffe greift und – stürmisch und mutig wie d’Artaganan, mit natürlichem Führungstalent wie Athos – in die Straßenkämpfe des umtobten Paris einmischt und, wenn es denn sein muss, auch mal eigenhändig ein Munitionslager überfällt.

Dumas und seine Helfershelfer

Der Autor Dumas, so erfahren wir, schrieb Theaterstücke, bevor er das Genre des Fortsetzungsromans entdeckte und mit seinen Abenteuergeschichten um die Musketiere und den Grafen von Monte Cristo unsterbliche Berühmtheit erlangte und zeitlose Legenden erschuf. Dass er diesen Erfolg einer ganzen Abfolge von ihn unterstützenden Co-Autoren verdankt, wissen vielleicht auch nicht viele von euch – mir war das jedenfalls neu. Und so sollte ich hier unbedingt Auguste Maquet erwähnen, der an Dumas‘ größten Romanerfolgen einen so wichtigen Anteil trug, dass sich Literaturexperten bis heute darüber in die Haare kriegen, wem der Erfolg nun eigentlich zuzuschreiben ist. (Am Ende scheint aber Einigkeit zu bestehen, dass Dumas den groben Entwürfen seiner Kollaborateure mit seinem „goldenen Händchen“ den Glanz und Charme verpasste, für den seine Werke bis heute so geliebt werden.)

Wer Dumas‘ Bücher gelesen hat, findet überall „Easter Eggs“: Vom Frauenverschleiß, der einen doch sehr an Aramis erinnert, über Dumas‘ bombastisches Anwesen, das er „Monte Cristo“ nannte bis hin zu seinem Hang für große Gefühle und ungebremste Romantik, der einem aus jeder Seite der „Musketiere“ in die Augen (und ins Herz) springt.

Ein toller Kerl mit schlechten Seiten

Und obwohl Hemmings ganz deutlich ein Dumas-Verehrer ist, lässt er nicht außer Acht, dass Dumas ein ziemlich mieser Vater war (sein Sohn Alexandre, das wisst ihr bestimmt, schrieb den großen Roman „Die Kameliendame“) und kein bisschen mit Geld umgehen konnte. Großherzig und freigiebig, drückte er jedem, der es brauchte, Geld in die Hand – erwartete aber genauso, dass sein Celebrity Status allein genügte, um zu bekommen, was immer er brauchte. Er becircte die einen mit seinem Charme und ließ die anderen seinen Zorn spüren.

Am Ende der Biografie, als Dumas nach einer abenteuerlichen Reise verarmt bei seinem Sohn unterkriechen muss, stellt sich Traurigkeit ein. Der lebenslustige Koloss von einem Mann verglimmt und geht, als er nicht mehr schreiben kann, ein wie eine Blume, die keiner mehr gießt. Was er hinterlässt, ist dafür unsterblich.

Fazit:

Eine Biografie, die in Sachen Unterhaltung, Charme und Lust fast genauso mitreißend ist wie die Romane Alexandre Dumas‘. Das Thema „Rassismus“ gegenüber dem zu 1/4 Schwarzen Dumas fällt dabei etwas unter den Tisch, und die veralteten, rassistischen Begriffe stoßen auf. Davon abgesehen ist Hemmings‘ Biografie die perfekte Fusion von Fakten, Anekdoten und augenzwinkernder Erzählung. Wer auf mitreißende Art und Weise mehr über den Schöpfer der „Drei Musketiere“ und des „Grafen von Monte Cristo“ erfahren will – hier könnt ihr es! Große Empfehlung!

Bewertung: 10 von 10 Punkten

3 Gedanken zu “Rezension: „Alexandre Dumas: The King of Romance“ von F.W.J. Hemmings

    • papercuts1 2. November 2020 / 21:21

      Hallo Uwe,
      “The Black Count” lese ich gerade! 😀 Das musste einfach sein, nachdem mir die Biografie so viel Lust auf Dumas’ Vater gemacht hat!

  1. Uwe Rennicke 2. November 2020 / 21:19

    Ich habe mal den Link zum schwarzen General dankenswerter Weise eingefügt.
    Viele Grüsse
    Der Dresdner Bücherjunge

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