Stoßseufzer auf Thornfield Hall oder Wie ich mein Herz an einen Klassiker verlor (und nie wiederfand)

„Kannst du vielleicht–„

„Jetzt nicht! Das Bett von Mr. Rochester steht gerade in Flammen!“

Ich kann schon verstehen, dass mein Mann verwundert die Augenbrauen hochzieht, als ich ihm an einem trüben Februarabend, mit Buch im Bett liegend, abwehrend diese Antwort gebe. Aber die Sache ist schließlich ernst: Auf Thornfield Hall hat ein unheimlich lachender Geist das Schlafzimmer von Edward Rochester in Brand gesetzt, und Jane Eyre kann gerade noch verhindern, dass sich das heimliche Objekt ihrer Begierde in Rauch und Asche auflöst. Puh.

Es ist das erste Mal, dass ich „Jane Eyre“, den berühmten viktorianischen Roman von Charlotte Brontë aus dem Jahr 1847, lese – und es wird nicht das letzte Mal sein. Denn dieser Roman, ach, DIESER ROMAN ist eines der schönsten Bücher die ich kenne und jeden emotionalen Stoßseufzer wert. Falls jemand mein Herz findet – das habe ich auf Thornfield Hall verloren. Falls ihr „Jane Eyre“ kennt, muss ich euch das nicht weiter erklären. Ihr wisst Bescheid. Falls ihr es aber noch nicht gelesen habt, dann jetzt ABER GANZ SCHNELL.

Warum? Warum ihr das lesen sollt?

Weil Charlotte Brontë, die ihr Werk damals unter männlichem Pseudonym veröffentlichen musste, um überhaupt eine Chance zu haben, eine der stärksten Frauenfiguren erschaffen hat, die ich kenne. Und weil sie es trotzdem schaffte, diese Figur zur einen Hälfte einer der schönsten Liebesgeschichten auf diesem Planeten zu machen, die ihr jemals lesen werdet. Und drumherum gibt es noch einen leicht gruselig angehauchten Mystery-Plot, durch den Edward Rochester als der vielleicht größte Heartthrob aller Zeiten aristokratisch-finster hindurchschreitet. *seufz*

Aber der Reihe nach. Hauptfigur ist schließlich nicht er, sondern Jane, die harte, hungrige und verfrorene Jahre als Waise erst bei einer lieblosen Tante und dann in einer strengen Schule verbringt. Es folgt als 18-Jährige eine Anstellung als Gouvernante auf dem Landgut Thornfield Hall. Trotz gnadenloser Disziplinierung ist der jungen Jane unter ihrem gehorsamen gesengten Haupt ein eigener Kopf nicht auszutreiben. Bescheiden und angepasst, füllt sie ihre Rolle als familien- und mittellose einfache Hausangestellte aus – bis ihr der Gutsherr, Edward Rochester, sprichwörtlich vor die Füße fällt. *seufz*

Zwischen dem grimmigen Rochester und der still-schlagfertigen Jane knistert es alsbald – da finden sich zwei nicht unbedingt gut aussehende aber ebenbürtige Seelenverwandte. Es kommt zu geziemtem verbalen Schlagaustausch, zu Eifersuchtsspielchen mit einer arroganten Heiratskandidatin für Rochester, zu einem unterdrückt schmachtenden Hin- und Her, bis Edward (den ich bis zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach am Kragen gepackt und fürchterlich zusammengestaucht habe) Jane sein Herz und die Hälfte seines Hab und Guts zu Füßen legt.

Aber damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende! Denn das ist ja die unheimliche Mitbewohnerin im verschlossenen 3. Stockwerk des Hauses, deren irres Gelächter nachts zu hören ist. Und der besagte Vorfall mit dem brennenden Bett bleibt nicht das einzige dramatische Ereignis. Bis Jane und Rochester sich in den Armen liegen, müssen beide erst noch durch Herzschmerz und Todesgefahr, und einer von beiden erlebt das Happy End arg lädiert, aber das macht nichts – es IST ein Happy End, und zwar eins zum Niederknien.

Eine tolle Frau. Ein toller Kerl. Eine großartige Liebesgeschichte.

Was daran jetzt so besonders ist? Wie gesagt: Jane ist eine starke Figur. Sie macht viel durch und wird durch ihre Armut und Stellung in einer Position festgehalten, deren Grenzen sie zwar anerkennt, sich davon aber trotzdem nicht erniedrigen lässt. In Mr. Rochester trifft sie einen Mann, der reich, von gesellschaftlichem Stand und doppelt so alt ist wie sie. Der verhält sich auch so, wird aber von Jane’s eigenwilliger Natur magisch angezogen und gesteht ihr eine wachsende Ebenbürtigkeit zu, bis am Ende gar kippt, wer hier der „Master“ in der Beziehung ist. Dass Charlotte Brontë zu ihrer Zeit überhaupt wagte, eine derartige Gleichstellungsgeschichte zu verfassen, ist schon bewundernswert. Und manche moderne „Prinzessin-auf-der-Erbse“ Liebesgeschichte könnte sich noch eine Scheibe davon abschneiden.

Genauso applauswürdig: Zwischen diesen beiden Liebenden zählen nicht die äußeren, sondern die inneren Werte. Jane ist körperlich komplett unscheinbar, und der finster aussehende Rochester büßt seine kantige Rest-Attraktivität umständehalber auch noch ein. Es sind die klugen Köpfe der beiden und ihre freigeistigen Seelen, die sich finden und nicht mehr loslassen können. *seufz*

Ob als Buch…

 

Jedem sei natürlich geraten, sich den Roman zunächst als Buch – gedruckt oder als e-Book, wie ihr wollt – zu Gemüte zu führen. Und von der relativen Dicke sollte man sich nicht abschrecken lassen (in der Regel haben die Ausgaben über 500 Seiten), denn das liest sich schön und spannend und genussvoll. Wenn man dann auch noch so eine streichelwürdige, hübsche, leinengebundene Ausgabe in den Händen hält wie ich, fühlt sich das auch noch herrlich an!
(Das ist die Penguin Clothbound Ausgabe, mit Vorwort und Fußnoten, kann ich sehr empfehlen!!)

…oder als Hörspiel

Ich habe aber – für die Ungeduldigeren unter euch – noch ein besonderes Bonbon gefunden: ein etwas über 2 Stunden kurzes, englisches Hörspiel der BBC. Das ist einfach genial: Das Herz des Romans bleibt absolut erhalten, und alle wichtigen Sätze fallen. Natürlich fühlt man, dass gekürzt wurde. Aber die Atmosphäre stimmt: Im Hintergrund knistert der Kamin und weint sehnsüchtig eine Violine, Brandy wird gluckernd in Gläser gegossen und Rochester’s Hund Pilot wedelt einem hechelnd um die Ohren.

Was aber vor allem stimmt: die Chemie. Die Hauptrollen werden gesprochen von Amanda Hale und Tom Burke. Erstere ist Theaterschauspielerin, und ihre Stimme ist für eine 18-jährige zwar eigentlich zu erwachsen, entspricht aber absolut dem kraftvollen Charakter der Heldin und versteckt unter scheinbarer Sachlichkeit ganz viel Emotion. Tom Burke hat inzwischen als TV-Musketier und Privatdetektiv Cormoran Strike Karriere gemacht (wovon ich euch hier u.a. vorschwärme). In diesem Hörspiel kann er seine klassische Schauspielausbildung und seine aristokratisch-geschliffene Stimme voll in die Waagschale werfen.  Die ist zwar nicht der im Buch beschriebene volltönende Bass, dafür aber ein melodischer Tenor mit EKG-durchrüttelndem Schmelz. *seufz*

Und jetzt geht bitte und lest das oder hört euch das an. Bitte! Und wenn Rochester am Ende endlich, endlich fragt „Jane, will you marry me?“ und ich euch nicht bis hierhin seufzen höre, dann, so bin ich mir sicher, habt ihr kein Herz in der Brust, sondern ein dunkles, leeres, gähnendes Loch.

*seufz*

 

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