Die Deutsche Bahn, vier französische Kerle und ich: „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas

Alle für einen. Einer für alle. Und die Deutsche Bahn für (oder wohl eher gegen) mich. Ich sitze jedenfalls in einem umgeleiteten, 90 Minuten verspäteten ICE zur Frankfurter Buchmesse und verpasse meinen ersten Termin, als ich mir die drei Musketiere an Bord hole, auf meinen E-Reader. Mit dem Klassiker von Alexandre Dumas liebäugele ich schon seit Tagen, nachdem ich mir die BBC-Reihe „The Musketeers“ reingezogen hatte und fand, es sei wirklich mal Zeit für die gute alte Romanvorlage. Die schwebt also auf meinen Kindle. Ich hab‘ ja Zeit. *seufz*

Il était fort silencieux, ce digne seigneur. Nous parlons d’Athos, bien entendu. Depuis cinq ou six ans qu’il vivait dans la plus profonde intimité avec ses compagnons Porthos et Aramis, ceux-ci se rappelaient l’avoir vu sourire souvent, mais jamais ils nel’avaient entendu rire.

– Les Trois Mousquetaires, Alexandre Dumas

Was mir dann die Zeit vertreibt, ist ein blumiger, dramatischer, dialogreicher, simpel zu lesender Abenteuerroman, von dem ich viele Elemente und Figuren aus diversen Verfilmungen schon so gut kenne wie alte Bekannte. Ich vermute mal, hätte es damals schon den Begriff „Popcornkino“ gegeben, so wäre der treffend gewesen für dieses Mantel-und-Degen-Drama.

Quelle: tumblr, Urheber unbekannt

Der Beginn ist hinlänglich bekannt: der junge Gascogner d’Artagnan wird auf seinem Weg nach Paris beraubt und legt sich, in der Hauptstadt angekommen, gleich mit allen drei Musketieren an, die er zum Duell fordert. Aus den Duellen wird nichts, dafür aber setzt sich die größte Bromance-Geschichte aller Zeiten in Gang: aus d’Artagnan, Porthos, Aramis und Athos wird im Handumdrehen das eingeschworendste Männerquartett aller Zeiten.

Die stattlichen Herren sind in ihren Grundzügen schon genau die Typen, wie wir sie in den späteren Adaptionen vorfinden: neben dem ungestümen d’Artagnan, der noch nicht trocken ist hinter den Ohren, haben wir da den pompösen Porthos, den zwischen Gott und den Frauen hin- und hergerissenen Aramis und den melancholischen, mit leadership-Qualitäten gesegneten Athos, der seinen Kummer zu oft in französischem Wein ertränkt. Im Original-Roman werden sie mit wenig Details versehen, sind in relativ groben Zügen gemalt, dafür recht übertrieben. Das liegt vermutlich an moderner Lesersicht, aber die vier wirken wie überschwänglich auftretende Drama Queens, und das wirkt aus heutiger Sicht schon mal unfreiwillig komisch. Aber es hat auch Leidenschaft und Schwung, und so kenne ich das aus anderen Klassikern. Mit staubtrocken hat das jedenfalls gar nichts zu tun!

Quelle: tumblr, Urheber unbekannt

Die einzige Figur, die etwas mehr Dimension zeigt, ist Athos. Er ist nicht die Hauptfigur (das ist eigentlich d’Artagnan), aber es ist die  im Alkohol ertränkte Vergangenheit des heimlichen Musketier-Anführers, die den Plot für den Roman lostritt, eine erstaunlich prägende Frauenfigur ins Rampenlicht stellt und Athos wahre Tragik verleiht (SPOILER-ALERT): Milady de Winter, Athos‘ totgeglaubte und von ihm selbst hingerichtete Ehefrau, ersteht als femme fatale wieder auf und macht nicht nur ihrem unglücklichen Gatten die Hölle heiß. Eine tolle, dramatische Geschichte, die in modernen Adaptionen in alle möglichen Richtungen verdreht und ausgeschlachtet wird. Hier, im Original, ist sie einfach nur erstaunlich und tragisch und macht aus dem edlen, traurigen Athos mein Lieblingsmusketier.

Quelle: tumblr/unkindness313

Klar, sprachlich ist das alles etwas angestaubt. Aber man kann sich begeistern für diesen blümeranten Stil, für die gestenreichen Ausrufe und für den an Albernheit grenzenden Drang der Musketiere, sich aus den nichtigsten Gründen zu duellieren. (Jungs eben…) Man kann Spaß haben an der ganzen Geschichte, wenn man das will. An den Intrigen, hin- und hergeschriebenen Botschaften, an den heroischen Schwertkämpfen und amoureusen Fisematenten der Herren. So politisch wie viele der Adaptionen ist das Original übrigens bei weitem nicht. König Louis und Kardinal Richelieu bekamen erst in den späteren Versionen ihr Gewicht. Der erste Musketier-Roman (es gibt noch zwei Folge-Bücher von Dumas: „Zwanzig Jahre danach“ und „Der Graf von Bragelonne oder Zehn Jahre später“) bleibt ganz dicht an den Fersen unserer vier Helden.

Quelle: tumblr/ofthemusketeers

Wenn einem aus heutiger Sicht etwas sauer aufstößt, dann ist das der Umgang der vier Musketiere mit ihren Bediensteten. Jeder von ihnen hat einen, und sie werden nach Lust und Laune ausgenutzt, nicht bezahlt und bei „Fehlverhalten“ auch mal verprügelt. Kein Wunder, dass diese Nebenfiguren in den heutigen Filmen nicht mehr vorkommen. Sie würden unsere Vier in keinem guten Licht erscheinen lassen und ihr ehrenhaftes Image arg ankratzen.

Fazit:

Ein Klassiker, der angestaubt und blumig zu lesen ist, aber auf jeden Fall bereichernd. „Die drei Musketiere“ gehören derart zum Allgemeingut, dass es schön ist, den Originalstoff kennen und mit den vielen Adaptionen vergleichen zu können. Was immer man davon halten mag: das ist der Stoff, aus dem unsterbliche Legenden geschaffen wurden! Und die Geschichte von vier Mantel und Degen schwingenden Kerlen, denen Freundschaft und Ehre über alles geht, wird einfach nicht alt.

PS: Alle GIFs stammen aus der BBC-Serie „The Musketeers“ von 2014-2016. Die geht zwar genauso lose um mit dem Originalstoff wie die meisten Adaptionen, macht aber riesigen Spaß. Kann ich nur empfehlen! Hier ist der Trailer:

BBC One Trailer zu Season 1 von „The Musketeers“

 

 

 

Ein Gedanke zu “Die Deutsche Bahn, vier französische Kerle und ich: „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas

  1. Sam 17. November 2018 / 19:08

    Die drei Musketiere verstauben auch noch auf meinem Ungelesenes-Regal. Obwohl es genau die Übersetzung ist, die ich mir gewünscht hatte, habe ich dann doch ob der Länge und des Alters kalte Füße bekommen. Aber deine Eindrücke geben mir Hoffnung und machen mir Lust, den Wälzer doch mal in Angriff zu nehmen. Vielleicht ja 2019 …

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