Rezension: „Teuflische Saat“ von Andrew Brown

 

Titel: Teuflische Saat
Originaltitel: Devil’s Harvest
Autor: Andrew Brown
übersetzt von: Mechthild Barth
Format: Taschenbuch
Verlag: btb
erschienen: 9.7.2018
Länge: 416 Seiten

Die Schicksalswege von drei Menschen kreuzen sich im Südsudan: Bei einem Drohnenangriff unter dem Kommando vom britischen Generalleutnant George Bartholomew geht etwas schief; der englische Botaniker Gabriel Cockburn reist auf der Suche nach einer medizinisch verwertbaren Pflanze in dieselbe Region; vor Ort begleitet ihn die junge Alek, die aus dem Südsudan stammt und ihre eigenen Ziele verfolgt. Am Ende verknüpfen sich ihre Wege dramatisch.

Zum Roman:

Der Südsudan. Wisst ihr, wo das ist? Ich wusste das nicht genau. Wenn ihr die Karte unten vergrößert, findet ihr den Südsudan im Herzen von Afrika, direkt unterhalb vom Sudan. Der Südsudan ist seit 2011 ein eigener Staat, der sich vom Sudan abspaltete und in dem bis heute ein erbitterter Bürgerkrieg tobt. Über eine Million Binnenflüchtlinge suchen Zuflucht in riesigen Lagern. Diffuse ethnische Gruppierungen innerhalb des Landes, eine völlig mangelhafte nationale Verwaltung, aber auch Konflikte in der Grenzregion zwischen dem islamisch geprägten Sudan und dem vorwiegend christlichen Südsudan lassen keinen Frieden zu.

Diesen Hintergrund habe ich mir angelesen, während ich den als Thriller ausgewiesenen Roman des Südafrikaners Andrew Brown las. Er wäre auch ohne die Recherche lesbar gewesen, es macht ihn aber verständlicher. Denn Andrew Brown bewegt seine Figuren nicht in großen Zusammenhängen. Er bleibt ganz dicht dran an den drei Figuren und ihrer Mikro-Situation. Es ist ein politischer Roman, ja, aber einer, der sich aus dem Erleben der Protagonisten speist, und nicht aus großformatigen Erklärungen.

Schwierige Hauptfiguren

Alle drei Hauptfiguren sind ziemlich unsympathisch – und nur bei zweien von ihnen ändert sich das ganz am Schluss. Damit muss man klarkommen können. Besonders Bartholomew, der in England per Knopfdruck Drohnen loslässt und nach einem Fehler nur seinen eigenen Hintern zu retten versucht, während ein Darmleiden ihn beständig auf die Toilette zwingt, ist moralisch und körperlich geradezu abstoßend.

Alek kommt erst sehr spät hinzu. Sie ist die enigmatischste und am meisten neugierig machende Figur, aber auch sie schließt man nicht wirklich ins Herz. Dazu ist sie zu abwehrend und verfolgt, ebenso wie die beiden Herren, eine eigene Agenda, die vielleicht die gerechteste von allen ist, moralisch aber dennoch fragwürdig.

Die interessanteste Hauptfigur ist der Botaniker Cockburn. Der tritt auf als chauvinistisches Arschloch, der nur auf seine wissenschaftliche Karriere guckt, als er in einer südsudanesischen Pflanze großes Pharmapotenzial entdeckt. Ziemlich naiv reist er in den Südsudan – und erweist sich zumindest für mich so als widerwillige Identifikationsfigur. Wie er hatte auch ich keine Ahnung, was mich in diesem Land erwarten würde.

Ein Land durch fremde Augen

Seine Eindrücke sind es – von der Hitze, von den hygienischen Bedingungen, von den völlig fremden Gepflogenheiten – die das Bild prägen und sehr deutlich vermitteln, wie sich ein Ausländer in einer komplett fremden und feindlichen Welt fühlt. Hier entwickelt Brown seine Stärke: man riecht die exotischen Aromen ebenso wie die Kloaken, man fühlt die erstickenden Temperaturen und spürt die misstrauischen Blicke der Einheimischen. Die Eindrücke legen sich einem schwer auf die Brust beim Lesen. Faszinierend, aber auch beunruhigend und belastend. Das gefesselte Unwohlsein gipfelt in einem Flüchtlingscamp, dessen Darstellung sich in mein Gedächtnis einbrennt.

Falsch als Thriller gelabelt

„Teuflische Saat“ wird als Thriller verkauft, aber dieses Label kann einen nur enttäuschen. Denn einen stringenten Plot gibt es eigentlich nicht. Die Geschichte beginnt vielversprechend, aber man wartet ständig darauf, dass es jetzt richtig losgeht – was es aber eigentlich nie tut. Ganz, ganz am Ende eskalieren die Ereignisse in einem Mikrokosmos, und es findet eine Enthüllung statt, die für die Wandlung einer Hauptfigur sorgt und für einen Schlag in die Magengrube. Aber Tempo hat das Buch nicht und auch keinen klassischen Spannungsbogen.

Als Roman gesehen, als lupenartiges, durch die Augen von Fremden gesehenes Porträt eines Landes, das wir hier nur aus den Nachrichten kennen, zieht „Teuflische Saat“ aber durchaus in den Bann. Bei mir füllt es einen weißen Fleck auf meiner Leselandkarte mit Farbe: mit Schwarz und Rot, mit dunklen Abgründen, Schwere und blutigen Schneisen, die ein unlösbar scheinender Bürgerkrieg durch den Südsudan zieht.

Fazit:

Ein bedrückendes, atmosphärisches Portrait des Südsudans, gesehen durch fremde Augen. Als Thriller taugt Andrew Brown’s Buch nicht viel und weckt falsche Erwartungen. Als Roman, in dem einen widerborstige Figuren mit in ein unbekanntes Land nehmen, uns etwas darüber beibringen und die Augen öffnen über einen kaum beachteten Bürgerkrieg und eine humanitäre Katastrophe, ist „Teuflische Saat“ allerdings fesselnd.

Ein Rezensionsexemplar wurde mir vom btb Verlag durch das Bloggerportal zur Verfügung gestellt – danke!

 

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