„Und jetzt du“ von Tupoka Ogette

„Und jetzt du“, Tupoka Ogette, ©Penguin Verlag

Titel: Und jetzt du.

Autorin: Tupoka Ogette

Format: Hardcover

Verlag: Penguin Verlag

erschienen: 08.03.2022

Länge: 336 Seiten

Klappentext:

Wir alle sind rassistisch sozialisiert. Rassismus findet sich in jedem Bereich unseres Lebens, unserer Gesellschaft. Allerdings haben wir nicht gelernt ihn zu erkennen, geschweige denn darüber zu sprechen. Rassismuskritik ist kein Trend und keine Phase. Rassismuskritisch denken und leben ist die Möglichkeit, Gesellschaft aktiv mit- und umzugestalten und eine gerechtere Welt für uns alle zu schaffen.

Zum Buch:

Mit „Exit Racism“ gab Anti-Rassismus-Trainerin Tupoka Ogette uns 2017 einen Leitfaden für den Auszug aus „Happyland“ und einen eindrucksvollen Anstoß, sich auf die rassismuskritische Reise zu begeben. Genaueres darüber könnt ihr in meiner Rezension lesen.

„Und jetzt du“ baut darauf auf, vertieft wichtige Themen wie „white fragility“ und richtet sich mit alltagstauglichen Tipps an verschiedene, bestimmte Zielruppen wie z.B. Lehrer*innen, Eltern Schwarzer Kinder, Menschen im Gesundheitssystem oder in den verschiedenen Medienbranchen.

Konkrete Tipps für den rassismuskritischen Alltag

Stark und viel hilfreicher als Anti-Rassismus-Bücher, die nur anklagen, aber keinen Weg zur Änderung aufweisen, sind die handfesten Verhaltenstipps, anschaulichen Beispiele aus dem Alltag und Fragestellungen am Ende der Kapitel, optisch abgesetzt in grünen Boxen (so findet man sie beim Nachschlagen später besser wieder!). Man kann reflektieren, sehen, wie man es NICHT macht und bekommt viele klare Möglichkeiten aufgezeigt, um Rassismus zu erkennen, dagegen einzutreten oder sich selbst erst gar nicht rassistisch zu verhalten. Pragmatismus – das zeichnet Ogette’s Ratgeber aus.

Dennoch nimmt sie sich auch Zeit, Hintergründe zu erklären und auch mal unbequem zu sagen, dass es für etwas (noch) keine Lösung gibt, weil die Gesellschaft noch nicht so weit ist, weil da noch zu viel Rassismusgeschichte überwunden werden muss, weil Happyland noch zu viele Rassismus-blinde Bewohner hat, weil das System noch nicht lange in Bewegung ist und nur langsam vorwärts kommt. Das ist authentisch und ernüchternd und frustrierend, facht aber zeitgleich den Willen zur Veränderung an.

„Happyland“ muss man verstehen

Was mir in „Und jetzt du“ ein bisschen fehlt, ist eine tiefere Erklärung von „Happyland“, denn der Begriff und wofür er steht ist sehr zentral für den rassismuskritischen Ansatz von Ogette. Es wird zwar kurz auf den Punkt gebracht, worum es geht, aber für umfassende Erkenntnis und ein wirkliches Verständnis der systemischen, anerzogenen, privilegierten, meist unbewussten Rassismus-Blindheit, für die „Happyland“ steht bräuchte es mehr Raum. Der ist im ersten Buch, „Exit Racism“ gegeben, und vielleicht wäre es gut, „Und jetzt du“ mit einem ausdrücklicheren Hinweis zu verkaufen, dass die Kenntnis von „Exit Racism“ entscheidend ist, um „Und jetzt du“ vollends begreifen und umsetzen zu können.

„Weiße Zerbrechlichkeit“ als Knackpunkt

Das gilt besonders, um mit den Kapiteln über „weiße Zerbrechlichkeit“ gut klar zu kommen und annehmen zu können, was Ogette sagt. Für mich der stärkste und effektivste Teil des Buches! Bei „weißer Zerbrechlichkeit“ geht es ganz viel um das Sich-angegriffen-fühlen, um den automatischen, empörten Defensiv-Mechanismus, wenn man als weißer Mensch des Rassismus bezichtigt wird – und ihn weit von sich weist, ohne erstmal innezuhalten, ob da nicht doch etwas dran ist. Warum das passiert, aufgrund welcher Hintergründe, und wie schwierig das Rassismuskritik macht, das wird hier sehr gut erklärt und behandelt. Einer der Knackpunkte, wenn es um das Entlarven und den Willen zum Ändern von rassistischem Verhalten und rassistischen Strukturen geht.

Die Kapitel, die sich an ganz bestimmt Zielgruppen richten, sind dagegen kurz und eigentlich nur Anrisse. Da sind gute Tipps dabei, jedoch hat man das Gefühl, es wäre noch viel mehr zu den einzelnen Bereichen zu sagen, und erst recht noch mehr zu tun. Aber Ogette sagt auch, dass es eben nur ein paar Schritte sind, die sie anregen kann, und dass Rassismus so komplex und so spezifisch in den einzelnen Branchen und Bereichen ist, dass diese Kapitel eben auch nur das sein können: Ein Anfang.

Fazit:

Tupoko Ogette hilft mit „Und jetzt du“ dabei, den rassismuskritischen Weg, den sie mit „Exit Racism“ angestoßen hatte, fortzusetzen und im Alltag zu leben. „Und jetzt du“ baut stark auf „Exit Racism“ auf, vor allem auf den „Happyland“-Begriff. Es ist also unbedingt ratsam, das vorab zu lesen oder zu hören! Ansonsten könnte es zu Verständnis- und Akzeptanzproblemen kommen.

Neben konkreten Tipps für verschiedene, spezifische Zielgruppen ist ein Kernpunkt von „Und jetzt du“ die Auseinandersetzung mit „weißer Zerbrechlichkeit“ („white fragility“), und Ogette erklärt dieses Phänomen sehr gut und mit hoher Sensibilität für die emotionale Aufladung, die damit einhergeht. Das ist entlarvend, tut als weiße*r Lesende*r auch mal weh, aber so entscheidend für das Erkennen von Rassismus, angefangen bei sich selbst.

Ein unerlässliches Buch, wenn man sich für ein rassismuskritisches Leben öffnen will, und zwar nicht nur theoretisch, sondern im eigenen, täglichen Tun und Handeln!

Bewertung: 4.5 von 5.

Danke an den Penguin-Verlag für das Rezensionsexemplar!

2 Gedanken zu “„Und jetzt du“ von Tupoka Ogette

  1. Miss Booleana 17. Juni 2022 / 19:29

    Uh, klingt wie ein passender Nachfolger zu „Exit Racism“. Habe gerade erst das Hörbuch gehört und mir hat der Begriff Happyland gefallen und ich habe mich leider rückblickend darin wiedergefunden als (hoffentlich ehemalige) Happylanderin. Wobei ich befürchte, dass das für alle ein nie ganz abgeschlossener Prozess ist, seine eigenen Privilegien zu verstehen und v.A. den Blickwinkel anderer zu verstehen, nachzufragen, in den Dialog zu gehen.

    Von daher ist der Praxis-Ratgeber auf jeden Fall spannend … werde ich mir mal zu Gemüte führen. Danke für den Bericht!

    • papercuts1 24. Juni 2022 / 14:50

      Liebe Miss Booleana,

      Genau das ist „Und jetzt du“: der passende Nachfolger zu „Exit Racism“! Ergänzt, vertieft, ist praktisch. Auch ich habe mich im Begriff „Happyland“ schmerzlich wiedergefunden. Hat mir richtig die Augen geöffnet. Im neuen Buch ist es ähnlich mit „white fragility“. Auch da muss man sich öfter als man glaubt an die eigene Nase fassen. Aber nur so lernt man! Und du hast recht: Es ist ein langer Prozess. Sieht ja auch Tupoka Ogette so. Es lohnt sich aber, ihn anzufangen, denn nur so geht es vorwärts.

      Schönes Wochenende!

      Ute

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