Rezension: „Die Diplomatin“ von Lucy Fricke

Titel: Die Diplomatin

Autorin: Lucy Fricke

Format: Hörbuch

Verlag: Hörbuch Hamburg

erschienen: 31.03.2022

Länge: 05:01 Std., ungekürzte Lesung

Das Hörbuch erhaltet ihr bei Hörbuch Hamburg, im lokalen Buchhandel, oder als Download z.B. bei Audible.

Inhaltsangabe:

Friederike Andermann – genannt „Fred“ – ist deutsche Konsulin in Montevideo und mit allen Wassern gewaschen. Nach einem Zwischenfall, bei dem sie fehlerhaft gehandelt hat, wird Fred aus dem beschaulich-paradiesischen Uruguay nach Istanbul versetzt – eine Herausforderung. Die Stimmung ist politisch aufgeheizt, und die Inhaftierung einer angeblichen „Terroristin“ bringt Fred an die Grenzen ihres diplomatischen Könnens, sowie an die Grenzen von Rechtsstaatlichkeit und europäischer Idee.

Zum Hörbuch:

Spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine erleben wir tagtäglich das Bemühen um und Scheitern von Diplomatie. Wir sehen in den Nachrichten, wie dünn die Grenze ist zwischen Verhandlung und Tat, zwischen Frieden und Gewalt. Wir erahnen dabei nur, was sich hinter den Kulissen der internationalen Diplomatie wirklich abspielt.

Lucy Frickes neuer Roman, vor dem Ukraine-Krieg entstanden, wirft einen Blick hinter diese Kulissen, und der ist ebenso zynisch-amüsant wie befremdlich und ernüchternd. Sprachlich hochfein geschrieben, nimmt sie uns mit in eine Parallelwelt, in einen globalen Mikrokosmos zwischen langweiligen Partys, privilegiertem internationalem Parkett, riskantem Krisenmanagement und Versagen mit erschreckender Fallhöhe.

Es scheint, als hätte „Fred“ mit ihrem Posten als Botschafterin das große Los gezogen: Im friedlichen, gut klimatisierten Montevideo lebt sie im permanenten 5-Sterne-Luxus samt eigenem Fahrer, und ihr größtes Problem ist die Langeweile, wenn sie mal wieder auf einem Empfang rumstehen und Deutschland sein muss. Zwischen abgehobener Weltentfremdung, Karriere-Ambitionen und monotoner Glückseligkeit schildert Lucy Fricke diesen Zustand mit wunderbar trockener Tonalität und Formulierungen, die einen bissig zum Schmunzeln bringen:

Wann immer ich einen „begleitenden Ehemann“ kennengelernt hatte, war dieser das Unglück in Person gewesen: Ein liebes, versoffenes Etwas, das gut kochte und sich mit Pflanzen auskannte, gern wandern ging, manchmal Klavier spielte und an all dem nach und nach die Lust verlor.

Fred wird harsch aus ihrer exklusiven Routine gerissen, als ihr eine fatale Fehleinschätzung unterläuft, und es ist sinnbildlich, dass sie in der Nacht, in der ihre Karriere eine ungeplante Wendung nimmt, in einer runtergekommenen Absteige übernachten muss statt in ihrer Diplomaten-Residenz, wo sie noch nicht mal das Bett selbst aufschlagen musste. Der Absturz, getarnt als Versetzung, führt sie nach Istanbul, wo nichts ist mit der gewohnten Eintönigkeit auf hohem Niveau: Politisch aufgeheizt, so nah und doch so weit weg von Europa, muss sich Fred mit einem ernsten Fall auseinandersetzen – der Inhaftierung einer Türkin mit deutscher Staatsangehörigkeit.

Fred, die einst diese Karriere angetreten hatte, um die Welt zu verbessern, erfährt, wo Grenzen, Grauzonen und das Ende aller Diplomatie sind. Dabei gerät sie, die so toughe und unabhängige Frau, auch persönlich ans Limit, und Menschen, die ihr mehr bedeuten als gedacht, geraten in die politische Schusslinie.

Es ist ein Sturz in die Desillusionierung, dem wir beiwohnen, und die Bitterkeit und Ernüchterung lässt einen als Hörer*in sogar Mitleid mit der einst so privilegierten und recht überheblichen Fred empfinden. Die harsche Realität des diplomatischen Versagens macht sie menschlich, ihr Scheitern beinahe sympathisch. Dennoch bleibt ein bitterer Geschmack im Mund: Wenn sich das Leben auf dem diplomatischen Parkett auch nur in etwa so abspielt wie in diesem Roman, für den Fricke lange und sorgfältig recherchiert hat, wandelt diese Welt auf dünnem Eis und in nebligen Grauzonen.

Zur Sprecherin:

Bettina Hoppe passt hervorragend. Ihre Stimme ist die einer gestandenen Frau, mit genau dem trockenen Unterton und der holzigen Stimmfarbe, die Frickes Zeilen nötig haben. Anfangs casual-erhaben, passt Hoppe ihre Stimmlage dem zunehmenden Ernst der Situation an, ohne den bösen Humor an der Sache rauszufiltern. Hätte sie nicht besser machen können. Perfekt von Hörbuch Hamburg ausgewählt!

Fazit:

Relevant, trocken, süffisant und ernüchternd: Lucy Frickes Tanz auf dem diplomatischen Parkett zeigt uns eine Zwischenwelt zwischen privilegierter Langeweile und internationaler Krise. Der Blick hinter die Kulissen ist sprachlich amüsant, aber das Lachen bleibt uns im Halse stecken. Gerade in diesen Tagen interessante Lektüre.

Bewertung:

Bewertung: 5 von 5.

Danke an Hörbuch Hamburg für das Rezensionsexemplar!

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