„Jenseits von Eden“ (Hörspiel) nach John Steinbeck

Titel: Jenseits von Eden
Autor: John Steinbeck
Format: Hörspiel,
Bearbeitung u. Regie: Christiane Ohaus
Musik: Stephanie Nilles
Produktion: Norddeutscher Rundfunk 2021
Verlag: der Hörverlag
erschienen: 27.09.2021
Länge: 8 CDs, Laufzeit: 9:07 Std.

Meine Oma war ein glühender James Dean Fan. Und so kam es, dass ich bereits als Kind mit ihr auf dem Sofa saß und die alten schwarz-weiß-Filme guckte und als Teenager mein Zimmer mit „Denn sie wissen nicht was sie tun“-Postern zupflasterte. „Jenseits von Eden“ natürlich auch. Die Geschichte des ungeliebten Cal, der verzweifelt versucht, sich die Liebe seines Vaters zu verdienen, brannte sich unter meine Haut.

Darauf folgte erst meine Liebe zu den Romanen von John Steinbeck. „Wonniger Donnerstag“ ist bis heute einer meiner Lieblinge, „Von Mäusen und Menschen“ zerriss mich in Stücke, „Früchte des Zorns“ war Uni-Lektüre, und „Jenseits von Eden“ las ich irgendwann zwischendurch auch mal, überrascht, wie wenig daraus der Film doch abdeckt.

Das ist aber alles schon ein Weilchen her, und so machte mein Herz einen nostalgischen Hüpfer, als das Hörspiel vom Hörverlag bzw. Norddeutschen Rundfunk über meinen Radar flatterte. Mit Ulrich Noethen als Erzähler? Wunderbar!

Beim Hören durchlaufe ich mehrere Phasen und viele Gefühle, von „oha!“ über „interessant“ und „nee“ bis „mein Herz!“. Ich bin nicht hingerissen, wie damals vom Film. Ich bin hin- und hergerissen. Am Ende bin ich zufrieden und habe sortiert, was dieses Hörspiel kann und was eben nicht.

Was es NICHT kann, ist die Weite und gebackenen Farben der kalifornischen Landschaft darstellen, so wie John Steinbeck das mit Worten malen konnte. Seine Romane spielen sich zwar immer in Mikrokosmen ab – in Familien, Schicksalsgemeinschaften, Beziehungen – aber vor einem großen Backdrop, wie der Dust Bowl, der kalifornischen Küste, weitem Farmland. Und den spürt man im Hörspiel nicht, und man hört ihn auch nicht, weder im Sounddesign noch in der Musik. „Jenseits von Eden“ ist hier wie ein Bühnenstück mit kleinem Fokus, fast ein Kammerspiel.

Was andererseits auch wieder seine Stärke ist. Denn es geht ja um Beziehungen. Um toxische Beziehungen, die sich über Generationen hinweg wiederholen. Die schwierige, von Erwartungen und Enttäuschungen geprägte Vater-Sohn-Beziehung. Die fatale Liebe zu einer Frau und zu einer Mutter, die nicht für diese Rolle geschaffen wurde und gebrochene Herzen und verbrannten Boden hinterlässt. Das Potenzial zu Gewalt, das aus Beziehungsgift erwächst. Da konzentriert sich das Hörspiel drauf: Auf die Trask-Brüder erster und zweiter Generation, den Kampf gegeneinander, um den jeweiligen Vater, um die femme fatale Cathy Ames, deren zerstörerische Kraft die Männer der Familie immer wieder heimsucht wie ein Geist, den man nicht loswird. Hier können die Sprecher auftrumpfen und tun das auch. Und Ulrich Noethen formt mit seiner zurückhaltenden Gravitas einen Rahmen drumherum.

Nicht sicher bin ich mir, ob die musikalische Untermalung gelungen ist. Es ist in Ordnung, dass die Songs klingen wie Balladen, die in einer Bar zum Besten gegeben werden. Hat mich an Moritaten erinnert. Cathy endet schließlich auch in einem Etablissment dieser Art. Allerdings frage ich mich, ob der klassische Radio-Hörspiel-Hörer die englischen Texte versteht. Und, wie oben schon gesagt, fehlte mir ein eher klassischer Orchester-Soundtrack, der mir Epik und landschaftliche Weite näherbringt. So mag Stephanie Nilles‘ Komposition dem einen ein cheekiger Kunstgriff erscheinen, und das Hörspiel hat inzwischen auch aufgrund dessen den Deutschen Hörbuchpreis 2022 gewonnen, ging an meinen persönlichen Vorstellungen allerdings vorbei.

Dass die sich immer weiter und immer wieder auftuenden emotionalen Abgründe von den Sprecher:innen gut verkörpert werden, ist unbestreitbar. Alle machen einen guten Job, und die Intensität steigt mit der Geschichte an, gipfelnd in einer beklemmenden Schlussszene, während der man förmlich eine Stecknadel fallen hören kann. Steinbeck ist schon brutal, was die Seelen seiner Figuren angeht. Das transportiert Regisseurin Christiane Ohaus mit ihrem Ensemble deutlich. Das tut weh und soll es auch. Das Gefühl von damals, am Ende des James Dean Films, ist das gleiche: Schmerz. Funktioniert also.

Fazit:

Das Hörspiel lässt für mich persönlich den epischen Eindruck vermissen, den mir Steinbecks Romane (und die gute alte Verfilmung) hinter dem Figurenensemble immer vermittelten. Die musikalische Untermalung ist speziell und stößt gegen meine Erwartungen. Die Geschichte selbst ist intensiv und fatal und emotional brutal wie eh und je, gut adaptiert, und alle Sprecher:innen knien sich tief in die dargestellten Abgründe. Das frisch preisgekrönte Hörspiel hat – für mich – so viel Licht wie Schatten und kommt bei einem „gut, aber man muss es so mögen“ raus.

Bewertung:

Bewertung: 3.5 von 5.

Vielen Dank an den Hörverlag für das Rezensionsexemplar!

2 Gedanken zu “„Jenseits von Eden“ (Hörspiel) nach John Steinbeck

  1. Kathrin 23. März 2022 / 13:06

    Liebe Ute,
    auch hier möchte ich noch einmal ein paar Zeilen hinterlassen. Nach deinem Insta-Post habe ich inzwischen auch die Hörprobe gehört – und verstehe schon gut, was dich an der musikalischen Untermalung stört. Diesen Stil kann ich mir zwar als Intro oder theoretisch auch als Trailer vorstellen, aber ein ganzes Hörspiel in diesem Stil? Dennoch bin ich neugierig auf die Adaption und möchte selbst herausfinden, warum die Produktion ausgezeichnet wurde. East of Eden liegt hier allerdings auch als Taschenbuch seit Jahren rum. Jetzt bin ich unschlüssig, welche Reihenfolge die bessere wäre: erst das Original und dann die Adaption oder umgekehrt, um ohne eigene Eindrücke an das Hörspiel rangehen zu können? Da werde ich definitiv noch grübeln.

    Viele Grüße
    Kathrin

    • papercuts1 23. März 2022 / 16:42

      Hallo Kathrin!
      Wenn du das volle “Jenseits von Eden”-Erlebnis haben möchtest, musst du natürlich das Buch lesen. Gerade Steinbeck hat eine eigene Sprachmelodie – auch in der Übersetzung. Wenn du aber einfach mal nur die Geschichte von “Jenseits von Eden” kennen möchtest und Hörspiele magst, ist dieses hier gut geeignet. Nur an der Musik scheiden sich hier m.E. die Geister. Die kann man im Hörspiel allerdings auch, wenn man’s nicht mag, gut überspringen, da hier ja tatsächlich Songs zwischen den Passagen auftauchen.
      Ich kam mir ansonsten ein bisschen wie bei einem guten Theaterstück vor – nur eben mit den Ohren.

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