„Der Sixtinische Himmel“ von Leon Morell

Titel: Der Sixtinische Himmel

Autor: Leon Morell

Format: Hörbuch

Sprecher: Wolfgang Condrus

Verlag: Der Audio Verlag

erschienen: 20.06.2012

Länge: 08:29 Std., gekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis €13,95). Eine Hörprobe findet ihr auf der Produktseite.

Wer Kunst nicht sehen kann, muss hören!

In einem Museum war ich das letzte Mal im Januar 2020, glaube ich. In einer Rembrandt-Ausstellung in Köln. Seitdem sind die Museen wegen Corona entweder geschlossen, oder aber sie waren nur mit mulmigem Gefühl und mit Maske zu betreten – ein Risiko, dass ich nicht eingehe.

Aber ich vermisse Kunst. Ich vermisse die ehrfurchtsvolle Zehenspitzen-Stille von Museen und das magische Starren auf Bilder, bis man die Farbe geradezu riechen kann und sich mit aller Gewalt davon abhalten muss, über die Textur der aufgebrachten Schichten zu streicheln. (Mache ich natürlich nicht; ich bin ja kein Unhold) Ich vermisse es, eine eindrucksvolle Skulptur zu umrunden (auch hier der Streicheldrang), bis ich die Kälte und Härte des Marmors aus einem halben Meter Entfernung spüre. Ich vermisse es, in einer Kathedrale den Kopf in den Nacken zu legen und von den Fresken und kunstvollen Bögen im Gewölbe die Jahrhunderte auf mich hinabblicken zu sehen.

Hach, ich vermisse das.

Und weil das Vermissen so groß ist, habe ich angefangen, Kunst stattdessen eben zu hören: Künstlerromane, historische Romane rund um berühmte Gemälde oder Bauwerke, als Hörbuch. Und den Anfang gemacht habe ich mit Leon Morells „Der Sixtinische Himmel“.

Erzählt wird der auf vielen Tatsachen beruhende und mit Fiktion ausgeschmückte Roman aus der Sicht von Aurelio, einem Bauerssohn, der sich aufmacht nach Rom, um seinem Traum zu folgen: Schüler des berühmten Bildhauers Michelangelo Buonarotti zu werden. Tatsächlich wird der außergewöhnlich hübsche Jüngling von Michelangelo unter seine Fittiche genommen und arbeitet fortan mit an einer ungeliebten Auftragsarbeit des Meisters: Für den Papst soll Michelangelo die Sixtinische Kapelle mit einem biblischen Decken-Fresko versehen. Widerwillig stimmt er, der er doch viel lieber Skulpturen anfertigt, der Aufgabe zu.

Soweit die Ausgangssituation. Es spielt sich noch einiges anderes ab, wobei eine Kurtisane, eine weitere Skulptur, Michelangelos Familie und natürlich der Papst und die katholische Kirche bedeutende Rollen spielen. Und zwischen dem Künstler und Aurelio entwickelt sich eine besondere Bindung. Morell malt ein lebendiges Bild des Vatikans anfangs des 16. Jahrhunderts, obwohl sich die Handlung größtenteils in einem Mikrokosmos abspielt. Denn im Zentrum steht die Erschaffung des Freskos.

Mit Aurelio sind wir dabei, wie Ätzkalk angerüht, Pigmente gemischt und Putz kopfüber angebracht werden, um die giornata, das sogenannte „Tagewerk“ zu schaffen. Wir erleben den Kampf gegen Kälte und Hitze, gegen Schimmel und Stillstand, gegen die Zeit und sogar gegen den Tod. Immer klarer wird, wie riskant Michelangelos Vorhaben ist, denn das Kunstwerk ist sowohl in den Motiven als auch in der Ausführung revolutionär.

Wir lernen Michelangelo kennen als einen Getriebenen, geradezu Besessenen. Einen Mann, der vergisst zu essen oder sich zu waschen in seinem Schöpfungsrausch. Einen Mann, der sich als hässlich empfindet und seinen Skulpturen die ihm verwehrte makellose Schönheit verleiht. Einen Liebenden, der unter den Augen der katholischen Kirche seine Begehren nicht ausleben kann und sie in seine Kunst kanalisiert.

„Wenn ich dich ansehe, Aurelio […] dann glaube ich jedes Mal, den ersten Menschen vor mir zu haben, unverstellt und rein und frei von jeder Schuld. Ich sehe Adam vor mir, in dem Moment da Gott ihm die Seele einhauchte, bevor die Sünde geboren wurde und das Elend über die Welt kam.“

Morells Schreibstil ist mir am Anfang nicht fein und nicht poetisch genug. Das ist alles doch recht bodenständig und auf unterhaltendem Niveau erzählt. Im Laufe des Romans finde ich aber immer mehr Passagen, bei denen ich in Verzückung gerate. Und am Ende bin ich fasziniert und sehr, sehr berührt sowohl von der Dramatik der Geschichte als auch vor Ehrfurcht, was das Fresko angeht. Ich habe das früher immer etwas abgetan. Ein übertriebenes, biblisches Wimmelbild war das für mich. Halt an die Decke gemalt. Bisschen kitschig vielleicht sogar. Wie kompliziert das technisch, chemisch und physikalisch ist, war mir nicht bewusst. Und auch nicht, wie sehr Michelangelo mit seinem Fresko alles bisherige auf den Kopf stellte. Oder welchen Gefühlen er damit Ausdruck verlieht. Ich bin jetzt mächtig beeindruckt.

Ich hätte eigentlich zum gedruckten Buch greifen sollen, denn das Hörbuch ist offenbar deutlich gekürzt – beim Hören habe ich das aber nicht bemerkt. Keine Verständnislücken, nichts Zerhacktes oder Gedrungenes. Fühlt sich nicht gekürzt an (obwohl ich mir sicher bin, dass das Buch mit noch viel mehr technischen Details zur Fresken-Malerei aufwartet; vielleicht hole ich es mir doch noch). Zum Hörbuch habe ich gegriffen, weil mir mal wieder die Zeit zum Hinsetzen und Lesen fehlte. Beim Hören konnte ich multitasken. Jedenfalls ist der Sprecher, Wolfgang Condrus, passend: Seine Stimme gibt den murrigen, bei weitem nicht mehr jugendlichen Michelangelo gut wieder – auch wenn ja eigentlich der junge Aurelio erzählt. Passt trotzdem. Ein bisschen zuckt man, wenn Condrus „Mickelangelo“ sagt anstatt das schön weich und italienisch auszusprechen, aber ansonsten macht er das gar nicht übel. Condrus‘ Timbre und Lesart sind ein bisschen retro, ein bisschen wie die Erzähler der Kassettenkinder-Generation, und für einen historischen Roman ist das gut ausgesucht.

Fazit:

Es ist genau das passiert, was ich beabsichtigt hatte: Ich kann mir die Sixtinische Kapelle im Moment zwar nicht angucken, aber Morells historischer Roman hat mit Atmosphäre, technischem Detail, Emotion und einer packenden Geschichte das Fresko und den Künstler als Kopfkino vor mein inneres Auge gezaubert. Ich konnte den Putz riechen und das ätzende Brodeln des Kalks, konnte Ocker und Lapislazuli sehen. Ich konnte die Passion und die Verzweiflung des getriebenen und innerlich zerrissenen Michelangelo spüren. Am Ende war ich so begeistert, dass ich tagelang Videos über Fresken-Malerei anschaute und Artikel über Michelangelos Leben im Netz las. Klar ist das nicht dasselbe wie tatsächlich in der Sixtinischen Kapelle zu stehen und hochzuschauen. Aber wenn ich das dann irgendwann machen kann, hat mir der Roman das Rüstzeug gegeben, um die ganze Geschichte hinter dem Kunstwerk zu erfassen. Ich weiß jetzt schon, dass ich Gänsehaut bekommen werde.

Für Kunstbegeisterte und Leser*innen von historischen Romanen gleichsam zu empfehlen!

Bewertung:

Hörbuch:

Bewertung: 5 von 5.

Sprecher:

Bewertung: 4 von 5.

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