„The Secrets We Kept“ von Lara Prescott – Die Geschichte der Frauen hinter „Doktor Schiwago“

The Secrets We Kept von Lara Prescott

Titel: The Secrets We Kept
deutscher Titel: Alles, was wir sind
Autorin: Lara Prescott
Format: Hörbuch
Sprecher:  Carlotta Brentan, Cynthia Farrell, Mozhan Marnò, Saskia Maarleveld, Jonathan Davis, David Pittu, James Fouhey
Verlag: Random House Audio
erschienen: 03.09.2019
Länge: 10:55 Std., ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis: € 31,95). Eine Hörprobe findet ihr auf der Produktseite von Audible.

Zum Hörbuch:

Eine kleine Vorwarnung: Wer diesen Roman liest, wird hinterher nicht anders können, als in den Buchladen zu rennen und „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak zu bestellen. Und das Ding hat 700 Seiten. Sagt mir also nicht, ihr hättet das vorher wissen müssen! Ich hab’s euch hiermit gesagt.

Ein echter Thriller: Die Veröffentlichung von „Doktor Schiwago“

Falls ihr es noch nicht wisst: Lara Prescott’s Roman basiert auf der wahren, erstaunlichen Hintergrundgeschichte rund um die Veröffentlichung von „Doktor Schiwago“ im Jahr 1958 – und wird erzählt durch die Augen der Frauen, die entscheidend daran beteiligt waren. Manchmal schreibt das Leben ja bessere Geschichten, als sie ein Autor erfinden könnte, und so ein Fall ist das hier: Wir erfahren, dass Pasternak’s berühmter Roman in Russland damals aufgrund seiner Regime-kritischen Töne nicht veröffentlicht werden durfte – und zum begehrten Objekt der westlichen Geheimdienste wurde, die an einer Veröffentlichung sehr interessiert waren.

Und hier kommen Lara Prescott’s Heldinnen ins Spiel, die abwechselnd erzählen.

Von Musen, Typistinnen und Spionen

Olga Iwinskaja, Pasternak’s langjährige Geliebte, Muse und Vorbild für „Lara“ in „Doktor Shiwago“, landet in einem russischen Gulag, um Druck auf den Autor auszuüben und erweist sich als resiliente Überlebenskünstlerin mit unsterblicher Loyalität zu ihrem geliebten „Borja“.

Sally ist eine erfahrene CIA-Agentin, die undercover männlichen Zielobjekten die Köpfe verdreht und alle weibliche Finesse einsetzt, um gewünschte Informationen aus ihnen herauszukitzeln. Ihr Stern ist allerdings im Sinken begriffen: Die Jugend bröckelt, und mit ihr die Schönheit; und als die junge Irina das Geheimdienst-Parkett betritt, wird es aus noch ganz anderen Gründen gefährlich.

Irina, eine junge Amerikanerin russischer Abstammung, heuert beim CIA als einfache Typistin an, wird aber sogleich als Spionin rekrutiert und von Sally angelernt. Sie ist es, die auf das Manuskript von „Doktor Schiwago“ angesetzt wird – und sich undercover und in schönen Kleidern auf illustren Parties und von Männern mit unterschiedlichen Motiven umschwärmt wiederfindet.

Und dann gibt es da noch die Erzählperspektive der Typistinnen, die als eine Art „Chorus“ die Arbeit von Sally und Irina mit Argusaugen betrachten und kommentieren.

Die weibliche, unbekannte Seite der Geschichte im Rampenlicht

Die Sichtweise ist augenöffnend: Wir haben doch alle schonmal von „Doktor Schiwago“ gehört – vom Film oder vom Buch. Und Boris Pasternak ist ein Begriff. Aber die Frauen, ohne deren Zutun der Roman niemals das Licht der Welt erblickt oder Pasternak durchgehalten hätte? Von denen haben wir noch nie gehört. Und auch wenn Lara Prescott die beiden Spioninnen Sally und Irina erfindet, so sind sie doch stellvertretend für die tatsächlich involvierten weiblichen CIA-Mitarbeiterinnen. Und Olga Iwinskaja’s Geschichte ist wahr und belegt.

Lara Prescott, die lange recherchiert hat, zieht diese Figuren aus dem Schatten und stellt sie ins Rampenlicht. Sie präsentiert sie als Frauen, die – von den Männern ständig unterschätzt – ihre vermeintlichen Schwächen in Stärken ummünzen. Hübsch und selbstbewusst, aber ansonsten zur Unauffälligkeit trainiert, umgarnen Sally und Irina die Männerwelt und nehmen so die Spur des kostbaren Manuskripts auf.  Währenddessen lässt sich Olga, obwohl als Geliebte des verheirateten Boris immer nur an zweiter Stelle stehend, nicht von ihrer festen Zuneigung zu Boris abbringen und begegnet der Gefangenschaft im Arbeitslager mit stoischem Durchhaltevermögen.

Kleine Schwäche: Distanz

Ich bewundere beim Lesen die zwei Agentinnen, die trotz aller Stärke nicht vor Ängsten, Unsicherheit oder dem Neid der Kolleginnen gefeit sind. Ich spüre Olga’s Sehnsucht nach ihrem „Borja“ und habe Hochachtung vor ihrer Kraft. Dennoch (und das ist vielleicht die einzige Schwäche des Romans) bleibt eine emotionale Distanz zwischen mir und den Frauen erhalten. Ich komme nicht so dicht an sie heran, wie ich es möchte.

Das mag am häufigen Perspektivwechsel innerhalb des Romans liegen: Wenn es immer wieder zwischen drei Figuren hin- und hergeht (und zwischendurch kommen kurz auch zwei Männer zu Wort), kann man sein Herz schlecht verlieren. Vielleicht ist Prescott’s Schreibstil – an und für sich schön und elegant und literarisch – nicht emotionalisierend genug; man spürt ihr eine beobachtende, investigative Haltung an. Aufgrund der dahinter liegenden Tatsachen hat das Ganze auch etwas Dokumentarisches. Was immer es ist: Unterm Strich fehlt mir das Quentchen Gefühl, das diesen Roman von „sehr gut“ zu „großartig“ erhebt.

Fazit:

Was unterm Strich aber vor allen Dingen bleibt, ist das Gefühl, die fesselnde Geschichte bisher unbesungener Heldinnen gelesen zu haben – und Bestürzung, dass wir ohne Lara Prescott’s Recherchen und diesen Roman niemals von ihnen erfahren hätten! Da ist ein bisschen Wut, weil ich vermute, dass hinter so manch anderem Buch eines männlichen Autors oder sonstwie berühmten Künstlers ebenfalls die unbekannte Geschichte einer daran beteiligten Frau versteckt geblieben ist. Da gibt es noch viel zu entdecken und aus der Versenkung ans Licht zu holen.

„The Secrets We Kept“ (auf Deutsch: „Alles, was wir sind“) ist außerdem ein überzeugender, spannender und schillernder Mix aus Spionage-Geschichte und Überlebensdokument, der in der englischen Hörbuchversion von starken und passend ausgewählten Sprecherinnen erzählt wird: Carlotta Brentan liest Irina unverbraucht und neugierig; Cynthia Farrell haften gewiefte Laszivität und die Reife der mittleren Jahre an; und Mozhan Marno als Olga kommt ebenso kraftvoll und fast burschikos wie sanft und wehmütig daher. Sie werden ergänzt durch drei weitere Stimmen und machen das Ganze zu einem perfekt umgesetzten Hörbuch.

Und ich? Habe mir „Doktor Schiwago“ gekauft und werde es lesen, sowohl aus Neugierde als auch aus dem merkwürdigen Gefühl heraus, es diesen mutigen Frauen irgendwie schuldig zu sein.

Bewertung:

Hörbuch: 9 von 10 Punkten

Sprecher: 10 von 10 Punkten

Zur Info:

Auf Deutsch ist der Roman unter dem Titel „Alles, was wir sind“ im Aufbau Verlag erschienen. Das deutsche Hörbuch, gesprochen von Vera Teltz, gibt es ungekürzt bei Audible. Eine gekürzte Version ist dort auch erhältlich, wird von mir jedoch grundsätzlich nicht empfohlen.

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