„Westwall“ von Benedikt Gollhardt

Westwall von Benedikt GollhardtTitel: Westwall
Autor: Benedikt Gollhardt
Format: Hörbuch (mp3 CD)
Verlag: der Hörverlag
erschienen: 25.03.2019
Länge: 11:40 Std., leicht gekürzte Lesung

Vielversprechendes deutsches Thriller-Debüt

Selten finde ich mal einen neuen Thriller, der nicht nach einem der vielen, bereits abgewetzten üblichen Schemata abläuft. Noch seltener: interessante deutsche Thriller. Die irren Serienkiller, die brutalen, teils voyeuristischen Psycho-Spielchen bin ich ziemlich leid, und ebenso deutsche Versuche, mit einem kaputten, grenz-depressiven Kommissar die skandinavischen Noir-Krimis kopieren zu wollen. Das liegt vielleicht an mir, aber auch an der Übersättigung des Marktes mit derartigen Thrillern.

Überraschend und aufregend, wenn dann mal etwas anderes daherkommt! Benedikt Gollhardt ist ursprünglich Drehbuchautor von Comedy-Serien („Danny Lowinski“, „Türkisch für Anfänger“). Mit „Westwall“ liefert er sein Thriller-Debüt ab, und das ist nicht von schlechten Eltern.

Die Handlung:

In diesem im Westen Deutschlands platzierten Polizisten-Thriller auf Lokal-Format wird eine junge Polizeischülerin zum Spielball zwischen einer rechtsradikalen, kleinen Terrorgruppe und dem deutschen Staatsschutz. Im Hintergrund driften persönliche Geister an die Oberfläche.

Spannend daran: Es geht hier nicht um groß angelegten Terror oder Bundespolitik, nicht um das erschreckende Erstarken der Rechtsparteien und des allgemeinen Gedankenguts. Es geht um die ebenso gefährlichen und umso unberechenbareren kleinen Gruppierungen, die sich aus durchs soziale Netz gefallenen und von Rechtsradikalen „aufgefangenen“ Verlierer bilden. Und es geht um den fast undurchschaubaren Sumpf aus verdeckten Ermittler-Einheiten, wo die eigentlichen Loyalitäten unscharf sind und man kaum noch weiß, wer jetzt ein Polizist ist und wer ein „echter“ Rechter. Die Grenzen werden erschreckend fließend.

Mikro-Terror und persönliche Geschichte

Gollhardt flechtet noch eine immer persönlichere Hintergrundgeschichte hinein, die für überraschende Enthüllungen sorgt und uns auf die emotionale Seite von Polizeischülerin Julia ziehen sollen. Das gelingt teilweise. Zwar ergibt sich ein überraschender Zwiebeleffekt, der den Fokus immer kleiner, immer persönlicher werden lässt, führt aber andererseits zu einer immer mehr zaudernden Heldin, deren Toughness vom Anfang verloren geht und ihr Porträt uneben werden lässt. Dass sie fast ihre starken Prinzipien über Bord wirft, erscheint nicht glaubwürdig.

Ein Netz aus Figuren

Gollhardt spickt die Geschichte mit vielen Figuren, und das Netz, wer wer ist und welche Rolle spielt, ist nicht leicht zu entwirren. Beim Hören empfiehlt sich das Anlegen eines eigenen, kleinen Glossars, in dem sich Infos zu jeder Figur ergänzen lassen. Man muss geradezu eigene Hinweise sammeln und eine Ermittlung durchführen, um jeden irgendwann einordnen zu können.

Viel Licht und etwas Schatten bei den Nebenfiguren: Nach starkem Anfang bleibt Nick, Julias Freund, seltsam blass und wird an den Rand gestellt statt genutzt. Und Karl gerät derartig klischeehaft, dass er fast wie eine Neo-Nazi-Karikatur wirkt.
Dafür ganz stark: Julias lahmgelegter Revoluzzer-Vater samt grummelig-herzigem polnischen Pfleger. Julias muslimische Freundin und Mit-Schülerin Darya. Und Kommissar Roosen, Julias väterlicher Ausbilder mit einer bestürzenden Hintergrundgeschichte.

Kritische Todesfälle

Kritisch wird es, als Gollhardt mehrere wichtige, dem Hörer ans Herz gewachsene Figuren das Zeitliche segnen lässt. Das ist mutig und sorgt für Schockierung, aber danach fehlen einfach ein paar prägnante Gesichter im Ausgang der Story, die die Figur der Julia nicht alleine tragen kann. Eine zwiespältige Entscheidung des Autors.

Der Schluss ist ambitioniert. Ein Showdown mit Kawumm. Da merkt man, dass ein Drehbuchautor an der Schreibfeder gesessen hat.

Ein Kompromiss-Ende

Aber das Ende lässt auch Türen offen und das Potential der ein oder anderen Figur ungenutzt. Das fühlt sich an wie ein Thriller, bei dessen Veröffentlichung keiner mutig und offen auf eine Fortsetzung planen, sie aber als Möglichkeit behalten wollte. Finde ich immer ein bisschen schade, diesen Spagat. Ich habe entweder einen entschiedenen stand-alone Thriller lieber oder einen, der direkt als Auftakt zu einem Mehrteiler auf den Markt gebracht wird. Dann fühlt sich das beim Hören oder Lesen auch nicht so unrund an.

Uve Teschner mit Glanzleistung

Meinen Hut ziehe ich vor dem (ständig Hut tragenden) Uve Teschner. Den habe ich ja schon oft gehört, aber in „Westwall“ legt er eine Glanzleistung hin. So differenziert in den Stimmen, so klar in der Erzählung, so charakterstark habe ich ihn noch nie erlebt. Einen männlichen Sprecher für ein Hörbuch mit einer weiblichen Protagonistin auszuwählen, erschien mir zunächst merkwürdig. Doch Teschner, mit seinem variablen Tenor, kann die toughe und dennoch verletzliche Weiblichkeit von Julia ebenso rüberbringen wie den knarzigen Roosen und den verzerrt absurden Karl. Das hört sich nicht nach Routine an, sondern nach einem Sprecher, der selbst Lust am Stoff hat.

Fazit:

Ein deutscher Debüt-Thriller über braunen Terror-Sumpf und persönliche Vergangenheitskonfrontation einer Polizeischülerin. Nicht mit großer Blende, sondern im kleinen, lokalen Fokus geschrieben, und daher umso verwobener und verunsichernder. Gollhardts Debüt ist nicht perfekt, die Zeichnung der Hauptfigur nicht ganz stabil, und das Ende nicht so stark wie der Rest des Thrillers erhoffen lässt. Aber die Geschichte hat einen anderen Ansatz als viele Fließband-Thriller, sie spielt auf bekanntem deutschen Pflaster, dem man auf der Landkarte folgen kann und bekommt dadurch beklemmend realistische Züge. Für einen Erstling sehr vielversprechend, und als Hörbuch von Uve Teschner grandios vorgelesen.

Bewertung:

Hörbuch: 7 von 10 Punkten

Sprecher: 10 von 10 Punkten

Ein Rezensionsexemplar des Hörbuchs wurde mir vom Verlag im Gegenzug für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt – danke!

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