Im Dschungel der fehlenden Gefühle: „Das Volk der Bäume“ von Hanya Yanagihara

Im Dschungel der fehlenden Gefühle: Das Volk der Bäume von Hanya YanagiharaTitel: Das Volk der Bäume
Originaltitel: The People In The Trees
Autorin: Hanya Yanagihara
aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Format: Hörbuch mp3-CD’s
Sprecher: Gunter Schoß, Matthias Bundschuh
Verlag: Hörbuch Hamburg
erschienen: 01.02.2019
Länge: 1075 Min., ungekürzte Lesung

Inhaltsangabe:

Der junge Arzt Norton Perina begleitet in den 50ern eine anthropologische Forschungsreise nach Mikronesien, auf die südpazifische Inselgruppe Ivu’ivu. Dort macht er eine unglaubliche Entdeckung: Einige Mitglieder des Inselvolks sind uralt, körperlich aber jung geblieben. Dafür ist ihr Geist völlig zerfallen. Das Phänomen führt er auf den Verzehr einer Schildkrötenart zurück. Hat Perina einen Weg zur Unsterblichkeit entdeckt? Er erforscht das sog. „Selene-Syndrom“, wird von der Wissenschaft gefeiert, während Ivu’ivu überrollt wird. Und dann beginnt Norton, auf seinen Reisen in den Pazifik immer mehr verwahrloste Kinder zu adoptieren. Jahrzehnte später beschuldigt ihn einer der Jungen der Vergewaltigung, und es kommt zur Verurteilung.

Zum Hörbuch:

Die Handlung:

Der Prolog, von einem loyalen (und fiktiven) Kollegen Perina’s erzählt, nimmt die gesamte Handlung dieser ebenfalls fiktiven Autobiografie vorweg, die aus Perina’s eigener Sicht, in Ich-Perspektive erzählt wird – seine im Gefängnis geschriebene Lebensbeichte. Wir wissen sofort, was passieren wird.
Und so geht man mit dem Wissen in dieses Buch, dass man sich in den Kopf eines Monsters und gefeierten Wissenschaftlers zugleich begibt. Die Frage ist nicht mehr so sehr: Was ist passiert? Sondern: Wie beurteilen wir diesen Mann?

Anmerkung: Inspiriert wurde die Hawaiianerin Yanagihara von einer wahren Quelle. Der amerikanische Arzt Daniel Gajdusek war Nobelpreisträger, der später wegen Pädophilie verurteilt wurde.

Pseudo-Biografie mit unsympathischer Hauptfigur

Von Beginn an schleicht sich ein befremdliches, unbehagliches Gefühl bei der Lektüre ein. Der dokumentarische Stil samt Fußnoten wirkt sehr real, als sei das alles wirklich so abgelaufen. Gleichzeitig haben wir es mit zwei unzuverlässigen Erzählern zu tun, auf deren Sichtweise wir uns immer weniger verlassen können. Schon die Kindheitserinnerungen Perina’s, vor allem sein klinisch-manipulativer Umgang mit seiner intellektuell minderbegabten Mutter machen klar, dass wir es nicht mit einem sympathischen Menschen zu tun haben. Hier ist ein Junge und später Mann, der alles aus einer wissenschaftlich beobachtenden Distanz betrachtet, mit Neugierde und hellstem Verstand, aber ohne jede Empathie. Die Welt – ob Tiere oder Menschen – besteht für ihn eigentlich nur aus Laborratten.

Schwer verdaulich ist sein kühler Umgang mit den Versuchstieren und Kollegen während des Medizinstudium. Noch bedrückender und empörend wird seine Forschungsarbeit an und mit den Ivuanern, die er erst mit herrschaftlich-kolonialistischer Anmaßung studiert, um sie dann ihrer Heimat zu entreißen und ebenfalls als Laborratten zu benutzen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Eltern der Autorin Hanya Yanagihara auch beide Mediziner waren. In wieweit ihre persönlichen Erfahrungen in den Roman einflossen, ist Spekulation, aber eine interessante Tatsache.

Pralle Dschungelwelt gegen empathielosen Protagonisten

Perina’s Gefühllosigkeit prallt auf die ursprüngliche, von Ritualen und sozialem Gefüge geprägte Welt der Iuvianer. Seine nüchternen Beobachtungen stehen im krassen Gegensatz zu den satten, wortreichen und sensorischen Beschreibungen der pazifischen Dschungelwelt. Yanagihara benutzt schönste Satzgefüge und Wortfolgen, deren emotionaler Inhalt durch Perina’s Augen aber leer bleibt und allenfalls Ekel oder Abfälligkeit ausdrückt.

Das anthropologische Experiment zieht sich

Der „Klappentext“ des Romans weist auf das Missbrauchsthema als Aufhänger hin. Tatsächlich aber blitzt das über drei Viertel des (Hör)buch nur kurz auf und im Zusammenhang mit einem Stammesritual, das nicht so einfach zu beurteilen ist. Das führt dazu, dass sich eine gewisse Ungeduld einschleicht beim Hören und der Eindruck, dass sich die Erforschung des Selene-Syndroms arg zieht.

Der Umgang mit seinen „Forschungsobjekten“ sagt zwar viel aus über Norton Perina, aber so viel Ausschweifung und Detailbeschreibung wäre dafür nicht nötig gewesen. Man hat recht schnell ein unangenehmes Bild von diesem Mann, durchquert von Anerkennung für seine wissenschaftliche Leistung und unterlegt mit einer merkwürdigen, tief vergrabenen, sinnlichen Sehnsucht. Er selbst macht früh klar, dass er sich von Frauen abgestoßen fühlt, und wir merken schnell, dass ihn eher junge Männer interessieren.

Bruch zum interessanteren zweiten Buchteil

So muss man einen Mittelteil überstehen, der bis auf anhaltend schöne Sprache und ein paar aufhorchen machende Szenen nicht viel Neues beisteuert. Richtig interessant wird der Roman mit Beginn von Perina’s Adoptionswut. Das ist ein bisschen ein Bruch, konzentriert sich die Ich-Erzählung doch jetzt auf die persönlichen Beziehungen zwischen Perina und seinen Kindern. War er zuvor nur der Beobachter und Experimentsleiter, wird er jetzt immer mehr zu einem unfreiwilligen Teil davon. Mit der gleichen klinischen Distanz wie bisher beschreibt er seine irgendwann mehr als 30 Adoptivkinder, von denen er sich teils noch nicht mal die wahllose vergebenen Namen merken kann.

Ganz seltsam mutet sein ihm selbst unerklärlicher Drang an, die Kleinen verwahrlost und entgegen den eigenen Vorsatz doch immer wieder bei sich aufzunehmen. Irgendwo, unter all der Gleichgültigkeit den Kindern gegenüber, jagt Perina einem Gefühl nach, einer ungestillten Sehnsucht, der Existenz seines eigenen Herzens, von der er im Dschungel eine ganz winzige Ahnung bekommen hat.

Die Vernichtung des Paradieses

Zwischendurch kommt sogar ein bisschen Menschlichkeit auf, als Ivu’ivu im Zuge von Perina’s Entdeckungen von Wissenschaftlern und Pharmakologen überrollt und „zivilisiert“ wird. Wissenschafts- und Kolonialisierungskritik werden hier ganz laut, und selbst Perina scheint von Bedauern und einem gewissen Verantwortungsgefühl geplagt zu werden. Sein plötzliches Bedürfnis, sich um die als „Träumer“ bezeichneten menschlichen Versuchsobjekte zu kümmern, wirkt überraschend und kratzt kurzfristig am Negativbild dieses Mannes.

Perina – das Menschliche ist verborgen?

Überhaupt ist man trotz Perina’s offensichtlicher Abgründe immer irgendwie bemüht, diesen Mann zu mögen, was aber nie gelingt. Es mag an der Ich-Perspektive liegen, die uns ein bisschen zu Komplizen macht, an Yanagihara’s oft ins poetisch wankender Sprache oder an kurzen Andeutungen, dass auch in Perina ein Mensch mit dem Bedürfnis nach Liebe steckt. Eine sicherlich wichtige Rolle spielt dabei seine Beziehung zu seinem Zwillingsbruder Owen – der einzige Mensch, der ihm wirklich wichtig zu sein scheint und eine gewisse Weichheit in dem kalten Wissenschaftler zu Vorschein bringt.

Am Ende ein tiefer Abgrund

Am Ende jedoch, nach einer völlig verstörenden Szene, ist eine irgendwie wohlwollende Interpretation dieses Mannes ausgeschlossen. All seine Errungenschaften, all seine vielleicht verschütteten gutmeinenden Intentionen werden in einem unverzeihlichen Akt pulverisiert. Alle Fragen nach möglicher Rechtfertigung und den Grauzonen von Moral lassen die Waage nur noch in eine Richtung ausschlagen: Dieser Mann stürzt zu Recht von seinem Thron, und nichts kann seine persönlichen Untaten aufwiegen.

Die Sprecher:

Was für ein gegensätzliches Sprecher-Duo hat Hörbuch Hamburg das ausgewählt! Gunter Schoß, der Norton als Ich-Erzähler spricht, erinnert mit seiner tiefen, warmen Märchenonkelstimme an Harry Rowohlt. Gerade diese Wärme verursacht einen tollen Zwiespalt zur Empathielosigkeit der Figur und greift die schöne Sprache dabei auf. Der zweite Sprecher, Matthias Bundschuh, spricht Einleitung, Schlussteil und die eingefügten Fußnoten. Seine Stimme ist im Gegensatz zu Schoß so hell, dass man ihn beim Wechsel kurz für eine Frau halten könnte. Ihm haftet etwas sehr dokumentarisch-neutrales an, und das passt zu seiner Rolle. Keine Stimmfarbe, die mir persönlich gefällt, aber als Gegengewicht zu Schoß sehr gut ausgesucht.

Fazit:

Ein Roman, der nicht leicht zu lesen ist. Wir sitzen im Kopf eines Protagonisten, den wir eigentlich nur ablehnen können, stellen diese Ablehnung aufgrund der auftauchenden Fragen um Wissenschaft, Ethik und Moral und der Manipulation durch die Erzählung aber immer mal wieder in Frage. Wir wollen diesem empathielosen Forscher eine Chance geben, können es aber wirklich nicht. Der bodenlose Abgrund, der sich am Ende auftut, zerstreut jeden Zweifel.
Nebenbei noch Wissenschafts- und Kolonialisierungskritik, hat „Das Volk der Bäume“ deutliche, ermüdende Längen. So eingehend detailliert hätte die quälende, unmenschliche Forschungsarbeit Perina’s nicht beschrieben werden müssen. Yanagihara scheint sich in der Ausdehnung dieser erschöpfenden Tortur fast ein bisschen zu wohl zu fühlen.
Zusammengeraffter, vor allem in der ersten Hälfte, hätte „Das Volk der Bäume“ ein grandioser Erstling sein können. So ist es ein sprachlich beeindruckendes, herausforderndes und gewollt verstörendes Debüt, für das man Durchhaltevermögen braucht.

Bewertung:

Hörbuch: 7 von 10 Punkten
Sprecher: 10 von 10 Punkten

Ein Rezensionsexemplar des Hörbuchs wurde mir vom Verlag im Gegenzug für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt – vielen Dank!

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