„Das Mädchen und der Totengräber“ von Oliver Pötzsch

Titel: Das Mädchen und der Totengräber (Totengräber-Serie #2)
Autor: Oliver Pötzsch
Format: Hörbuch
Sprecher: Hans Jürgen Stockerl
Verlag: HörbuchHamburg
erschienen: 31.03.2022
Länge: 14:54 Std.

Inhaltsangabe:

Wien, 1894. Inspektor Leopold von Herzfeldt bekommt es mit gleich drei Fällen zu tun: Ein nach allen Regeln der Kunst mumifizierter Ägyptologe, eine Serie ermordeter junger Männer aus dem Strichermilieu, und ein zerfleischter Tierpfleger im Zoo. Gut, dass er die Hilfe des Totengräbers Augustin Rothmayer hat und die seiner Freundin Julia, die inzwischen als Tatortfotografin für ihn arbeitet.

Zum Hörbuch:

Dieser historische Krimi, schön wienerisch eingefärbt von Sprecher Hans Jürgen Stockerl, hat eigentlich alles, was es zum Fesseln braucht: interessante Charaktere, gleich drei spannende Fälle auf einmal und das historische Setting Wiens auf der Schwelle zur Moderne. Dennoch habe ich mich etwas schwer getan damit.

Gute Hauptfiguren mit kleinen Problemen

Nicht mit Leo Herzfeldt, denn der ist mit seiner Jugend, seinem Dandy-haften Auftreten und seinem Interesse an modernen Ermittlungsmethoden eine interessante Hauptfigur (und trotz des irreführenden Titels ist er die Hauptfigur der Reihe). Dass er Jude ist in einer Zeit, in der der Antisemitismus seine hässliche Fratze erhebt, mit ständigen, nicht mehr wirklich unterschwelligen Seitenhieben durch seine Kollegen, verleiht seiner Figur noch eine zusätzliche Facette.

Gut fand ich auch den kauzigen aber gutherzigen Totengräber Augustin – der allerdings nur eine sehr untergeordnete Rolle in diesem Teil spielt. Das hat mich bereits verwirrt und auch etwas geärgert. Warum betitelt man ein Buch mit einer Figur, die nur eine Nebenrolle spielt? Die ganze Geschichte mit dem Mädchen aus dem Titel, um das Augustin sich kümmert, ist ein komplett untergeordneter Erzählstrang. Das schürt falsche Erwartungshaltungen bei den Leser*innen, und das ist nie gut. Was haben sich Autor und Verlag dabei nur gedacht?

Allerdings hat Augustin Rothmayer einen der interessantesten Aspekte des Buches zu bieten: Immer wieder gibt es Einschübe aus dem Buch über Totenkulte, an dem Augustin arbeitet. Skurrile, teils makabre Rituale aus der ganzen Welt werden dort beschrieben, und die fand ich allesamt faszinierend und lehrreich.

Leos Freundin Julia ist schon etwas problematischer. Als alleinerziehende Mutter muss sie sich gegen gesellschaftliche Normen und eine von Männern bestimmte Arbeitswelt durchsetzen. Das tut sie auch eindrucksvoll, wirkt dabei aber manchmal wie eine Frau, die aus der Zukunft stammt und unfreiwillig in der Vergangenheit gelandet ist – oder eben wie eine Figur, die überzogen modern und selbstbewusst vom Autor erschaffen wurde. Ich mochte sie, aber sie passte irgendwie nicht stimmig zum Rest des Ensembles.

Atmosphärisches Setting

Ein positiver Punkt des historischen Krimis ist mit Sicherheit das Setting samt Atmosphäre. Man taucht ein in die Wiener Zeit kurz vor der Jahrhundertwende, und die sprachlichen Differenzierungen des Hörbuchsprechers intensivieren das noch. Zwar ergeht sich Pötzsch nicht in ausufernden Beschreibungen, aber viele Dialoge, verschiedene Schauplätze in Wien und die Figuren selbst sorgen für eine plastische Atmosphäre – die jedoch nicht romantisch ist, sondern aufgrund der düsteren Fälle und des permanent subtil faschistischen Stimmungsbildes eher bedrückend.

Das war dann auch das, was mich am meisten gestört hat am Buch: Pötzsch zeichnet mit Sicherheit ein stimmiges Bild des aufkeimenden Judenhasses, der sich bei Leos Kollegen mit deren Skepsis gegenüber seinen modern-wissenschaftlichen Ermittlungsmethoden paart.

Das Problem mit den -ismen

Aber das Buch steckt voller weiterer -ismen: Im Buch tauchen im Rahmen sogenannter „Völkerschauen“ POCs (persons of color) auf, die wie exotische Tiere vor Publikum „ausgestellt“ werden und unter menschenunwürdigen Zuständen „gehalten“ werden. Ja, auch das gehörte zu dieser Zeit. Und die Darstellung öffnet uns rückwirkend die Augen. Unwohl war mir allerdings dabei, wie im Buch rassistische Begriffe reproduziert wurden, unter anderem das N-Wort, und zwar ohne vorhergehende Triggerwarnung.

Im Booklet der Hörbuch-CD bezieht Pötzsch dazu Stellung und erklärt, warum er das N-Wort verwendet:

„Ich glaube, wenn wir Geschichte in Romanen (und Filmen) abbilden, dürfen wir nichts ausblenden. Sonst wird irgendeine spätere Generation sagen, es sei doch alles nicht so schlimm gewesen – weil sie längst vergessen hat, wie schlimm es wirklich war.“

Das ist eine Auffassung, die viele Autor:innen historischer Romane vertreten. Nachdem ich mich in letzter Zeit intensiv mit dem Thema „Rassismus“ auseinandergesetzt habe, bin ich anderer Meinung als Oliver Pötzsch. Man kann Geschichte eindrucksvoll lehren und Rassismus beschreibend darstellen, ohne dabei traumatisierende Begriffe wie das N-Wort zu reproduzieren. Ich habe das bei anderen Autor:innen gelesen und gehört, und es funktioniert.

Das gleiche gilt im Übrigen für die Darstellung von Ableismus in diesem Buch. Julias Tochter ist gehörlos, und Julia kommuniziert mit ihr in Zeichensprache, obwohl diese damals gesellschaftlich verpönt war. Ja, auch hier stellt Pötzsch die Realität der damaligen Zeit nach. Aber ich hätte mir gewünscht, dass z.B. durch eine Fußnote klargestellt wird, dass man heute „gehörlos“ sagt anstatt der im Text benutzten, diskriminierenden Bezeichnung. Hier hätte Pötzsch auf einfachem Weg Aufklärungsarbeit leisten können.

Nobel also, dass Pötzsch die -ismen der damaligen Epoche schonungslos darstellt. Und das ist mit Sicherheit seine Intention: Faschismus, Rassismus und Ableismus darzustellen und dadurch anzuprangern. Seine Absichten sind gut gemeint. Hätte man aber noch sensibler umsetzen können.

Der Krimi-Plot

Und was ist jetzt mit dem Plot? Mit dem Krimi? Der wickelt sich gemächlicher ab, als die Inhaltsangabe vermuten lässt. Nach dem spannenden Leichenfund im Museum träufeln die Ermittlungen etwas dahin. Die Ägyptologie spielt nicht die erwartet große Rolle. Zwischendurch, wenn sich Längen einschleichen, setzt Pötzsch gerade rechtzeitig Action-Punkte, bevor es langweilig wird, und die schreibt er gut. Reizvoll sind die modernen Methoden, die Herzfeldt einsetzt – z.B. Fingerabdrücke und Tatortfotografie. Lange tappt man im Dunkeln, bevor sich am Schluss nicht ganz befriedigend die drei Fälle verknüpfen und es zu einem Showdown kommt, der in Ordnung ist, wenn auch nicht überwältigend. Fans historischer Krimis bekommen hier gute Kost, wenn auch keinen absoluten Page Turner.

Fazit:

Ein historischer Krimi mit etwas unglücklich ausgesuchtem Titel, solidem Plot, interessanten Figuren und nicht genug Sensibilität im Umgang mit -ismen. Wer Freude hat am Wiener Setting kurz vor Anbruch des 20. Jahrhunderts und an der sich entwickelnden modernen Kriminologie, und wer dazu noch umgehen kann mit der Darstellung aufkeimenden Faschismus sowie morbiden, dafür faszinierenden Einblicken in Totenkulte, für den oder die bietet „Das Mädchen und der Totengräber“ unterhaltsam-spannendes Lokalkolorit mit damaligem Zeitgeist.

Bewertung:

Bewertung: 3 von 5.

Danke an HörbuchHamburg für das Rezensionsexemplar!

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