„Empire of the Vampire“ von Jay Kristoff

Titel: Empire of the Vampire

Autor: Jay Kristoff

Format: Hörbuch

Sprecher: Damian Lynch

Verlag: Harper Collins

erschienen: 07.09.2021

Länge: 27:10 Std., ungekürzt

Das Hörbuch erhaltet ihr als ungekürzten Download bei audible.de, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 43,95). Eine Hörprobe findet ihr auf der Produktseite von Audible.

Rezension:

Fuck my face.

Wenn dieser Satz euch abtörnt, dann braucht ihr Jay Kristoff’s neue Vampir-Fantasy-Reihe gar nicht erst anzufassen, denn dieser deftige Spruch und andere F-Wörter gehören ebenso zu „Empire of the Vampire“ wie epische, grausig-schöne Sprache. „Gritty gothic“ – so würde ich das bezeichnen. Wenn euch saftiges Fluchen allerdings nicht abschreckt, und ihr auch mit (wenigen) expliziten Sex-Szenen sowie ausgiebiger, blutiger Grausamkeit kein Problem habt: Willkommen in einem der besten Fantasy-Romane, die ich in diesem Jahr gelesen bzw. gehört habe!

Der Reihe nach: Kristoff erzählt uns eine Geschichte-in-der-Geschichte. Gabriel de León, letzter Angehöriger des Silversaint-Ordens, die sich der Jagd auf Vampire verpflichtet haben, sitzt als Gefangener in einem Kerker – wo er dem Historiker und Vampir Jean-François Chastain seine Lebensgeschichte erzählen muss. Rückblickend, auf zwei verschiedenen Zeitebenen, und unterbrochen von Jean-François‘ Rückfragen und Kommentaren, erfahren wir, wie Gabriel als Jugendlicher zu einem Silversaint wird und wie er sich später mit einer Gruppe Misfits auf die Suche nach einem Heiligtum begibt, das die Herrschaft der Vampire beenden soll. Denn es ist eine Welt am Rande des menschlichen Untergangs, in der Gabriel lebt: Aus ungeklärten Gründen geht seit Jahren die Sonne nicht mehr richtig auf („Day’s Death“ nennen sie das), und die untoten Blutsauger (elegante, eiskalte, mit Superkräften ausgestattete Bösewichte) können sogar bei Tag ihr Unwesen treiben.

Mehr verrate ich hier nicht – das exzellente world building, das nach und nach durch Gabriel’s Ich-Erzählung Gestalt annimmt, ist Teil des episch-düsteren Vergnügens und birgt einige Überraschungen, die ich nicht vorweg nehmen will.

Was aber ist so toll an dieser Vampir-Geschichte? Was hebt sie von unzähligen anderen ab?

Neben der sorgfältig entworfenen Welt ist das für mich Jay Kristoff’s Mut. Der nimmt sprachlich kein Blatt vor den Mund, schreckt weder vor Profanität zurück noch vor sinistrem Bombast dicht am purple prose. Er hat keinerlei Scheu vor Plot Twists – überraschenden ebenso wie vorsichtig angekündigten – und setzt sie gekonnt ein. Und er hat erst recht keine Scheu davor, seinen Figuren die grausamsten Dinge anzutun – physisch wie psychisch – oder sie einfach umzubringen, teils ohne jede Vorwarnung. Kristoff schert sich einen Dreck darum, dass er uns das Herz aus der Brust reißt und dann grinsend darauf herumstampft. Er macht es einfach. Und er tut es nicht um des Schockeffektes willen, sondern um die Geschichte voranzutreiben und seinen Helden in dessen Entwicklung an die Stelle zu bringen, an der wir ihn kennenlernen sollen.

Da sind wir bei der Hauptzutat: die Figuren. Gabriel de León. Oh mein Gott, Gabriel! Wir leiden und kämpfen mit ihm, von seinem schweren Stand als Silversaint-Lehrling ohne besondere Fähigkeiten und am Ende der Nahrungskette über unzählige Verluste und Verletzungen bis hin zu seinem Aufstieg und Fall als berühmtester Silversaint. Kristoff lässt uns alles spüren: Gabriel’s Verunsicherung als Junge, seinen Trotz, seine Ungestümtheit. Wir machen mit ihm Fehler, kassieren Narben, verlieben uns, finden ein Zuhause in einer Bruderschaft (die mich stark an die Night Watch aus GoT erinnert), und wir verzweifeln mit ihm und dürsten nach Blut und Vergeltung.

Klar, Gabriel ist ein ziemlich typischer „brooding anti-hero“. So’n richtiger Kerl halt. Lange schwarze Haare, brummige Natur. Und die Sache mit den Aegis, den Tattoos, wenn die Silversaints sich vor dem Kampf ihre Hemden vom Leib reißen, damit die Aegis auf ihren Körpern leuchten können. Kann man die Augen drüber rollen und sich über Klischees aufregen. Oder sich berauschen lassen von den blutigen, knochenbrecherischen Kämpfen und den tapferen Silversaints, die mit Twilight-Geglitzer nun wirklich gar nichts am Hut haben.

Viele gut gestaltete Nebenfiguren beeindrucken: kämpferische, aufbegehrende Frauen wie Astrid, Chloe und Gabriel’s Mutter; Gabriel’s Waffenbruder Aaron und sein Mentor Greyhand; die abgrundtiefen Bösewichte dieses Teil: das Biest von Verlaine, der Forever Prince und dessen Tochter. Sogar Tiere schließt man ins Herz (bevor Kristoff sie dann gnadenlos abschlachtet). Und auch bei den Charakteren baut Kristoff ein paar unerwartete Twists ein.

Auch gut und richtig für moderne Dark Fantasy: Diversität. Es gibt – ganz selbstverständlich und ohne besonderes Hervorstellen – verschiedene Hautfarben in diesem Buch, und es gibt queere Figuren und Beziehungen. Und auch, wenn ich weiß, dass es hier wieder Debatten um Verschiedenes gibt, finde ich persönlich das gut und unprätentiös gemacht.

Religion. Ein ganz großes Thema in „Empire of the Vampire“. Der vorherrschende Glaube in Gabriel’s Welt, und vor allem der seines Ordens ist extrem stark angelehnt an den Katholizismus. Und Gabriel’s Glaube wird auf jede erdenkliche Zerreißprobe gestellt. Wir verfolgen sein Hadern und Zweifeln angesichts des Leids, das der „great Redeemer“ zulässt. Wir verstehen seine Wut angesichts der Einstellung des Ordens zu Homosexualität und anderen „Regelverstößen“. Wir erleben aber auch die Kraft, die der Glaube den Kriegern verleiht und die Hoffnung, die er in dieser von Dunkelheit gefluteten Welt den Menschen bringt. Gabriel lebt in einem Zwiespalt und mit Zweifeln und Groll, die ich nur allzu gut nachvollziehen kann. Und Kristoff’s völlig gerechtfertigte, darin verarbeitete Kritik am Festhalten an einem „dusty old book“ und diskriminierenden Regeln ist laut und deutlich.

Und dann ist da noch die Tragik. „Empire of the Vampire“ ist nichts für Warmduscher. Wer Ponys und Sonnenuntergänge und happily ever afters möchte, bitte weitergehen. Ist okay, aber das hier? Das ist wirklich nur etwas für Leser*innen, die auf episches, einem die Eingeweide rausreißendes Drama stehen. Hello Darkness my old friend und so. Bis zum Exzess. Brutaler an Geist und Herz und Körper kann es nicht werden. Haltet Taschentücher bereit und vielleicht auch die ein oder andere Rettungsdecke. Ihr braucht sie vielleicht.

Gibt’s auch was zu kritisieren? Ja klar. In der Buchmitte zieht es sich. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht mehr so genau wusste, warum ich jetzt gerade mit Gabriel durch die Lande trottete und wo das alles hinführen soll und dass auch mal zu viel geredet wurde.

Außerdem war ich kurz davor, ein Trinkspiel zu veranstalten: Jedesmal einen Shot weghauen, wenn Gabriel von einem Schwert durchbohrt wird oder sämtliche Knochen gebrochen bekommt (seinesgleichen hat Gottseidank wundersame Heilkräfte). Gut, dass ich das nicht gemacht habe! Ich vertrage nichts, und ich wäre schon nach sechs Kapiteln dicht gewesen. Ehrlich: Es wurde langsam ein bisschen übertrieben.

Aber „Empire of the Vampire“, ist so ein Buch, dem verzeihe ich das am Ende. Eben weil es mich am Ende emotionalisiert, begeistert, geschockt, sprachlos und gleichzeitig begeistert vor mich hin stotternd zurücklässt. Weil am Ende die Dinge so zusammen laufen und so stimmig sind, dass es mich auf ganzer Ebene abholt. Weil auch der Sprecher – Damien Lynch – mit seiner Subwoofer-Stimme und seinem eleganten frankophonen Touch Kino in meinen Kopf zeichnet und die Figuren authentisch ins Leben spricht.

Und so steht man am Ende da, in „Empire of the Vampire“: an Gabriel’s Seite, blutend und gebeutelt, in einer scheinbar aussichtslosen Situation, und trotz unmenschlicher Verluste rafft man sich mit ihm zu einem imaginären ausgestreckten Mittelfinger und einem kalten Grinsen auf und sagt der Welt: „Fuck. my. face.“

Ich kann’s jedenfalls nicht erwarten, im zweiten Teil mit ihm weiter durch die Hölle zu gehen. Jay Kristoff, beeilst du dich bitte?

Bewertung:

Hörbuch:

Bewertung: 5 von 5.

Sprecher:

Bewertung: 5 von 5.

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