„Blackbird“ von Matthias Brandt

Blackbird von Matthias Brandt

Titel: Blackbird
Autor: Matthias Brandt
Format: Hörbuch
Sprecher: Matthias Brandt
Verlag: Tacheles/Roof Music
erschienen: 22.08.2019
Länge: 06:58 Std., ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95.

Inhaltsangabe:

Irgendwo in Deutschland, in den 70ern: Motte ist fünfzehn, und seine Welt ist im Umbruch. Seine Eltern trennen sich, Motte verliebt sich zum ersten Mal, und am heftigsten: Bogi, sein bester Freund, hat Krebs und wird mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit daran sterben. Zwischen Ärger mit Lehrern, dem Auszug seines Vaters, ersten Küssen, Lieblingsschallplatten und Krankenhausbesuchen bei Bogi ist das für Motte alles nicht so einfach.

Zum Hörbuch:

Zwei Sätze ins Hörbuch, und ich war abgeholt. Von dieser Stimme. Von dieser flappsigen Ich-Erzählung eines 15-jährigen. Von dieser Zeit – den 70ern. Ich bin zwar in den 80ern Teenager gewesen, aber das hat sich nicht viel anders angefühlt: Auch da drehte sich das Leben noch nicht um Smartphones und Computer. Da wurden Liebesbriefe von Hand geschrieben und mit komplizierter Logistik an das Objekt der Begierde in der Parallelklasse durchgereicht. Da setzte man sich einfach aufs Fahrrad und fuhr los um Freunde zu treffen. Da wühlte man sich stundenlang im Plattenlatten durch die Alben, um das EINE zu finden, wofür man sein ganzes Taschengeld ausgab.

Was Motte und seine Kumpels in der Schule erleben, kommt mir so sehr bekannt vor, dass ich nostalgisch werde: Der ätzende Sportlehrer, der seine Schüler – vor allem die unsportlichen – quält bis zum Abwinken; der Geschichtslehrer der „wieder nach Schlesien zurück will oder dass Schlesien zu ihm kommt, so genau weiß ich das auch nicht“; der antiautoritäre Sozi-Lehrer, den alle duzen sollen; die verständnisvolle Deutschlehrerin mit ihren Gnaden-Vieren.

Klar, Matthias Brandt arbeitet sich durch Mottes Augen an einem Haufen Klischees ab und treibt sie auch ein bisschen auf die Spitze. Das haben wir auch alles schon mal gelesen. Aber so treffend und berührend und so witzig und traurig zugleich habe ICH das schon lange nicht mehr gehört.

Denn so lustig die Schul- und Erste-Liebe-Geschichten von Motte auch sind – da ist ja noch sein bester Kumpel Bogi, der irgendwo im Hintergrund mit Krebs im Krankenhaus liegt. Und als er dann stirbt, wechselt die Erzählung von einer Pennälergeschichte in eine deutsche Version von „Der Fänger im Roggen“. Ein bisschen zumindest, von Gefühl her, und der Humor macht an die Nieren gehenden Gefühlen Platz; die scheinbare jugendliche Oberflächlichkeit einer Tiefe und Schwere, die man so nicht erwartet hätte.

Da ist der Roman ein bisschen uneben und gesplittet. Auch die Sprache ist nicht ganz wahrhaftig: Im Klang zwar retro-jugendlich, aber den „Vollhorst“ und ein paar andere Ausdrücke gab’s erst später, Herr Brandt! Vom laute Lacher hervorrufenden ersten Teil zum psychisch abgedunkelten zweiten holpert es und wird ein anderes Buch – auch wenn Brandt bzw. Motte das mit einem Realitätscheck erklärbar machen. Damit, dass Motte (und das Buch selbst) den sterbenden Bogi erst als Randfigur verdrängt haben und das mit seinem Tod nicht mehr möglich ist. Da holt es ihn ein, den inzwischen 16jährigen. Und als Hörer wird einem mulmig zumute.

Aber egal. Den Ton und das Lebensgefühl trifft Brandt, und bei mir voll ins Schwarze. Und er liest das – hervorragender Schauspieler, der er ist – auch noch ruhig, nachdenklich und so authentisch vor, als wäre es eine Autobiografie. Für mich so ein seltener Glücksfall, wo der Autor ebenso gut schreiben wie vorlesen kann, und Matthias Brandt holt einen ganz nah ran an Motte, an Bogi und an all die Dinge, die einem mit 15 im Herzen kollidieren, wenn man der Liebe, der Schule, der Freundschaft und dem Tod des besten Kumpels ins Auge blicken muss. Und das alles noch analog und vom Fahrrad aus.

Bewertung:

Hörbuch: 9 von 10
Sprecher: 10 von 10

2 Gedanken zu “„Blackbird“ von Matthias Brandt

  1. Silvia 10. November 2019 / 12:51

    Hallo Ute,
    Mir hat das Hörbuch auch sehr gut gefallen, obwohl Blackbirds für mich eindeutig ein Jugendbuch ist.
    Einfühlsam, witzig und mich sehr an meine Jugend erinnernd.
    Viele liebe Grüße
    Silvia

    • papercuts1 11. November 2019 / 11:52

      Hallo Silvia,
      hm, ich würde das eher als all-age-Roman bezeichnen und nicht als Jugendbuch. Ich vermute sogar, dass Erwachsene (wie wir), die sich in diesen Erinnerungen wiederfinden, mehr damit anfangen können als Jugendliche heute. Aber dazu müsste man mal einen Teenager fragen, der/die das gelesen hat!
      Ich war – so oder so – sehr begeistert und bin ganz traurig, dass ich die Lesung in Köln versäumt habe.

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