Vergangenheitssuche in Galicien: „Alles was ich dir geben will“ von Delores Redondo

Titel: Alles was ich dir geben will
Autorin: Dolores Redondo
Originaltitel: Todo esto te daré
Aus dem Spanischen von: Lisa Grüneisen
Format: Hörbuch, 2 mp3-CDs
Sprecher: Matthias Koeberlin
Verlag: der Hörverlag
erschienen. 25.03.2019
Länge: ca. 14:50 Minuten, leicht gekürzte Lesung

Inhaltsangabe:

Plötzlich steht die Polizei bei Manuel, einem Schriftsteller, vor der Tür, um ihm Furchtbares zu verkünden: Sein Eheman Álvaro ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Doch es tauchen Ungereimtheiten auf, und – noch im Schock über seinen alles geliebten Álvaro – erfährt Manuel, dass dieser ein Doppelleben geführt hat: Eins bei ihm in Madrid und eins als adliges Oberhaupt eines großen Anwesens in Galicien. Trauernd und verwirrt begibt sich Manuel auf die Suche nach der Wahrheit und deckt gemeinsam mit einem örtlichen Poizeiermittler familiäre Abgründe und traumatische Ereignisse auf.

Warum ich das höre: Koeberlin und Spanien!

Sofort ein Geständnis: Gehört habe ich dieses Hörbuch aus zwei Gründen:
1. Es wird gelesen von Matthias Koeberlin, der seit seiner unschlagbaren Performance in Donna Tartt’s „Der Distelfink“ zu meinen absoluten Lieblingssprechern gehört.
2. Das Hörbuch spielt in Spanien und wurde von einer spanischen Autorin geschrieben – und das ist noch ein relativ schlecht abgedeckter Fleck in meiner Leselandkarte, die ich immer gerne erweitere. Also los!

Slow burn Roman-Krimi mit vergangener Liebesgeschichte

Langsam und mit allmählich aufblühender Atmosphäre entfaltet sich eine figurenreiche Mischung aus Roman und Krimi, die Zeit braucht. Zeit, um zunächst Manuel und den toten, jedoch stets präsenten Álvaro kennen zu lernen. Um die Erschütterung Manuels über das Doppelleben seines Mannes zu verstehen, nimmt sich Redondo Zeit, uns ihre große Liebe verständlicher zu machen. Der Rückblick auf das Kennenlernen der zwei ist romantisch und vereinnahmend.

Die Falltür öffnet sich: Wer war Álvaro wirklich?

Dann reißt es Manuel und dem Hörer den Boden unter den Füßen weg: Wie konnte ihm Álvaro dieses ganz andere Leben, diese dysfunktionale, große, bedeutende Adelsfamilie verschweigen mitsamt ihrem ganzen Besitz und Reichtum? Man taucht ein in diese Welt der galizischen Weinberge, des herrschaftlichen Anwesens und seines Clans, der ein bisschen an eine spanische Version von „Dallas“ oder „Denver Clan“ erinnert (wer sich noch daran erinnern kann). Da geht es um schwarze Schafe, um eiskalte Matriarchen, um den guten Ruf, um das Erbe und – natürlich – um Liebschaften, erwünscht oder verpönt.

Homosexualität, Kirche und traditionelles Denken

Tradition und Kirche spielen eine wichtige Rolle, was im Lichte der Homosexualität von Álvaro und Manuel natürlich besonders pikant wird, auch wenn Redondo mit dem Thema „Homophobie“ erfrischend unprätentiös umgeht. Sie spielt eine wichtige Rolle, aber nicht die Hauptrolle. Redondo bekehrt sogar sanft die ein oder andere Figur, und sowohl Manuel als auch Álvaro bedienen keinerlei Klischees.

Mord zum Mitraten, Figurenroman zum Eintauchen

Obwohl überwiegend ein Roman, ist das auch ein Whodunit. Zusammen mit dem widerborstigen, zunächst äußerst unsympathischen, aber hartnäckigen Polizeiermittler Nogueira klärt Manuel den Fall in Form eines langsamen slow burn auf. Man rätselt mit, gerät auf falsche Spuren – und am Ende fügt sich alles logisch zusammen. Ich hab’s nicht erraten, aber mir war die Enthüllung des Mörders auch nicht so wichtig wie die Entwicklung der Figuren und der Effekt der offen gelegten Geheimnisse.

Und darum geht es eigentlich: Vor allem Manuel muss sich komplett neu sortieren. Zum Trauern kommt er kaum, und Redondo beschreibt seine anfängliche, fast gefühllose Überwältigung, seine kurze Wut sehr gut, bevor sie ihn auf den Weg schickt, sich zu verändern: Vom zurückgezogenen Großstadt-Schriftsteller wird er, ohne es zu wollen oder zu bemerken, zu einem würdigen Erben seines verstorbenen Ehemannes.

Reise in die Weinberge

Besonders gelungen sind die handfesten Momente, in denen er das Arbeiten und Leben auf einem Weingut aus Sicht der Arbeiter kennen lernt. Redondo’s geduldige und deskriptive Art setzt uns da mitten hinein zwischen die reifen Reben, auf den dunklen und duftenden Boden der Weinberge Galiciens.

Düstere Abgründe, erwärmende Herzlichkeit

„Alles was ich dir geben will“ hat sehr düstere Untertöne. Einige Charaktere sind hartherzig, bigott, gewalttätig. Nach geruhsamem Mäandern öffnet sich mitten im Hörbuch eine Falltür aus Abgründen, die man so nicht unbedingt erwartet hat.

Dennoch sorgt Redondo auch für Herz. Da ist zum einen Cafe, ein Hund, den Álvaro – auch gegen seinen eigentlichen Willen – adoptiert, und der für herzerwärmende Momente sorgt. Und dann ist da Nogueira. Zunächst schroff, homophob und ein echter Unsympath, stellt er sich als Mensch mit ganz eigenen Problemen und gut maskierter Liebenswürdigkeit heraus und erfährt, so wie Manuel, eine Veränderung seiner Persönlichkeit zum Positiven und Stärkeren hin.

Figurenzeichnungen und -reisen mit Zwischentönen

Und selbst bei den Figuren, die einiges auf dem Kerbholz haben, schafft Redondo es, eine Ambivalenz ins Spiel zu bringen, jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei. Was zunächst wie typische Klischeetypen wirken, entpuppt sich als sehr viel komplexer als gedacht, so dass man als Hörer zwischen Empörung, Mitleid und insgeheimem Verständnis schwankt.

Die Wärme von Matthias Koeberlin

Und der Sprecher? Macht es richtig. An so einen allmählichen „Zwiebelroman“ kann man nicht aufgeregt rangehen. Und Koeberlin beherzigt das. Er liest ruhig, mit subtiler Differenzierung zwischen den vielen, vielen Figuren und lässt sich das Drama nicht aus überzeichnetem Vortragen, sondern ganz aus der Geschichte heraus entfalten. Seine Stimme hört sich für mich schon seit langem an wie von der Sonne gewärmtes Holz. Jetzt kommt noch ein Eindruck hinzu: die dunkle, reichhaltige, warme Erde spanischer Weinberge. Manchmal hätte er mir bei Manuel ein bisschen mehr Gefühle vermitteln können, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Alles in allem: sehr gut gemacht!

Fazit:

Ein charakterstarker Figurenroman, der sich um einen langsamen Whodunit Krimiplot spannt und der uns atmosphärisch stark in die Weinberge Galiciens entführt. Wer es mag, einem sich sehr allmählich entfaltenden Familiengebilde voller Komplikationen und wachsender Dramatik auf den Grund zu gehen, den wird das in einen geduldigen Sog ziehen. Angemessen ruhig und zurückhaltend, aber mit ebenso wachsender Charakterstärke, liest Matthias Koeberlin das in genau passendem Ton vor.

Bewertung:

Hörbuch: 8 von 10 Punkten
Sprecher: 9 von 10 Punkten


Ein Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag im Gegenzug für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt – danke!

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