Mord als selbsterfüllende Prophezeiung

Hörbuch "Der Schatten" von Melanie Raabe
Der Schatten von Melanie Raabe

Titel: Der Schatten
Autorin: Melanie Raabe
Format: mp3 Hörbuch-CD
Sprecher: Katja Bürkle, Melanie Raabe
Verlag: Der Hörverlag
erschienen: 23.7.2018
Länge: ca. 9 Std., gekürzt

 

 

Die junge Journalistin Norah wird von einer Bettlerin in Wien mit einer Prophezeiung konfrontiert: „Am 11. Februar wirst du am Prater einen Mann namens Arthur Grimm töten. Mit gutem Grund. Aus freien Stücken.“ Norah kennt keinen Arthur Grimm und hat erst recht keinen Grund, irgend jemanden umzubringen. Was soll der Unfug? Norah tut die Sache als Unsinn ab, aber dann trifft sie auf einen Mann, der Arthur Grimm heißt, und immer mehr Puzzlestücke setzen sich zusammen, die aus der Prophezeiung Realität machen könnten…

Der 3. Psycho-Trip von Melanie Raabe

Melanie Raabe, zum Dritten. Nach „Die Falle“ und „Die Wahrheit“ tischt uns die in Köln lebende Schriftstellerin den nächsten psychologischen Krimi auf. Wieder ist es eine weibliche Hauptfigur, die sich mit einer rätselhaften, beunruhigenden Situation konfrontiert wird. Wieder wird die Protagonistin mit dem Rücken an die Wand getrieben. Wieder verstrickt Raabe ihre Figur in ein fieses Psycho-Spielchen.

Mörderische Manipulation

Die große Frage, die Raabe stellt, lautet: Kann man jemanden so manipulieren, dass er zum Mörder wird? Und zwar jemand völlig Normalen, der eigentlich weder der Typ dazu ist noch ein Motiv hat? Kann man, so wie es im Verlauf der Geschichte aussieht. Denn Norah – eine ganz gewöhnliche Frau mit Job, Freundeskreis, einem guten Leben in Wien – gerät in einen Sog aus Begegnungen, Erkenntnissen und immer besseren Gründen, warum Arthur Grimm tatsächlich den Tod verdient haben könnte. Und warum sie ihn töten sollte. Warum das Absurde zur logischen Konsequenz wird.

Es ist schwierig, mehr über die Handlung zu erzählen, ohne zu viel zu verraten. Spannend ist es jedenfalls, und es gibt gleich mehrere Überraschungen, die der Geschichte ein ganz anderes Licht, eine neue Erklärung verpassen. Dazu wird in die Vergangenheit zurück gegriffen, die Erzählperspektive und sogar die Sprecherin des Hörbuch gewechselt.

Starkes Rennen…

Bis zum ersten dicken Plottwist ist dieser Psycho-Krimi richtig gut. Norah ist nicht unbedingt die allersympathischste Protagonistin und wirkt ein bisschen spröde, aber sie kann die Handlung trotzdem tragen. Das stetige Näherkommen des prophezeiten „Morddatums“ und die sich verdichtende Wahrscheinlichkeit verursachen einen Sog, so dass man das Hörbuch ungern aus den Ohren nimmt. Raabe muss dafür nicht auf Action oder Gewalt zurückgreifen. Sie legt stattdessen perfide Brotkrumen aus, lässt uns immer zweifelnder auf Norah starren.

Als er dann da ist, der 11. Februar, gibt es einen frühen Showdown und eine Wendung, die gekonnt ist und vielleicht nur ein bisschen unglaubwürdig. Ich habe sie jedenfalls so nicht vorausgesehen, und das ist ein dickes Kompliment.

…mit schwächelndem Finish

Das Problem: Danach geht die Geschichte weiter, und zwar zu lang. Erst folgt eine minutiöse Rekapitulation, die mir zu ausführlich geraten ist. Dann kommt eine aus dem Hut gezogene Erklärung, die eine sehr ernste Sache als plot device benutzt. Raabe gibt sich zwar große Mühe, das nicht so darzustellen, und verlängert damit den Krimi noch zusätzlich, aber ein störender Beigeschmack bleibt.

Gut gemeinter, aber störender Sprecherwechsel

Für einen Bruch im Hörbuch sorgt übrigens der Sprecherwechsel. Katja Bürkle bestreitet sehr gut und passend zu Norahs Charakter und Alter mehr als drei Viertel von „Der Schatten“, im Wechsel mit einem nicht genannten männlichen Sprecher (dessen Namen ich immer noch nicht raushabe, verflixt). Die sind nicht das Problem.

Zum Schluss hin hat man plötzlich Melanie Raabes eigene Stimme im Ohr, als die Geschichte zur Ich-Perspektive umschwenkt. Das ist ein krasser Unterschied zu Bürkle, und man braucht schon ein paar Minuten, um sich umzugewöhnen. Raabe hat an sich eine lebendige, helle und sympathische Stimmfarbe. Sie gibt sich auch viel Mühe, das hört man, aber sie ist eben keine professionelle Sprecherin, und das bringt einen ein bisschen aus der Fiktion raus. Raabes Passage ist nicht schlecht, nur hätte eine ausgebildete Hörbuchstimme das besser gemacht und den schwächeren Schlussteil womöglich anheben können.

Fazit:

Bis zum vorgezogenen Showdown ist „Der Schatten“ ein guter psychologischer Krimi mit Pageturner-Qualitäten. Danach fallen Auflösung und Erklärung etwas flach aus, und Raabe bedient sich konstruierter Kunstgriffe, die nicht so überzeugen wie der erste Teil des Hörbuchs. Ein Sprecherwechsel hin zur zwar sympathischen, aber technisch nicht versierten Autorin als Sprecherin trägt zum schwächelnden Ende bei. Alles in allem ein hörenswertes Psycho-Spiel, an dessen Ausklang man aber keine überhöhten Erwartungen stellen sollte.

Dieses Hörbuch wurde mir im Gegenzug für eine ehrliche Rezension von Der Hörverlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

 

 

 

 

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