Stumm geschaltet: „Vox“ von Christina Dalcher

Vox von Christina DalcherTitel: Vox
Autorin: Christina Dalcher
aus dem Amerikanischen von Marion Balkenhol und Susanne Aeckerle
Format: eBook
Verlag: S. Fischer Verlage
erschienen: 1.8.2018
Länge der Printausgabe: 400 Seiten

Inhaltsangabe:

In den USA ist eine neue, religiös fundamentalistische Regierung an der Macht, die Frauen komplett unterdrückt. Sie dürfen nicht mehr arbeiten, haben ihren Männern als brave Hausfrauen zu dienen, und vor allem: Sie dürfen nicht mehr als 100 Wörter am Tag sprechen. Die Neurolinguistin Dr. Jean McClellan bekommt eine Chance zur Rebellion, als sie ein Regierungsmitglied nach einem Unfall behandeln soll.

Zum Buch:

Natürlich hat Christina Dalcher den perfekten Zeitpunkt gewählt, um ein solches Buch zu schreiben: In Amerika (und auch in vielen anderen Ländern) sind konservative, patriarchalische Politiker an der Macht. In den USA verbreiten sich altmodische „christliche“ Werte über die Grenzen des bible belt hinaus, bei denen die Frauen nicht gut wegkommen. Gesetze, die über Umwege heimlich weibliche Rechte beschneiden, werden von der US-Regierung erlassen. Gleichzeitig wird die freie Presse systematisch diskreditiert.

Im Bugwasser von „Der Report der Magd“

Schon Margaret Atwood’s dystopischer Roman „Der Report der Magd“ von 1998 erlebte in dieser Atmosphäre im letzten Jahr eine erstaunliche Renaissance und ist seit der Serien-Verfilmung immer noch in aller Munde. Dass diese fiktive Darstellung der Unterdrückung und Versklavung von Frauen nicht alleine bleiben würde in der Literatur, war klar. Das Thema ist zu relevant und zu angesagt. In die gleiche Kerbe schlägt jetzt Christina Dalcher’s Dystopie „Vox“, mit einem etwas anderen Spin, und muss sich den Vergleich mit Atwood gefallen lassen.

Wie Atwood auch, konzentriert sich Dalcher auf eine Frauenfigur in ihrem Mikrokosmos. In Sachen Rechteverlust stehen die Dinge ähnlich. Frauen sind den Männern völlig untergeordnet und erfahren bei Auflehnung gegen das System körperliche Gewalt oder Deportation. Kinder werden mit den neuen Lehren indoktriniert. Amerika scheint das als Insel einfach durchzuziehen, unbehelligt und losgelöst vom Rest der Welt.

Stimmverlust, wortwörtlich

Wichtigster Unterschied zu Atwood: das Instrument der Sprache. In Dalcher’s Dystopie wird sie den Frauen ihre Stimme genommen. Und zwar wortwörtlich. Ein Armband verpasst ihnen bei Überschreitung der täglichen 100-Wörter-Grenze Elektroschocks in ansteigender Stärke. Und mehr als das: Sie bekommen auch nichts mehr zu lesen; keine Bücher, keine Zeitungen, keinen Computer, noch nicht einmal Kochrezepte. Auch das Schreiben ist ihnen weitestgehend untersagt. Sogar Zeichensprache wird verboten.

Die Konsequenzen des Verstummens

Dalcher, die selbst Linguistin ist, macht uns klar, welche weitreichenden Folgen dieses „Stummschalten“ hat. Sprache bedeutet Kommunikation, und Kommunikation ist wichtig für so vieles, gerade bei Frauen: für Informationsaustausch, für Networking, für soziale Bindung und für die geistige Entwicklung. Frauen, die nicht sprechen und keine Nachrichten schreiben dürfen, ziehen sich in die Einsamkeit zurück – so verhindert das Regime automatisch den organisierten Widerstand. Zwischen Müttern und Töchtern verkümmert die emotionale Bindung, wenn am Ende des Tage noch nicht mal mehr ein Schlaflied übrig bleibt. So werden die Väter zum hauptsächlich beeinflussenden Faktor und Machtinhaber der Familie. Mädchen, die keinen Sprachschatz entwickeln können, verstummen komplett – oder lernen das Sprechen erst gar nicht. Und bleiben als Folge in ihrer gesamten Entwicklung zurück. Für das Regime bilden sie erst gar keine Gefahr.

Die Macht der Sprache

Sprache als mächtige Waffe und Sprachlosigkeit als absolute Entmachtung – mit ihrem fachlichen Hintergrund zeigt Dalcher eindrucksvoll auf, was das bedeutet. Legt man „Vox“ beim Lesen zur Seite, erwischt man sich beim Zählen. Wie viele Wörter hatte der Satz, den man eben gesagt hat? Ein paar Sätze mit den Kindern, mit dem Partner – in der Welt von „Vox“ wäre das Kontingent schon längst aufgebraucht, würde man sich zuckend vom Stromschlag auf dem Boden winden. 100 Wörter. Das ist kürzer als ein klassischer Tweet. Das ist NICHTS.

Empörung – und die bange Frage nach der Realität

Empörung ist das Gefühl, das sich als erstes beim Lesen breit macht, und es bleibt. Unfassbar, was da abgeht. Unglaublich, dass es so weit kommen konnte. Das kann in der Realität doch niemals passieren! Das würden wir nicht zulassen! Oder doch? Das ist die Frage, die man sich zwangsläufig stellt. Und auch wenn sich alles in mir sträubt; wenn ich denke, dass sich, bevor es so weit käme, tausende, hunderttausende von Frauen auf Protestmärsche begeben und andere Staaten aufschreien und eingreifen würden – hatten wir sowas nicht alles schon einmal? Gibt es sowas nicht schon? In einigen Ländern dieser Erde dürfen Frauen nur verhüllt auf die Straße, dürfen nicht wählen, nicht Auto fahren, werden gesteinigt. In meinem eigenen Land wurde ein Genozid an einer ganzen Bevölkerungsgruppe verübt, der immer noch unfassbar ist. Frauen. Homosexuelle. Andersgläubige. Sie werden jetzt und hier in unserer realen Welt unterdrückt, verfolgt, getötet. Warum sollte das nicht auch in einer modernen, aufgeklärten Nation passieren?

Religion als Mittel zum Zweck

Was dieses Schreckenszenario bedrückend realistisch macht ist das zweite Element, was Dalcher’s Roman von Atwood’s unterscheidet: Religion. Auch bei Atwood gibt es eine religiös anmutende Lehre mit seltsamen Ritualen und einer Leitschrift. Bei Dalcher aber ist es keine fiktive Glaubenslehre, sondern eine der größten existenten Weltreligionen: Das Christentum.

In „Vox“ hat sich eine erzkonservative Form des Christentums über die USA verbreitet, die ein längst überholtes Familien- und Frauenbild postuliert. Frauen gehören nicht in den Beruf, sondern an den Herd. Sie haben Kinder zu gebären und ihrem Mann treu zu dienen. In der Schule lernen Mädchen nur noch Basiswissen für die Haushaltsführung, während den Jungen eine patriarchalische Weltanschauung eingetrichtert wird. Vorehelicher Sex ist illegal, außereheliche Affären stehen unter schwerster Bestrafung. Die Schuld für beide Vergehen wird in der Regel den Frauen angedichtet. Für alles findet sich der passende Spruch in der Bibel (Das einzige Buch, das Frauen noch lesen dürfen), und zweitmächtigster Mann in der Regierung ist ein populistischer TV-Prediger, der dem Präsidenten ins Ohr flüstert.

Verteufelung des Christentums?

Dieser christliche Fundamentalismus ist nicht weit hergeholt. Wer schon mal im Süden der USA war, im sog. „Bibelgürtel“ der Vereinigten Staaten, weiß das. Ich selbst habe dort zu Studienzeiten schon hoch gebildete Kommilitonen in meinem internationalen Politikkurs die Bibel zitieren hören, um die Abartigkeit von Homosexualität zu untermauen – ich war fassungslos. Diese Denke regiert bis heute, wird von konservativen Politikern bis in höchste Regierungsränge hinauf getragen, und wer hört, wie auch der Präsident immer wieder von „God bless America“ redet, weiß, dass die gesetzliche Trennung von Staat und Kirche in den USA nur auf dem Papier Realität ist.

In den USA hat „Vox“ damit bereits viel Kritik und Zorn auf sich gezogen, weil es Christen als die „Bösen“ verteufele und das Image des Christentums beschädige. Das ist schade, denn dabei wird aus den Augen verloren, worum es in „Vox“ wirklich geht: Es geht um den Missbrauch einer Religion zur Durchsetzung einer politischen Agenda. Dass es hier das fundamentale Christentum ist, beruht wohl eher auf den gegenwärtigen religiösen Mehrheitsverhältnisse in den USA. Denselben Zweck würden andere Weltreligionen genauso erfüllen. Eine Glaubensform wird in ihrem Extrem als Fundament genommen, um die  (männlichen) Machtinhaber und ihre Handlungen zu legitimieren. Das ist leider nicht neu, und anstatt sich aufzuregen, sollten Kritiker von „Vox“ lieber das grundsätzliche Problem des Extremismus dahinter betrachten.

Mächtiges Thema – schwächelndes Buch

Bei allem Lob für den Roman als zeitgemäßes Diskussionsmaterial muss man aber auch sagen, dass das Buch Schwächen hat, und die liegen vor allem im technischen Bereich: Struktur, Charakterisierung, Logik.

Was spannend anfängt, mit kurzen Kapiteln, puzzleartigen Erklärungen und Flashbacks, wird ab der Hälfte unglaubwürdig und überkonstruiert. Ausgerechnet ein hohes Tier verunfallt, erleidet ausgerechnet die Hirnverletzung, an deren Heilung ausgerechnet die Protagonistin arbeitet. Ausgerechnet ihr Liebhaber arbeitet auch daran, und ausgerechnet er bietet als Ausländer die Möglichkeit zur eventuellen Flucht. So könnte ich ewig fortfahren. Zu viele „Zufälle“, und außer der Handvoll agierenden Personen scheint es in den USA gefühlt keine anderen Menschen zu geben.

Apropos Liebhaber: Der wirkt zunehmend wie ein plot device, denn es mangelt an echten Emotionen. Ein grundsätzliches Problem der Figuren in „Vox“. Dalcher vermittelt zwar sehr gut die Empörung von Jean und ihre Wut, darüber hinaus bleibt sie als Ehefrau und Geliebte aber seltsam blass und nüchtern. Die Figuren an sich wirken recht statisch. Ihre Entwicklungen finden – wenn überhaupt – urplötzlich und ohne nachvollziehbaren Übergang statt (Ich denke da besonders an Jean’s Sohn und auch an ihren Mann).

Insgesamt hat man beim Lesen das Gefühl, dass der Roman am Schluss zu schnell zusammengerafft wird. Als hätte Dalcher unter Zeitdruck gestanden, wirkt das Ende überstürzt, hat Löcher, fühlt sich lieblos an. Die Logik bleibt auch zunehmend auf der Strecke. So wird mir wohl nie klar werden, warum Jean’s Privathaus von Kameras überwacht wird, sie und ihre Mitverschwörer im Labor aber offenbar völlig unbeobachtet ihre Rebellion ausführen können. Alles wird abgehört, aber nirgendwo sind Überwachungskameras versteckt? Nur ein Beispiel, das mich wirklich nervt.

Fazit:

Christina Dalcher hat zur richtigen Zeit einen Roman zu einem brandaktuellen Thema geschrieben, der mehr ist als eine andere Version von „Der Report der Magd“. Als Linguistin stellt sie überzeugend und beängstigend die Macht von Sprache (und die Ohnmacht der Sprachlosen) dar. Mit ihrer Darstellung fundamental-christlichen Machtmissbrauchs fasst sie ein heißes Eisen an.

Von den Ideen her ein wichtiges und gutes Buch, kränkelt „Vox“ allerdings an formalen Schwächen wie Chrakterentwicklung, Logik und anderen Technikalitäten. Inhalt und Form klaffen auseinander. Aufgrund der vielen Denkanstöße gibt es von mir dennoch eine klare Leseempfehlung.

Ein Rezensionsexemplar dieses Buches wurde mir von den S. Fischer Verlagen via netgalley.de im Gegenzug für eine ehrliche Rezension zur Vefügung gestellt. Vielen Dank!

 

 

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