Ausgeufert: „Fische“ von Melissa Broder

Titel: Fische
Originaltitel: The Pisces
Autorin: Melissa Broder
aus dem Amerikanischen von: Eva Bonné
Format: eBook
Verlag: Ullstein
erschienen: 11.05.2018
Länge der Hardcover-Ausgabe: 352 Seiten

Inhalt:

Nach dem Ende einer Beziehung und einer Überdosis Schlaftabletten verschlägt es die psychisch instabile Dauerdoktorandin und Enddreißigerin Lucy nach Venice Beach in Kalifornien. Dort soll sie Haus und Hund ihrer verreisten Schwester hüten und in einer Therapiegruppe für Frauen mit Männer- und Sexproblemen an sich arbeiten. Kopflos schwankt sie zwischen der seelischen Abhängigkeit von ihrem Ex-Freund und grobschlächtigen One-Night-Stands, bis sie am Strand einem geheimnisvollen Schwimmer begegnet. Der entpuppt sich als Meermann, und Lucy wird von ihm in den Bann gezogen.

Zum Buch:

Melissa Broder traut sich was. Knallt uns einen derben magical realism Roman um die Ohren wie ein mit Sperma und Kotze verklebtes Kopfkissen. Fäkalsprache und Ekel-Erotik sorgen für Verstörung und leichte Übelkeit. Und die Hauptfigur – Lucy – möchte man entweder ohrfeigen, vor die Tür setzen oder dem Tierschutzverein melden. Das ganze Buch ist wie ein Verkehrsunfall: Man möchte sich eigentlich abwenden, aber es geht nicht. Man muss einfach hingucken, auch wenn sich die Bilder ins Gedächtnis brennen.

Ich war einigermaßen darauf vorbereitet. Ich hatte von Melissa Broder’s Twitter-Account gehört und mich da mal umgeschaut. Dass es derb zugehen würde und explizit, war mir klar. Trotzdem: die Tonalität des Romans ist heftig. Wo nur von „Schwanz“ oder „Loch“ geredet wird, hat Sex nichts mit Ästhetik zu tun, sondern mit Toilettenkabinen und Geschlechtskrankheiten. Whoa.

Das ist die eine Seite von „Fische“, und zweifellos die dominante. Aber da ist noch mehr.

Da ist Mut. Rotzfrech, erbarmungslos und ohne mit irgendetwas hinterm Berg zu halten, stellt Broder Lucy’s ganzes weibliches Elend dar: zerplatzte Träume, eine teenagergleiche Achterbah-Gefühlswelt, Depression, Abhängigkeit und bodenlose Flucht in dreckigen Sex. Mit scharfem Fokus bekommen wir karikaturhaft in der Therapiegruppe ein Sammelsurium von Frauen in unterschiedlichen Stadien von Verzweifelung, Sucht und und Selbstzerstörung serviert. Alle sind sie auf der Flucht – vor dem Alter, vor ihren Minderwertigkeitsgefühlen, vor der Langeweile, vor den Trümmern ihrer seelischen Balance. Dass die Männer daran Schuld seien, ist auch nur Selbstbetrug. In ihren Beschreibungen beweist Broder eine ätzende Portion Humor und eine Durchwanderung von Klischees, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Denn schön ist das alles nicht. Es ist grell, giftig, schmutzig, demaskierend.

Unter diesem lauten Auftritt ist noch etwas: Verletzlichkeit. Sehnsucht. Da kann Lucy vor Tinder-Typen die Beine breit machen, wie sie will: innen drin ist sie sehr allein und sucht – nach was eigentlich? Liebe? Ja. Aber vor allem wohl nach irgendetwas, das die unerträgliche Leere in Lucy’s Dasein füllen könnte. Zartheit findet man zwischen den derben Zeilen nicht. Aber große Not. Und als er auftaucht, der Meermann, kommt es zu den wenigen behutsamen Momenten, die man sich als Leser (und Lucy wohl auch) wünscht. Geradezu elektrisch ist die erste echte Berührung mit Theo nach vielen Gesprächen – ein kurzer Griff an Lucy’s Knöchel, so viel intimer als jeder vorausgegangene Toilettenquickie.

Da denkt man aufatmend, dass es das jetzt ist. Dass Broder auch ganz anders, auch sachte schreiben kann und Theo diese Seite im Roman ans Licht bringt. Aber nein. Das passiert nicht. Auch in die Beschreibungen Theo’s mischen sich Fischgestank, klebriger Schleim und Bezeichnungen für Geschlechtsorgane, die alles andere als melodisch sind. Das hier ist eben doch kein schönes Märchen, sondern ziemlich düsterer magischer Realismus. Wenn der Schluss dann auch eine gewisse Hoffnung birgt, so hat das mit einem happy end doch nichts am Hut. Aber das hat zu diesem Zeitpunkt auch keiner mehr erwartet.

Fazit:

Ein provokanter, den Würgereflex kitzelnder Roman, der abstößt und zugleich verboten fasziniert. Man kann kaum glauben, was man da liest und will umso mehr wissen, wo das alles hinführt. Melissa Broder geht thematisch und tonal über die Schmerzgrenze. Hinter der dreckigen Fassade kann man Schichten aus Parodie, aus schonungsloser Wahrheit und tiefer Sehnsucht erahnen. Schade, dass Broder diese mit ihrem herausfordernden Auftritt immer wieder zu grell überpinselt und sich selbst nicht davon abhalten kann, dem Leser ihren Roman ins Gesicht zu drücken wie ein schmutziges Höschen. Wer sich weit rauswagt, muss eben aufpassen, dass er das Ufer nicht aus den Augen verliert.

Danke an netgalley.de und den Ullstein Verlag für das Rezensionsexemplar!

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