Rezension: „Ein Spiegel für mein Gegenüber“ von Nadire Biskin

Titel: Ein Spiegel für mein Gegenüber
Autorin: Nadire Biskin
Format: Hardcover
Verlag: dtv Verlag
erschienen: 16.02.2022
Länge: 176 Seiten

Die junge Referendarin Huzur aus Berlin ist nach einem Vorfall mit einer Kollegin suspendiert. Sie besucht ihre Cousine in der Türkei, und nimmt den Zwangsurlaub als Anlass zum Nachdenken. Wieder zurück in Berlin, stößt sie auf ein verwahrlostes syrisches Flüchtlingsmädchen – und nimmt es spontan bei sich auf. Huzur ist mit der Frage nach Verantwortung konfrontiert, für die junge Hiba und für ihr eigenes Leben.

Nadire Biskin könnte es den Leser*innen einfach machen. Die Themen, die sie in ihrem kurzen Roman anreißt, sind aktuell und interessant: Heimat, „Migrationshintergrund“, Diskriminierung, Identität. Dazu noch das Flüchtlingsthema und das der Verantwortung für sich selbst und für jemand anderen. Eine Deutsche, deren Eltern aus der Türkei stammen, und die sich im Zwischenraum zwischen zwei Kulturen nirgendwo so ganz zugehörig fühlt. Und die noch driftet auf der Suche nach einem Weg für sich selbst, für den sie sich entscheiden und Verantwortung übernehmen muss. Auch Verantwortung für einen kleinen Menschen, der plötzlich in ihr Leben tritt und Entscheidungen nötig macht. Alles sehr spannend.

Wie gesagt: Nadire Biskin könnte es uns einfach machen. Mit einer Figur, die nicht nur interessant sondern auch rundum sympathisch ist, so dass wir uns sofort auf Huzurs Seite schlagen und sie ins Herz schließen. Und mit einer Handlung, wo das Ziel klar und deutlich vor Augen liegt.

Aber Biskin macht es uns nicht einfach. Sie macht es uns unbequem. Natürlich sind wir bestürzt über den alltäglichen Rassismus, der Huzur in Deutschland begegnet, und der uns aus fast jeder Buchseite entgegenschlägt. Natürlich möchten wir, dass die kleine Hiba bei ihr bleiben kann, und dass der Vorfall in Huzurs Schule sich zum Guten wendet.

„Ich bin die, die nicht von hier und nicht von dort ist. Ich spreize meine Beine zu einem Spagat zwischen zwei Stühlen und versuche, die Stühle auf diese Weise näher zu rücken, bis ich gerade auf ihnen stehen kann.“

„Ein Spiegel für mein Gegenüber“, S.82

Dennoch runzeln wir die Stirn über Huzurs unreifes und unentschlossenes Verhalten. Da „denkt“ jemand aus dem Bauch heraus und weiß überhaupt nicht, wo sie hin will. Wir sitzen mit Huzur zwischen allen Stühlen und wünschen uns, dass sie sich jetzt mal endlich klar wird, wohin sie gehört. Dass sie am Bahnhof ein syrisches Kind aufliest und ohne Nachzudenken die Mutterrolle übernimmt, ist gleichzeitig heldenhaft und naiv. So, wie Huzur zwischen Deutschland und der Türkei, zwischen Lehrberuf und Beziehung mit ihrem privilegierten schweizerischen Freund in einem identitären Niemandsland feststeckt, so treten wir als Leser*innen unzufrieden neben dieser Figur auf der Stelle.

Wir verstehen sie, und gleichzeitig verstehen wir sie nicht.

Es ist natürlich ein Selbstfindungsprozess, den wir verfolgen, und der von der kleinen Hiba unwissentlich beschleunigt wird. Wäre Huzur noch ein Teenager, könnte man sogar von coming-of-age reden. Und der führt ganz am Ende auch zu Entscheidungen und dazu, dass Huzur ihr Leben in die Hand nimmt – auf überraschende Art und Weise sogar. Bis dahin ist es aber ein nicht einfach zu erlebender Prozess.

Das ist ist, wie gesagt, unbequem, aber es passt. Denn alles, womit sich Biskins Protagonistin auseinandersetzen muss, ist unbequem und unklar und nicht einfach schwarz oder weiß. Das, was sie empfindet, und was Biskin in ebenso klaren wie bildhaften Sätzen an uns heranträgt, ist genau dieselbe vergebliche Suche nach eindeutiger Zuordnung, bei dir wir uns selbst erwischen. Wir möchten Kategorien und Klarheit beim Lesen, eine Entscheidung für das eine oder für das andere – und die möchte auch Huzur.

Aber diese Figur selbst sprengt schon in ihrer Person die Kategorien. Sie ist Deutsche, wird in Deutschland aber als Türkin angesehen. In der Türkei ist es genau umgekehrt. Die Schubladen passen nicht. Am Ende wird sich Huzur ihre eigene Idee von Zugehörigkeit und Identität bilden müssen, oder sich zumindest entscheiden, in ihre eigene Richtung zu gehen.

„Ein Spiegel für mein Gegenüber“ – auch der Titel ist mehrdeutig. Hiba ist in ihrer Verlorenheit und Desorientierung ein Spiegel für Huzur. Die Figuren sind Spiegel für die Leser*innen in Sachen Rassismus und Diskriminierung. Huzurs Eltern sind ein Spiegel für Huzurs plötzliche Mutterschaft. Das Mistrauen und die Fremdenfeindlichkeit der syrischen Flüchtlingsfamilie im Dorf von Huzurs Familie in der Türkei spiegelt die gleiche Diskriminierung wie sie Huzur und ihre Eltern in Deutschland erleben. Auch hier Ambivalenz und Ambiguität. In diesem Buch muss man arbeiten, anstatt alles serviert zu bekommen.

Nebenbei gefällt und informiert der Roman mit Beschreibungen der türkischen Kultur, von Gepflogenheiten in Huzurs Familie über Feiertage und Essen und mischt die Erfahrungen der verschiedenen Generationen an den verschiedenen Heimatsorten. Da besonders beweist Biskin ihr Talent für sensorische und dennoch leicht zu lesende Beschreibungen.

Fazit:

Unterm Strich ist „Ein Spiegel für mein Gegenüber“ ein interessanter und sprachlich überzeugender Roman über Heimat und Selbstfindung und lässt uns Teil haben am Innenleben einer jungen Frau mit Migrationshintergrund. Als Figur nicht immer einfach und auch nicht immer sympathisch, nimmt uns die Protagonistin mit in ein unbequemes, undefiniertes Zwischen-allen-Stühlen-Stehen, bei dem sie am Ende lernen muss, dass sie sich nur selbst definieren kann. Wer Figuren mag, an denen man sich auch reiben kann, sowie unbequeme Themen mit Spiegeleffekt, ist hier richtig.

Bewertung:

Bewertung: 4 von 5.

Danke an den dtv-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Im Nachgang der Lektüre habe ich ein Interview/Lesung mit Nadire Biskin beim WDR entdeckt, dass ich euch für einen Hintergrund über die Autorin und ein besseres Verständnis des Romans sehr empfehlen möchte: Nadire Biskin liest aus „Ein Spiegel für mein Gegenüber“

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