Krasser Ritt mit Herzgekasper: „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ von Sebastian Stuertz

Hörbuch "Das eiserne Herz des Charlie Berg"

Titel: Das eiserne Herz des Charlie Berg
Autor: Sebastian Stuertz
Format: Hörbuch (mp3-CDs)
Sprecher: Shenja Lacher
Verlag: der Hörverlag
erschienen: 16. März 2020
Länge: ca. 19:18 Std., leicht gekürzte Lesung

Das Hörbuch erhaltet ihr direkt beim Hörverlag, als ungekürzten Download bei audible.de oder direkt im Hörbuchladen eures Vertrauens.

Zum Hörbuch:

Ich geb’s zu: Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einließ. Ich wusste nicht, wer Sebastian Stuertz ist (sorry), welchem Genre „Das eiserne Herz“ zugehört (weiß ich allerdings immer noch nicht), und mehr als der ziemlich irre Klappentext (90er? Kiffen? Jagdunfall? Gulasch?) über den Inhalt verriet kannte ich auch nicht. Ich wusste nur eins: Dieses Hörbuch liest Shenja Lacher, und der hatte letztes Jahr mit „Willkommen in Lake Success“ meine Ohren erobert.

Also: eine Wundertüte.

Und was für eine! Sebastian Stuertz, der (wie ich inzwischen weiß) Medienkünstler, Musikproduzent, Podcaster – und jetzt eben auch Romanautor ist, knallt uns ein Debüt vor den Latz, das schwindelig macht. Es beginnt wie ein etwas seltsamer Krimi: Eben hat Charlie noch was vom torkelnden alten Dackel seines Großvaters und von seiner eigenen, hochsensiblen „Hundenase“ fabuliert, und dann gibt es durch eine verirrte Kugel beim Jagen plötzlich drei Tote: einen Hirsch, aber leider auch Charlie’s Opa und einen Wildfremden. Charlie steckt im Schlamassel.

Dann vollzieht der Krimi eine Wendung zu einem abgefahrenen Roman über eine Künstlerfamilie: Charlie’s Mutter ist eine Schauspielerin, die ihre Familie – samt autistischer Tochter Fritzi – sitzengelassen hat und nur ab und zu heulend anruft, um ihrem schlechten Gewissen Luft zu machen. Charlie’s Vater ist ein bekiffter Rocker, der hauptsächlich im Keller lebt. Fritzi kann nur mit Sätzen kommunizieren, die sie aus Büchern aufgeschnappt hat. Von den italienischen Großeltern, Charlie’s sexbesessenem besten Kumpel und der mobbenden Truppe rund um einen Metzgerssohn wollen wir gar nicht erst anfangen. Und Charlie, der eigentlich ein berühmter Autor werden will, muss das Ganze irgendwie zusammen halten. Dann taucht auch noch die ehemalige südamerikanische Austauschschülerin Mayra wieder auf, die es für Charlie’s schwaches Herz nicht unbedingt einfacher macht, im Takt zu bleiben.

Over the top und mitten ins Schwarze

Stuertz lässt uns teilhaben an dieser bunten, stressigen Welt von Charlie, in der alles irgendwie aberwitzig erscheint. Eine Geschichte über das Erwachsenwerden, in der die Erwachsenen sich größtenteils aufführen wie durchgeknallte Teenager und man nicht weiß, ob man mit Charlie großes Mitleid haben oder ihn um diese Welt beneiden soll. Stuertz fabuliert uns durchs wilde Jetzt, mit Herzklopfen, jung-erwachsener Überforderung und einem parodistisch geschriebenen Literaturwettbewerb – um sich zwischendurch wieder mit uns in die Vergangenheit zu stürzen, in Charlie’s Kindheit, zu Mayra und den diversen Herzstillständen, die er wegen und mit ihr bereits überlebt hat.

Stuertz lässt den eigentlichen roten Faden des „Krimis“ dabei zur Nebensache verkommen. Dann wird aus dem Hörbuch eine coming-of-age Geschichte, zu der auch die Liebe gehört. Aber drum herum passiert so viel an Anekdoten und vor allem Figuren, und Stuertz widmet sich all dem mit der gleichen Fabulierlust wie Charlie, dass es einem schon mal dusselig wird. So ganz ernst lässt sich das oft nicht nehmen. Stuertz überhöht und übertreibt, aber mit so viel krassem Witz, dass man ihm den Drahtseiltanz mit dem Irrealen nicht vorwerfen mag.

Von feingeistig bis fürchterlich derb

Sprachlich gerät das zuweilen sehr derb. Wenn Charlie’s Kumpel sich mal wieder einen scheuert oder einer der Schul-Bullys von Charlie in ein Schnitzel ejakuliert, ist das manchmal etwas viel des Guten und macht den ansonsten so freudig fabelhaften Sprachtanz von Stuertz ein wenig zunichte. Hätte man etwas weniger drastisch machen können. Vor allem im Mittelteil geht es einfach zu viel um Geschlechtsteile. Das interessiert irgendwann einfach nicht mehr.

Sortiert kriegt man die ganzen schillernden Details auch nicht immer. Es geht einfach um SO VIEL! Neben dem Plot ist da z.B. noch Charlie’s außergewöhnlicher Geruchssinn. Hoch spannend. Und dann noch seine Herzerkrankung! Wegen ihr gerät das Schlussdrittel des Hörbuchs zu einem unerwarteten medizinischen Drama, das auch wieder seine eigenen Überzeichnungen und eine ganze andere, dunklere Note mitbringt.

Am Ende des Romans, der in gedruckter Form über 700 Seiten und als ungekürztes Hörbuch mehr als 20 Stunden hat, klopft einem selbst das Herz von diesem wilden Ritt. Und auch wenn Stuertz insgesamt etwas drüber schießt und seine Sprachkunst ein bisschen mehr an die Zügel nehmen sollte in den scharfen Kurven: Dieser Roman ist frisch und frech, bringt einen zum Lachen und nimmt einen in Beschlag. Die Zeit vergeht wie im Flug!

Zum Sprecher:

Shenja Lacher hat eine Stimme, die von ihrer Höhe und Farbe her universell einsetzbar ist. Den jungen Erwachsenen kauft man ihm problemlos ab, und Lacher schafft das Kunststück, sich lässig anzuhören, obwohl er ganz fein auf saubere Aussprache achtet. Die Figuren – von männlich bis weiblich, von jung bis alt – nuanciert er mit Leichtigkeit, und dass er dabei nicht übertreibt, sondern mit einer gewissen Souveränität vorgeht, tut dem überdrehten Text gut. Er hätte das Hörbuch mit zu viel Gas über die Klippe stürzen können. Stattdessen trifft er mit seiner Lesung ohne hörbare Anstrengung ins Schwarze.

Fazit:

Stuertz hat eine abgefahrene, teils überzogene aber komplett mitreißende Brausemischung aus Coming-of-age, Krimi, Liebesgeschichte, Familien- und Künstlerroman geschrieben, die aus jeder Schublade, in die man sie zu stecken versucht, herausplatzt. Das entgleist sprachlich mal, ist an anderer Stelle aber wieder so sprachlich gewitzt, dass man Stuertz nichts nachträgt. Ein absolut ungewöhnlicher Roman, krass und wild und von Shenja Lacher mit lässigem Herzblut performed.

Bewertung:

Hörbuch: 8 von 10 Punkten

Sprecher: 10 von 10 Punkten

Ein Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag im Gegenzug für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt – vielen Dank!

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