„Der Blumensammler“ von David Whitehouse

Titel: Der Blumensammler
Originaltitel: The Long Forgotten
Autor: David Whitehouse
aus dem Englischen von: Dorothee Merkel
Format: Hardcover
Verlag: Tropen Verlag (Klett-Cotta)
erschienen:30.08.2018
Länge: 346 Seiten

Dieses Buch flatterte mir bereits letztes Jahr – passenderweise zusammen mit einem Tütchen Blumensaamen – als Überraschung vom Verlag ins Haus (danke, @Tropen Verlag!) und musste eine Weile auf meinem Lese-Regal keimen, bis ich es lesen konnte. Und stellte sich als Exot in meinem Leseprogramm heraus!

Die Saat der Erinnerung

Der deutsche Titel ist ein bisschen irreführend. Natürlich geht es auch um Blumen. Schließlich macht sich Peter Manyweathers, eine der Hauptfiguren im Roman, auf, sechs äußerst seltene Pflanzen zu finden und reist dabei um die halbe Welt. Dennoch scheint der englische Originaltitel, „The Long Forgotten“, passender (und vermittelt auch nicht den klischeehaften Anschein eines „Frauenbuches“), denn vornehmlich geht es in David Whitehouse’s kuriosem Roman um die Erinnerung.

Zwei Handlungsstränge weben sich ineinander: In der Gegenwart bekommt der in einer Notrufzentrale arbeitende Dove Kopfschmerzattacken, verbunden mit merkwürdigen „Anfällen“. Während der Attacken spielt ihm sein Gehirn die Erinnerungen eines anderen Lebens, eines anderen Mannes ein: Die von Peter Manyweather eben, der sich in den achtziger Jahren darauf spezialisiert hat, die Wohnungen Verstorbener zu reinigen. Ein Fast-Einsiedlerleben führend, stößt Peter bei einer Reinigungsaktion auf einen Brief, der ihn auf eben jene Blumensuche schickt – und unter die Menschen und in die Arme einer Frau.

Wie Whitehouse diese Reise von Peter (und Dove) zu sich selbst schreibt, fühlt sich das an wie ein Strauß, der aus einem Sammelsurium zusammengebunden ist: Da gibt es wunderschöne, hervorstechende Ideen über Freundschaft, über die Zusammenhänge zwischen Zeit und Menschen, verfasst in einprägsamer Sprache. Da gibt es aber auch Figuren mit Dornen und fauligen Stellen, die dem Ensemble etwas Disharmonie verpassen. Vor allem Peter ist als Hauptfigur nur bedingt sympathisch. Etwas freakig, schlägt man sich zwar auf seine Seite, kann ihn aber manchmal nicht gut greifen. Auch Peter’s Entdecker-„Freund“ Hens sowie seine geliebte Harum haben Ecken und Unebenheiten, an denen man sich stößt.

Trotzdem rankt „Der Blumensammler“ sich auf ungewöhnliche Art um skurille Figuren auf einer skurillen Reise. Und macht dabei auch noch neugierig auf eben jene sechs seltenen Pflanzen. Die gibt es tatsächlich, und man kann nicht umhin, sie im Internet nachzuschlagen. Ein bisschen schade, dass es im Buch keine Fotos oder Zeichnungen der sechs Exoten gibt – oder etwa Absicht, damit man sich selbst auf die Reise macht und sie beim Nachschlagen findet? Zum Stil des Buches hätten filigrane Illustrationen gut gepasst.

Was rund ist, ist der Kreis, der sich am Ende schließt. Die Erklärung, was Peter und Dove verbindet. Auch da ist nichts perfekt, ebenso wie die mal stinkenden, mal hässlichen, mal unscheinbaren Blumen-Raritäten. Aber es ergibt einen wohltuenden Zusammenhang und das Gefühl, dass der Autor den Sack von langer Hand geplant zuschnürt und seine Figuren dorthin begleitet hat, wo er sie haben wollte.

Fazit:

Unterm Schnitt ein feiner, eher leiser Roman, in dem Erinnerungen Identität und Verbindung bedeuten, und ein Brief aus der Vergangenheit eine Entdeckungsreise lostritt, bei der es weniger um die zu findenden Objekte geht, sondern um den Entdecker selbst. Eine Reise, mit holprigen Anteilen, von Romanfiguren zu sich selbst, ihrer Herkunft und dem, was sie sein können. Blüht beim Lesen zu fragiler Schönheit auf, wenn man genau hinguckt.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

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