The carls are coming: „Ein wirklich erstaunliches Ding“ von Hank Green

Titel: Ein wirklich erstaunliches Ding
Originaltitel: An Absolutely Remarkable Thing
Autor: Hank Green
Sprecher: Marie-Isabel Walke, Nicolás Artajo
aus dem Amerikanischen von: Katarina Ganslandt
Format: Hörbuch (CD)Verlag: HörbuchHamburg
erschienen: 01.03.2019
Länge: ca. 10:06 Std., gekürzt

Darum geht’s:

Zufällig ist die New Yorker Kunststudentin April mit ihrem Freund Andy eine der ersten, die einen „Carl“ entdeckt – eine große, Roboterartige Figur, die auf einmal stumm und reglos in Manhattan steht. April und Andy veröffentlichen als erste ein Video davon auf YouTube – und ahnen nicht, dass sie einen Medienhype um die mysteriösen Carls lostreten, die zeitgleich überall auf der Welt auftauchen. Während April vom unfreiwilligen YouTube Star zu einer gewieften und einflussreichen Medienheldin avanciert, spalten die Carls die Menschheit in zwei Lager: sind sie harmlos oder gefährlich? Und wo kommen sie her?

Zum Hörbuch:

Hank Green. Denn kennt ihr, oder? Er ist YouTuber, Naturwissenschaftler und der Bruder von YA-Bestsellerautor John Green („The Fault in our Stars“). „Ein wirklich erstaunliches Ding“ ist sein erstes Buch, und zwar ein Jugendroman, in dem er genau die Themen verarbeitet, mit denen er sich auskennt: Videobloggen, soziale Medien und – am Rande – Wissenschaft.

Wie eine Art Tagebuch im Nachhinein, mit stark dokumentarischem Charakter, kommt das Hörbuch daher. April berichtet rückblickend und grob analysierend, wie das alles geschah mit den Carls, und was ihr Status als Medienstar mit ihr und ihrem Umfeld angerichtet hat. Klar – es gibt auch das Mysterium um die Roboter, das nach Antworten verlangt und für einen Spannungsbogen sorgt. Sind das Kunstobjekte? Ein gigantischer Werbegag? Oder außerirdische Wesen?

Aber das Wichtigste sind gar nicht die Carls, so sehr man auch darauf brennt, ihren Ursprung zu erfahren. Das Wichtigste ist April. Die rutscht relativ naiv in die ganze Sache hinein, verändert sich – in vielfacher Hinsicht erstmal nicht zum Positiven – und muss einiges an ernüchterndem Lehrgeld bezahlen. Beziehungen bleiben auf der Strecke. Sie verstrickt sich in einen üblen Publicity-Krieg mit einem Konkurrenten. Wo es zu Beginn um eine Kunststudentin mit Überzeugungen ging, wird daraus irgendwann eine Marke, die es zu verkaufen gilt. Und dann geht es nur noch um Zugriffszahlen und den Druck, ständig neuen Content zu liefern.

Hank Green, erfahren gerade im Videobloggen, zeigt deutlich die negativen Seiten eines Internet-Hypes und des Daseins als YouTube-Star auf. Er belässt es aber nicht beim mahnenden Zeigefinger. Denn dieses Internet hat auch etwas Gutes: So sehr wie es spaltet, führt es Menschen auch zusammen, auf der ganzen Welt. Als die Carls so etwas wie eine globale Schnitzeljagd veranstalten, deren Rätseln man nur mit Schwarmwissen und Zusammenarbeit auf die Spur kommen kann, wird das Internet zum Happy Place. Da zeigt sich das Wesen einer globalen Community von seiner besten Seite.

Tonal läuft die Geschichte lange Zeit ein wenig emotionslos ab. Das liegt vielleicht am berichtartigen Charakter des Romans. April kommentiert zwar im Nachhinein, aber wirklich tiefgründig wirken ihre Worte nicht. Sie ist einem als Hörer auch nicht sonderlich sympathisch, verhält sie sich doch arg egoistisch und wenig empathisch. So richtig Nähe kommt nicht auf zur dieser jungen Dame.

Ach, und sein Faible für Wissenschaft bringt Hank Green auch noch unter. Es fängt an mit der chemischen Zusammensetzung des Stoffs, aus dem die Carls sind. Es geht weiter mit Metallurgie, mit Codes und so manch anderem aus dem Experimentierkasten der Naturwissenschaft. Das ist ganz interessant, wirkt aber ein bisschen seltsam, weil man die Analyse der Carls nur aus Aprils Mikro-Sicht mitbekommt. Was (und ob überhaupt) weltweit bei den Forschern abgeht bei der Untersuchung der Carls, bekommen wir kaum mit. Überhaupt scheint sich die Wissenschaft sehr spät zu wundern, was da einfach so aufgetaucht ist, und auch die üblichen paranoide Hysterie setzt sehr spät ein. Das wirkt dann ein bisschen unrealistisch.

Und dann der Schluss. Zuerst war ich ja echt verärgert. Nach einem wirklich tollen, erstaunlich dramatischen Showdown in „Echtzeit“ folgt ein verwirrendes Ende mit ganz vielen offen gebliebenen Fragen.  Nach all dem Gewese um die Rätsellösungen und Aprils… nun … Schicksal ist irgendwie gar nichts richtig klar und wirkt merkwürdig übernatürlich. So ein bisschen Akte X oder so. Ich habe echt geschimpft.

Dann aber habe ich gelesen, dass es eine Fortsetzung von „Ein wirklich erstaunliches Ding“ geben wird. Und das ändert natürlich alles. Zum einen können wir jetzt doch noch Aufklärung erwarten und einen anständigen Schluss. Zum anderen kann man sich aber auch wieder die Haare raufen, weil das ein bisschen wie Abzocke wirkt, weil auf dem Buch oder Hörbuch nirgendwo etwas von „Teil 1“ steht und man – wenn man nicht zufällig irgendwo davon hört – eine in sich abgeschlossene Geschichte erwartet. Das hätte man meines Erachtens direkt bekannt geben sollen.

Zu den Sprechern:

Hut ab vor Marie-Isabel Walke! Die bestreitet 98% des Hörbuchs (Nicolas Artajo übernimmt als „Andy“ nur den Schluss) und wird dabei immer stärker. Sie muss einer Figur eine Stimme geben, die nicht unbedingt sympathisch ist, und tut das mit Patzigkeit, einer gewissen emotionalen Grobheit und durchklingender falscher Selbstüberzeugung. Nach hinten raus klingt April dann weicher, geläuterter, ehrlicher. Außerdem zeigt Walke bei einer energischen Gesangseinlage und einem Action-haltigen Showdown, was sie an Singstimme, Verzweiflung und Schmerzgestöhn alles drauf hat. An ihrer wirklich guten Performance liegt es wirklich nicht, dass April über lange Strecken als relativ flache Figur daherkommt.

Fazit:

Ein Jugendroman, der im Hintergrund eine Art Sci-Fi-Mystery ablaufen lässt und dabei freudig in Naturwissenschaften rumwühlt, vor allem aber eins ist: Dokumentation von und Kommentar auf die digitalen Medien, insbesondere Social Media – und auf die Menschen, die sie benutzen. Kritik und Mahnung mischt sich mit einer globalen Gemeinsamkeitsbotschaft. Es kommt – wie bei den meisten zwiespältigen Errungenschaften der Menschheit – darauf an, wie und wozu man sie nutzt. Das hätte emotionaler sein können, mit einer liebenswürdigeren Hauptfigur und einem befriedigenderen Schluss. Und mit einem deutlichen Hinweis versehen, dass dies nur Teil 1 einer Geschichte ist, die noch fortgesetzt wird.

Bewertung:

Hörbuch: 6 von 10 Punkten
Sprecherin: 9 von 10 Punkten

Im Sinne der Transparenz: Ein Rezensionsexemplar dieses Hörbuchs wurde mir im Gegenzug für eine ehrliche Rezension vom Verlag zur Verfügung gestellt – vielen Dank!

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