Königskinder von Alex Capus

Königskinder von Alex Capus
Koenigskinder von Alex Capus

Titel: Königskinder
Autor: Alex Capus
Format: Hörbuch-CDs
Sprecher: Ulrich Noethen
Verlag: Der Hörverlag
erschienen: 20.8.2018
Länge: 05:13 Std., ungekürzte Lesung

 

Wenn man im Winter ohne Schneeketten in der Schweiz über einen Pass fährt, dann muss man damit rechnen, im Schnee stecken zu bleiben. Das stellen auch Max und Tina fest, ein lang verheiratetes Paar, die sich in ihr Schicksal fügen. Unter einer Decke und wärmend eingeschneit, verbringen sie die Nacht im Auto in Erwartung des morgendlichen Schneepflugs. Weil sie nicht schlafen können, erzählt Max Tina eine Geschichte: Genau in diesen Bergen, im 19. Jahrhundert, verliebte sich einst der einfache Knecht Jakob in Marie, Tochter eines reichen Bauern. Neben ihrem unterschiedlichen Stand kommen der Liebe der beiden auch der Krieg, die französische Prinzessin und die Revolution in die Quere.

Zwei Lieben und ein Märchen

Leichtfüßig, beschwingt und mit viel Charme erzählt Alex Capus in diesem kleinen Roman gleich zwei lebenslange Liebesgeschichten, auf ganz unterschiedliche Weise. Da ist zum einen die märchenhaft anmutende von Jako und Marie. Max besteht zwar darauf, dass sie auf Tatsachen beruht, aber es wird immer deutlicher, dass sie – auf wunderbare Art und Weise – zusammen fabuliert ist aus historischen Bruchstücken, Wahrscheinlichkeiten und Max‘ Fantasie.

Es ist entzückend und herzerwärmend, was Max da zusammenbraut. Kitschig? Nein, denn es wird gestorben, verprügelt, gedarbt, vermisst und durch harte Zeiten gegangen, und Jakob und Marie müssen viele Hindernisse überwinden. Dennoch haftet der Geschichte etwas durchweg positiv Gestimmtes an. Das mag am Schreibstil von Alex Capus liegen oder an Ulrich Noethens leisem Schalk beim Vortragen. Es tut jedenfalls gut.

Szenen einer Ehe

Die andere Liebe, um die es geht, ist die von Tina und Max. Das Hörbuch erzählt von ihnen fast nur in reinem Dialog. Max erzählt. Tina fragt dazwischen. Ein neckendes, vertrautes Ping-Pong zwischen einem Mann und einer Frau, die sich schon lange in- und auswendig kennen. Hier sitzt ein Paar im Auto, dessen Kinder aus dem Haus sind, und die nicht in einer Krise stecken. Die durch diese besondere Nacht aber als Komplizen gehen und mit Abenteuer und neuer Nähe im nächsten Tag ankommen. Das ist sanft und schmunzelnd und letztlich anrührender als das Märchen, das Max erzählt.

Männliche Historie und weibliche Power

Durch das Märchen von Jakob und Marie weht ein Hauch Geschichte. Nicht im großen Rahmen, aber wir bekommen ein zeitgenössisches Bild und eins der darin verteilten Rollen, vom einfachen Hirten bis hin zum französischen Kaiserhof. Im Hintergrund braut sich die französische Revolution zusammen, die Luftfahrt macht ihre ersten Schritte, die Landwirtschaft wird moderner. Berühmte Figuren spielen eine Rolle, ohne tatsächlich aufzutreten.

Was wir auch bekommen, ist eine subtil feministische Erzählung mit gleich drei sehr starken Frauen, die sich ihren Mund und ihre Wünsche nicht verbieten lassen. Ob Marie, die sich gegen die Erwartungen ihres Vaters stemmt und gegen ihre Rolle als „gute Partie“; ob die französische Prinzessin mit ihren selbstbewussten Ideen oder Tina, die ihren Max auf leise Art in der Hand hält: Hier sind drei weibliche Figuren, die ohne lauten Auftritt Power haben.

Ulrich Noethen, Meister seines Fachs

Ach, Ulrich Noethen. Was für ein Könner! Er bekommt keine leichte Aufgabe, muss er Max‘ und Tinas Dialoge doch fast ohne jedes „sagte er“ oder sonstiges Drumherum meistern. Und das tut er bravourös! Tatsächlich ist das Hin und Her zwischen den beiden, stimmlich von Noeten eindeutig differenziert, das heimliche Highlight dieses Hörbuchs. Da werfen sich zwei die Bälle zu, und Noethen legt eine ganze Ehe zwischen die Zeilen, jede geliebte Macke, jedes Bedauern und Trotzdem-immer-noch-lieben. Viel sanfter Humor schwingt in Noethens Stimme. Hier nimmt uns jemand an die Hand und geleitet uns durch eine Geschichte mit einem sachten „Komm‘, ich erzähl‘ dir was.“ Und das hört sich so meisterlich an, dass wir sofort mitkommen.

Fazit:

Eine kleine, feine Geschichte von zwei starken Paaren, auf zwei Zeitebenen mit märchenhafter Anmutung erzählt. Dazu geschichtlicher Hintergrund, starke Frauen und ein Ulrich Noethen, der so großartig und dennoch zurückhaltend liest, dass man jederzeit mit ihm eine Nacht eingeschneit auf einem Alpenpass verbringen möchte, nur, um dieser Erzählstimme zu lauschen.

Bewertung: 10 von 10 Punkten

Ein Rezensionsexemplar von „Königskinder“ wurde mir von Der Hörverlag im Gegenzug für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt. Danke!

 

 

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