
Achtung: Dieser Artikel enthält massive SPOILER für das Supernatural Serien-Finale!
Am 19. November 2020 trafen 15 cm Betonstahl das Supernatural-Fandom mitten ins Herz. An diesem Tag nämlich bohrte sich in der allerletzten Folge der Serie eben jenes Stück Metall in den Rücken von Dean Winchester, und er starb einen dramatischen, 7-minütigen Tod in den Armen seines Bruders Sam. Bis heute lehnen die Fans das Finale überwiegend ab, und auch die Schauspieler waren anscheinend nicht zufrieden damit. Nur wenige konnten dem tragischen Schluss etwas abgewinnen.
Als ich vor kurzem zum ersten Mal jene berüchtigte 20. Folge der 15. Staffel mit dem Titel „Carry On“ sah, war ich schon gespoilert und wusste ich, was auf mich zukam. (Was mich aber nicht davor bewahrte, beim Gucken Rotz und Wasser zu heulen, bis mir fast die Luft wegblieb.) Und ein paar Wochen nach dem Schauen bin ich mir immer noch nicht sicher, ob mir das Ende gefällt oder nicht. Es ist aber auch wirklich kompliziert.
Team Tragödie oder Team Happy End?
Kein Zweifel: Obwohl die letzten Minuten von „Carry On“ mit Dean’s Ankommen im Himmel und dem Wiedersehen mit seinem Bruder versöhnlich gemeint waren, war der Schluss von „Supernatural“ der einer klassischen Tragödie: Der große Held stirbt einen sinnlosen Tod.
Das war im Fall von Dean Winchester besonders schmerzlich, denn von Beginn an hatte Dean prophezeit, dass er „nicht mehr zu retten“ sei und eines Tages bei einer Monster-Jagd sterben würde – und so kam es dann auch. Könnte man als runden Schluss verstehen, aber dazu muss man wissen, dass ein zentrales Thema der Serie (und vor allem Dean’s persönliches Thema) das Aufbegehren gegen ein vorherbestimmtes Schicksal war. Nach fünfzehn Jahren schienen die Brüder sich freigekämpft zu haben aus dem Hamsterrad, in das Gott sie gesteckt hatte. Sie waren kurz vor Schluss keine machtlosen Marionetten mehr, sondern das „Team Free Will“. Selbstbestimmung. Der freie Wille. Dafür hatten beide Brüder – und vor allen Dingen Dean – stets verbissen gekämpft.
Dass ausgerechnet er gegen eine gesichts- und bedeutungslose Bande von Vampiren sein Leben einbüßt, als er von einem von ihnen im Kampf gegen einen Pfeiler gerammt wird, aus dem zufällig dieser Metallstab hervorragt, wirkte wie ein Hohn. Nach all dem Kampf, all der Figurenentwicklung, nach dem Verhindern mehrerer Apokalypsen und dem Sieg gegen Gott persönlich endet es doch so wie vorhergesagt. Und das noch nichtmal als heldenhafter Opfertod: Es ist nicht so, dass Dean dadurch Sam rettet. Es ist einfach nur ein dummer Zufall, dass dieses blöde Stück Metall da aus diesem Pfosten ragt.
Dean und Sam sind dem Schicksal also doch nicht entkommen. Der „freie Wille“ war eine Illusion. Und als Dean stirbt, hat sich nichts im Leben der beiden geändert: Sie gehen immer noch auf Monsterjagd, in derselben Co-Abhängigkeit voneinander wie zuvor, beide ohne eigenen Lebenspartner – und Dean sogar ohne seinen Engel Castiel, dessen man sich in Folge 18 nach einem aufwühlenden Liebesgeständnis im „bury your gays“-Stil entledigt hatte. Zwar wird das Leben von Sam und Dean zu Beginn der letzten Folge als zufrieden und positiv dargestellt; aber eigentlich sind sie fast genau noch da, wo sie vorher waren.
So sehr sich die meisten Fans darüber echauffieren – ich konnte dieser Entscheidung der Serienmacher durchaus etwas abringen. Ich war schon immer ein Fan von Tragödien. Dass die Helden am Ende nicht bekommen, was sie wollen; dass das Schicksal oder ein dummer, menschlicher Fehler sie am Schluss einholt, finde ich tatsächlich realistischer. Die wenigsten Geschichten gehen im echten Leben gut aus. Und dass man am Ende den Kampf gegen das Schicksal verliert, heißt nicht, dass man nicht gut gekämpft hat und alles vergeblich war. Auch Sam und Dean haben auf dem Weg Freunde gewonnen, haben geliebt, gelernt und unzählige Leben gerettet. Das war nicht umsonst. Und dass gerade Dean, der von Beginn an als tragischer Held aufgebaut wurde, auch so endete, fand ich auf traurige Weise poetisch.
Dennoch: Wenn man für Tragik nichts übrig hat, fühlt sich das wie ein Fußtritt ins Gesicht an. Dazu kommt, dass noch mehr Fehler beim Finale gemacht wurden.
Wer war nochmal Castiel?
Völlig unverständlich bleibt, was die Skript-Schreiber mit der Figur des Engels Castiel anstellten. Nachdem „Cas“ in Folge 18 Dean seine Liebe eingestanden hatte und für ihn gestorben war, wurde er nur noch zweimal nebenher erwähnt. Seine Figur schien geradezu ausgelöscht – vor allem aus dem Gedächtnis von Dean. Und das, obwohl dieser am Ende von Folge 18 untröstlich mit in den Händen vergrabenem Gesicht auf dem Boden gesessen hatte, fertig mit der Welt. Alle (einschließlich mir) hatten erwartet, dass in den letzten beiden Folgen entweder Castiel zurückkehren oder aber Dean zumindest sehr um ihn trauern würde. Und das Liebesgeständnis blieb einfach in der Luft hängen, als wäre es nie passiert.
Sogar ganz am Schluss, als Dean im Himmel ist, vergab man die Chance, Dean und Cas wieder zusammen zu führen. Castiel wird sogar erwähnt, und zwar so, dass man annehmen kann, dass er auch im Himmel und zumindest dem „Empty“ entkommen ist. Aber ist er das wirklich? Und wo ist er genau? Und warum reagiert Dean darauf lediglich mit einem kleinen Schmunzeln? Warum fragt er nichtmal nach?!
Bruderschaft, Found Family und Destiel
Eins war klar: Die Serie hatte als Basis immer die Beziehung zwischen den beiden Brüdern, Sam und Dean. Sie waren der Dreh- und Angelpunkt. Die Parallelen zu den Geschichten von Kain und Abel, und zu Lucifer und Michael machten das ebenso klar wie die Tatsache, dass keine weiteren Hauptfiguren oder gar Liebesbeziehungen der Brüder zu irgendwelchen weiblichen Figuren geduldet wurden. Das wollten die Fans nicht, und die Drehbuchautoren begriffen das schnell und handelten danach.
Sie übersahen dabei, dass sich die Serie trotzdem weiterentwickelte. „Family don’t end with blood“ ist einer der ikonischen Sätze von „Supernatural“. Es geht darum, dass Familie nicht (nur) aus Blutsverwandten bestehen muss. Tatsächlich ist das Verhältnis von Sam und Dean zu ihren Eltern Mary und John so dysfunktional, dass man sagen kann, dass ihr wahre Familie aus Menschen besteht, mit denen sie eben keinen Tropfen Blut teilen: „Ersatzvater“ Bobby; die beiden toughen Polizistinnen Donna und Jody; der goofige Jäger Garth, die rebellische Teenagerin Claire, der Nephilim Jack, die gehörlose Jägerin Eileen – und natürlich Castiel. Sie alle spielen am Ende eine wichtige Rolle für Sam und Dean. „Found family“, nennt man das auf Englisch.
Dennoch wollten die Serienmacher am Ende auf Teufel komm raus eine Art himmlisches Happy End mit der Ursprungsfamilie erzwingen. Es ist zwar Bobby, der Dean im Himmel empfängt, aber die Rede ist dann nur von John und Mary. Was aus all den anderen „Familienmitgliedern“ geworden ist, wird nicht mal erwähnt. Und Sam’s Ehefrau (von der sich alle wünschten, es wäre Eileen), bleibt uns nur als „Blursula“ unscharf im Hintergrund in Erinnerung.
Und Castiel? Der sollte eigentlich nur ein paar Folgen lang auftauchen, entwickelte sich im Laufe der Zeit aber zur inoffiziellen dritten Hauptfigur. Selbst ein Versuch, ihn zwischendurch aus der Serie zu schreiben, scheiterte an der Liebe der Fans zu diesem Engel. Und dann war da ja der subtile aber unübersehbare homoerotische Subtext zwischen Castiel und Dean. Allem Leugnen vom Sender „CW“ zum Trotz: Mit Castiel’s Liebesgeständnis in Folge 18 wurde „Destiel“ – zumindest einseitig – offiziell.
Den ganz großen Wurf hätten die Verantwortlichen im Finale mit einer Erwiderung der Liebeserklärung durch Dean machen können. Ein maskuliner, cooler Held, der sich in einer international hoch erfolgreichen Fernsehserie als bisexuell outet – was wäre das für ein Meilenstein in Sachen Repräsentation gewesen!
Aber selbst, wenn es von Dean’s Seite aus nur Freundschaft oder eine platonische „Bromance“ oder sonstwas gewesen wäre: Cas war zu einem wichtigen Teil der Familie Winchester geworden und hätte am Ende dabei oder zumindest ein wichtiges Thema sein sollen.
Doch nichts davon fand statt. Castiel tauchte nicht wieder auf. Dean schüttelte seinen Verlust geradezu achselzuckend ab, und ob diese Liebe jetzt beiderseitig war oder nicht wurde einfach nicht mehr thematisiert. Das war falsch und schwach und vernachlässigte jede continuity.
Glücklich nur im Tod?
Von Anfang an waren die Themen „Suizid“ und „Suizidalität“ ein Teil von „Supernatural“. Viele Folgen hätten Triggerwarnungen gebraucht. Bei den Gast-Figuren wurde oft sehr leichtfertig mit Suizid umgegangen (und mit mental health generell, aber das ist ein anderes Thema). Dean Winchester selbst kämpft bis zum Ende immer wieder mit einem kaum verhehlten Todeswunsch, ist ständig bereit, sein Leben für andere zu opfern und bringt sich tatsächlich gleich mehrfach selbst um (zumindest vorübergehend), um dadurch andere zu retten. Das ist schon problematisch genug.
Andererseits weiß ich inzwischen, dass gerade Supernatural für viele Fans, die mit psychischen Erkrankungen und Suizidalität kämpfen, einen großen Halt bedeutet hat. Sam und Dean geben trotz all der traumatischen Erfahrungen, die sie durchmachen, nie wirklich auf. Sie lassen sich nicht unterkriegen. Das macht sie zu Vorbildern. Und Jared Padalecki, der Darsteller von Sam Winchester, ist selbst von Depressionen und einer Angststörung betroffen. Die von ihm auf den Weg gebrachte und von den Fans unterstützte „Always Keep Fighting“ Kampagne für Menschen mit mental health Problemen entstand während und durch Padalecki’s Arbeit an „Supernatural“.
Was für eine Message ist es da, dass Dean Winchester am Schluss Zufriedenheit und Glück erst nach dem Tod findet? Dass ausgerechnet er, der sich immer wieder ins Leben zurück gekämpft hat, noch nicht mal möchte, dass Sam am Ende einen Krankenwagen ruft, sondern sich in sein Schicksal fügt? Tritt das die „Always keep fighting“-Botschaft nicht mit Füßen?
Der Covid-Faktor
Als entschuldigender Faktor für das Finale mag man die Corona-Pandemie heranziehen. Die traf „Supernatural“, bevor die letzten paar Folgen gedreht wurden. Inzwischen ist bekannt, dass Dean’s Ankunft im Himmel und sein Wiedersehen mit Sam ohne Corona anders verlaufen wären: Dean sollte dort eine gerammelt volle Bar vorfinden, in der die Band Kansas gerade die Serien-Hymne „Carry On Wayward Son“ live spielt, und zwar vor einem Publikum, in dem sich auch ein großer Teil der Winchester-Familie und ihrer (verstorbenen) Freunde findet. (Ob Castiel dabei gewesen wäre, bleibt offen.)
Das wäre mit Sicherheit besser gewesen, als das, was wir bekommen haben. Und vielleicht wären in den letzten beiden Folgen dann ja auch Eileen, Donna, Jody und Garth wieder aufgetaucht. Oder es hätte nach Dean’s Tod ein wilde Jäger-Feier mit vielen Freunden und einer standesgemäß durchzechten Nacht gegeben anstatt eine einsame Feuerbestattung. „Blursula“ hätte sich wohlmöglich als Eileen herausgestellt.
Trotzdem: Dean wäre weiterhin in dieser blöden Scheune gestorben, Destiel wäre weiter unter den Tisch gefallen, und Sam und Dean hätten nach wie vor erst im Himmel wieder zueinander und zu ihrem Glück gefunden. Corona war also nicht der wirklich entscheidende Faktor.
Besser mit Happy End?
Ich frage mich allerdings auch, ob mir (und vielen anderen) ein Happy End wirklich gefallen hätte. Dean kommt mit Castiel zusammen, Sam mit Eileen, und beide Pärchen verlassen den Bunker und das Jäger-Leben, gründen vielleicht sogar ihre eigenen Familien, treffen sich regelmäßig mit den Mitgliedern ihrer „found family“ und sterben am Ende im hohen Alter an ganz normalen Dingen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Wäre es das gewesen? Kann ich mir auch irgendwie nicht vorstellen. Die Serie hat – trotz immer wieder viel Humor – ihre Charaktere durch die Hölle geschickt. Und auch, wenn Sam und Dean nach allem Leid einen guten Ausgang verdient hätten: Am Ende da eine hübsche Schleife drum zu machen, hätte auch irgendwie nicht zu „Supernatural“ gepasst.
Das Ende hätte irgendwo zwischen der unstimmigen Tragödie von „Carry On“ und dem von vielen Fans erträumten Happy End liegen sollen: Vielleicht ohne den Tod von Dean, aber mit unkonventionellen Wegen, die die Brüder fortan gehen, mit oder ohne Jagd auf Monster, mit oder ohne Lebenspartner, aber eben anders als bisher. Cas hätte zurück kehren und mit Dean klären können, wer jetzt wen zurück liebt oder nicht. Es wäre sogar denkbar, dass Dean tatsächlich gestorben wäre – aber um Sam zu retten (was er ja immer als seine Aufgabe betrachtet hat) und dann Castiel im Himmel wiederzusehen, während Sam sein Opfer honoriert und ein erfülltes Leben lebt (anstatt nur mit Blursula im Hintergrund traurig in der Garage im Impala zu sitzen). Oder was, wenn Sam für Dean gestorben wäre, in einer völligen Rollenumkehrung, und Dean, seiner Retter-Rolle entledigt, endlich ein eigenes Leben entwickelt hätte – vielleicht mit einem zurückgekehrten Cas an seiner Seite? Während Sam im Himmel auf Eileen trifft?
Die Möglichkeiten wären vielfältig gewesen. Die Serienmacher haben ein tragisches Ende mit vielen Fehlern gewählt. Ich kann damit zwar leben, hätte es mir aber auch anders gewünscht.
Wer weiß? Vielleicht nehmen Jared Padalecki und Jensen Ackles ja irgendwann selbst den Reboot in die Hand, von dem sie immer wieder reden, und schreiben das Ende von „Supernatural“ neu? Ich würde es sofort schauen. Bis dahin gibt es immerhin zehntausende von Fanfiction-Geschichten zu lesen, in denen die Serie auf vielfältige Art und Weise endet – eben nur nicht mit Dean aufgespießt auf diesem verdammten Stück Betonstahl.
PS: Lobend erwähnen möchte ich noch die großartigen schauspielerischen Leistungen von Jensen Ackles und Jared Padalecki. Das war nach 15 Jahren gemeinsamer Arbeit und einer entstandenen “found family” zwischen Cast und Crew mit Sicherheit hart zu drehen, und hart, sich zu verabschieden, vor allem mitten in einer beängstigenden Pandemie. Und dann auch noch Szenen zu drehen, mit denen die Schauspieler selbst nicht ganz einverstanden waren… Hut ab, was sie draus gemacht haben! An ihnen hat’s nicht gelegen.
Habt ihr auch Supernatural geschaut? Wie hat euch das Finale gefallen? Sagt es mir in den Kommentaren!
Endliiich komme ich dazu deinen Artikel zu lesen! :D Und ich bin begeistert, dass wir das so ähnlich wahrgenommen haben. Vor dem Bildschirm saß ich eifrig kopfnickend. Dass du dann sogar noch das Jugendwort des Jahres eingebaut hast XD
Dass „found family“ plötzlich so ausgeklammert wurde und dass ein erfülltes Leben nur „notfalls im Tod, aber jedenfalls gemeinsam“ möglich ist, finde ich auch ganz schwierig. Dass du auf die Community und die Mental Health Projekte des Casts eingegangen bist, zeigt eigentlich schon wie irrsinnig das Ganze eigentlich ist.
Mit der Frage „Happy End“ oder „tragisches Finale“ habe ich aber ähnlich wie du Schwierigkeiten. Vielleicht können wir uns keinen (finalen) Serientod für Sam und Dean Winchester vorstellen, weil wir schon so viele temporäre gesehen haben.
Im Großen und Ganzen kann ich mich mit der Idee eines banalen Todes sogar eher anfreunden. Krankheit wäre sehr menschlich gewesen – und das sind sie nun mal, Menschen!
Nun wirkte das hier so hanebüchen durch die langgezogene und sehr künstliche Idee. Das hattest du glaube ich unter meinem Artikel angesprochen – 911 wählen, maybe???
Es ist schon … in Konglomerat.