„Blood Water Paint“ von Joy McCullough

Titel: Blood Water Paint

Autorin: Joy McCullough

Format: Hörbuch

Sprecherin: Xe Sands

Verlag: Listening Library

erschienen: 15.05.2018

Länge: 03:51 Std., ungekürzt

Das Hörbuch ist erhältlich bei audible.de, und zwar HIER. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95. Eine Hörprobe findet ihr auf der Produktseite von Audible.

There will come a day,
when this horror is not the
only color on your palette.

But that day’s not now.
And even if this horror
becomes an accent color-
a smudge of lead white
to highlight a cheekbone,
a bit of yellow ochre
the glint on a sword-
sometimes those are the pigments
that change one’s perception
of an entire work of art

Triggerwarnung: Vergewaltigung, Folter

Da gucke ich aber ganz schön verwirrt, als das Hörbuch beginnt: Verse! Ein YA-Roman über eine italienische Malerin des frühen 17. Jahrhunderts – zu einem großen Teil in Versform?!

Ich lade mir ja selten ein Hörbuch runter, ohne genaueres darüber zu wissen. Diesmal habe ich eine Ausnahme gemacht, denn „Blood Water Paint“ dreht sich a) um Artemisia Gentileschi, deren Barock-Gemälde „Judith enthauptet Holofernes“ mich schon beim ersten Anblick fasziniert, ohne dass ich Details kenne und b) ist die Sprecherin Xe Sands eine meiner absoluten Favoritinnen, wenn es um weibliche Stimmen geht. Und ich bin ja seit „Der Sixtinische Himmel“ auf dem Künstlerroman-Trip, also tauche ich einfach ein.

Aber Verse? Ehrlich jetzt?

Ich brauche dann auch ein paar „Kapitel“ (die sind oft nur ein paar Zeilen kurz), um mich in die Melodie einzuhören und zu begreifen, wovon die Rede ist. Ich fange sogar nochmal von vorne an zu hören – nachdem ich mich per YouTube und Wikipedia ein bisschen mehr über Artemisia Gentileschi informiert, die Inhaltsangabe von „Blood Water Paint“ richtig gelesen und mir im Internet die beiden Gemälde angesehen habe, um die es hier vor allem geht: Judith enthauptet Holofernes eben und Susanna und die Alten. Nachdem ich weiß, dass dies hier weniger eine Künstlerinnen-Biographie ist als vielmehr die Geschichte einer jungen Frau, Malerin und Überlebenden. Ein talentiertes Mädchen, dessen weniger begabter Vater ihre Malereien unter seinem Namen verkaufte und ihr nicht mal erlaubte, das Lesen zu lernen. Eine Frau, die mit 17 Jahren von ihrem Lehrer und Versprochenen vergewaltigt und während des Prozesses gegen den Täter gedemütigt und zur „Wahrheitsfindung“ gefoltert wurde. Die später für ihre Gemälde mit starken Frauenfiguren bekannt wurde und vermutlich darin ihr Trauma aufarbeitete.

Mit diesem Wissen gehe ich also in den zweiten Anlauf – und werde diesmal geradezu in das Hörbuch hinein gesogen. Da ist zunächst die Sprache: Ebenso melodisch und poetisch wie klar und schonungslos. Da sind die Wechsel in die 2. Person singular als Erzählperspektive – die Perspektive von Artemisias früh verstorbener Mutter, die ihrer Tochter in Gedanken die Hand hält und ihr Mut macht. Da sind Judith und Susanna – die zwei Frauen aus den Gemälden von Artemisia, die sich zur Wehr setzten und Artemisia als Beispiel und Gleichgesinnte im Geiste dienen. Und da ist die Stimme von Xe Sands, ebenso stark wie brüchig, sinnlich und mutig, die die Verse zum Leuchten bringt wie Artemisia die Farben in ihren Bildern.

Ja, es steht zur Debatte, ob Artemisia tatsächlich ihre Erlebnisse in ihren Bildern verarbeitete. Wer will, kann diese Diskussionen im Netz nachlesen. Was aber NICHT zur Debatte steht, ist das, was Artemisia angetan wurde. Das Protokoll der Gerichtsverhandlung ist erhalten geblieben, und die Autorin Joy McCullough hat ihr Buch auf diesen Fakten aufgebaut. Und wenn man sich Artemisias Gemälde anschaut – allen voran „Judith enthauptet Holofernes“, in dem eine Frau mit entschlossener Miene einem für seine Untaten berüchtigten Feldherren mit dem Schwert die Kehle durchtrennt – dann kann man nicht umhin, als eine unglaubliche Kraft in diesem Gewaltakt zu sehen. Artemisia hat kein Opfer gemalt, sondern eine Kämpferin, die das Heft (bzw. das Schwert) in die Hand nimmt.

Und ja, McCullough dreht das Ganze dramatisch auf und macht „Blood Water Paint“ zu einer wütenden Empowerment-Message. Jede Beschreibung prangert die Macht und den Machtmissbrauch durch die Männer an. Jeder Akt unterstreicht die Machtlosigkeit der Frauen. Das ist furiose, bildhafte und dennochdeutliche Sprache. Ein Aufruf, die Ungerechtigkeit nicht hinzunehmen. Ein Schulterschluss zwischen Frauen, die sich gegenseitig Mut machen. Ein Versprechen, dass der Horror zwar Horror ist, aber dass er überlebt werden kann, und mehr noch: Am Ende winkt, mit unglaublicher Resilienz, die Befreiung und Ermächtigung.

Dass das auch durch die Versform mehr Drama erhält und dass McCullough die tapfere und begabte Artemisia geradezu als eine kämpferische Heiligenfigur darstellt, mag dem ein oder anderen zu übertrieben sein. Mir ist es das nicht. Ich schlage mich komplett auf die Seite dieser jungen Frau, bin empört und entsetzt und geschockt angesichts dessen, was ihr angetan wird – und Feuer und Flamme für ihre Kunstwerke. (Schaut euch ihre Bilder bitte an, unbedingt, auch wenn ihr für Barock und chiaroscuro Malerei sonst gar nichts übrig habt – die Intensität ihrer Gemälde wird euch überraschen!)

Am Ende bleibe ich berührt und wütend und entflammt zurück – und verbringe die nächsten Tage mit dem Lesen über Artemisia und dem Anschauen ihrer Kunst.

Fazit:

Ein kraftvoller, bestürzender, feministischer YA-Roman in Versform über die Malerin Artemisia Gentileschi und ihre Bilder. Vom Vater unterdrückt und ausgenutzt, überlebt sie eine Vergewaltigung und den demütigenden Gerichtsprozess inklusive Folter. Ihre Malereien – so stellt es die Autorin dar – kanalisieren das Erlebte in mutige, starke Frauenporträts. Ein dramatischer Aufschrei in ungewöhnlicher Form, der auch erwachsene LeseInnen und HörerInnen beeindruckt.

Bewertung:

Hörbuch:

Bewertung: 5 von 5.

Sprecherin:

Bewertung: 5 von 5.

Ich möchte euch zu Artemisia Gentileschis Gemälde „Judith enthauptet Holofernes“ ein kurzes Video empfehlen (der ganze Kanal ist toll!):

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