„The Lamplighters“ von Emma Stonex

Titel: The Lamplighters
Autorin: Emma Stonex
Format: Hörbuch
Sprache: Englisch
Sprecher: Indira Varma, Tom Burke
Verlag: Picador
erschienen: 04.03.2021
Länge: 08:35 Std., ungekürzt

Das Hörbuch ist als Download bei audible.de erhältlich, und zwar hier. Es kostet im Flexi-Abo € 9,95 (regulärer Preis € 19,95). Eine Hörprobe findet ihr auf der Produktseite von Audible.

Inhaltsangabe (audible):

They say we’ll never know what happened to those men. They say the sea keeps its secrets….
Cornwall, 1972. Three lighthouse keepers vanish from a remote rock, miles from the shore. The entrance door is locked from the inside. The clocks have stopped. The principal keeper’s weather log describes a mighty storm, but the skies have been clear all week.
What happened to those three men, out on the tower? The heavy sea whispers their names. The tide shifts beneath the swell, drowning ghosts. Can their secrets ever be recovered from the waves?
Twenty years later, the women they left behind are still struggling to move on. Helen, Jenny and Michelle should have been united by the tragedy, but instead it drove them apart. And then a writer approaches them. He wants to give them a chance to tell their side of the story. But only in confronting their darkest fears can the truth begin to surface….

Grundmotivation: Tom

Eine Freundin hat mich mal als „Sprecher-Groupie“ bezeichnet. Das stimmt zwar nicht ganz, denn ich würde niemals mit einem Plakat „Ich will ein Kind von dir!“ vor dem Aufnahmestudio eines Lieblingssprechers campieren (wirklich nicht!), und bei Sprecher-Interviews weiß ich mein heimliches Fangirling ganz gut zu unterdrücken – aber es stimmt schon: Manche Hörbücher kaufe ich blind, wenn sie von einer meiner Lieblingsstimmen vorgelesen werden. So wie das hier. Ich hatte keine Ahnung, worum es in „The Lamplighters“ der britischen Autorin Emma Stonex überhaupt ging, als es mir in meine Twitter-Timeline gespült wurde. Aber als ich sah, dass einer der Sprecher Cormoran Strike-Schauspieler Tom Burke war und die zweite Sprecherin Indira Varma aus „Luther“, griff ich blind zu.

Gerade Tom Burke mag ich nicht nur sehr als Schauspieler, sondern fand auch seine Ausflüge ins Hörspiel-Genre bisher immer sehr gut. (Bei seiner Interpretation von Edward Rochester in „Jane Eyre“ werden mir die Knie weich, ehrlich). Der liebe Tom könnte mir auch die die DSGVO vorlesen, und ich würde begeistert lauschen. Jetzt zum ersten Mal also kein Hörspiel mit ihm, sondern ein Hörbuch. Da war ich neugierig!

Aus dem Lockdown auf den Leuchtturm

Die Inhaltsangabe sah dann auch verlockend aus: ein Locked-Room Mystery, das auf einem Leuchtturm in den 70ern spielt, und die Idee dafür entstammt einer wahren Geschichte. Mich zu Zeiten von Corona, wo mich alles nur noch nervt, mal gedanklich auf einen wellenumtosten Felsen in einen Turm am äußersten Zipfel von Cornwall zurück zu ziehen, schien mir auch nicht die schlechteste Idee. Also Leinen los!

„The Lamplighters“ stellt sich dann nicht als das heraus, was ich erwartet hatte. Statt eines dichten Mystery-Krimis tauche ich ein in ein zunächst ruhiges Charakterstück aus sechs (!) Blickwinkeln und auf zwei Zeitebenen. Stonex wechselt zwischen den Ereignissen auf dem Leuchtturm in den 70ern und der Erzählung der drei Witwen der Leuchtturmwärter viele Jahre später hin und her, von einem allwissenden Erzähler zu sechs verschiedenen Ich-Perspektiven und wieder zurück.

Raue Männer, raue See

In der Vergangenheit lernen wir erstmal das raue, einsame Leben auf dem Turm kennen, samt der drei Wärter: der ältere, knarzig-väterliche Arthur; sein jüngerer, Muscheln gravierender Assistent Bill und der jüngste im Club, Vincent, der etwas auf dem Kerbholz zu haben scheint. In achtwöchigen Schichten schieben die Männer Dienst auf dem „The Maiden“ genannten Turm, und das ist alles andere als romantisch. Das Meer ist unberechenbar, und das dichte Aufeinander-Hängen der drei Männer in dieser Einsamkeit ist eine ständige Herausforderung, genau wie die langen Phasen des Getrenntseins von Frauen und Kindern.

Stonex hat für diese Passagen viel recherchiert, und das merkt man. Ihre Beschreibungen wirken authentisch, und man bekommt interessante Einblicke in eine Zeit, als Leuchttürme noch von Menschenhänden bedient wurden und nicht vollautomatisiert, wie heute. Stonex romantisiert zwar nichts, und dennoch nimmt ihr Schreibstil in diesen Passagen eine dunkle Poetik an. Man kann das stürmische, dunkle Meer fühlen und riechen, seine faszinierende Naturgewalt spüren, und „The Maiden“ wird zu einem eigenen Charakter in der Geschichte. Das ist dicht am Nature Writing!

Die Gegenwart: weiblich und etwas zäh

Schwenkt die Geschichte in die Gegenwart, lässt die Faszination leider etwas nach. Die Idee ist nicht schlecht: Ein Journalist befragt Jahre nach dem Verschwinden der Männer die drei Ehefrauen (ohne dass wir diesen Journalisten selbst jemals hören), und so setzt sich aus den Berichten der Frauen nach und nach ein Puzzle aus Wahrscheinlichkeiten und Vermutungen zusammen, während wir in den Rückblicken der Wahrheit ebenfalls immer näher kommen. Eigentlich clever, aber irgendwie funkt es zwischen mir und den drei Frauen – Helen, Jenny und Michelle – nicht richtig. Ich kann keine Sympathien für sie entwickeln, und gerade Helen und Jenny verwechsle ich immer wieder. In ihren Passagen verliere ich manchmal den Faden und das Interesse und freue mich, wenn die Handlung wieder zum Leuchtturm und in die Vergangenheit zurückkehrt. Das mag an zu vielen Figuren liegen, an zu wenig transportierten Emotionen, an den teils einfach unsympathischen Figuren. Und die Leuchtturm-Zeit mit dem tatsächlichen „Tathergang“ ist ganz einfach spannender.

Durchhaltevermögen ist gefragt

Wie die drei Männer im Turm, so braucht man auch als Hörer*in Durchhaltevermögen. Es zieht sich eine ganze Weile, bis man zum ersten Mal aufhorcht, weil Stonex eine erste Enthüllung in den Raum stellt. Es bleibt nicht die einzige: Die zweite Hälfte bringt bei jeder der sechs Figuren Leichen ans Tageslicht – teils sogar sprichwörtlich. Tragik stellt sich ein, als in der Gegenwart schmerzliche Geheimnisse enthüllt werden, während in der Vergangenheit den Männern aus verschiedenen Gründen langsam die Nerven durchzugehen scheinen. Ein paar Triggerwarnungen wären hier nicht schlecht gewesen, würden andererseits zu viel verraten.

Langsam, aber gewaltig

Die Intensität steigt im letzten Drittel immer mehr an. Es wird mysteriös, ein bisschen verwirrend, ein bisschen gruselig, und irgendwann bekommt die Realität wackeligen Boden unter den Füßen. Ist das Wahnsinn? Oder geht es wirklich nicht mehr mit rechten Dingen zu? Ist etwas Übersinnliches im Spiel? Oder sind das die Halluzinationen eines zerbrechenden Geistes? Welche Version der Wahrheit möchte man glauben?

Stonex macht das geschickt: Ich hatte ja Sorge, dass sie das Ende komplett offen lässt. Das ursprüngliche Rätsel um die Verschwundenen von Eilean Mor – Inspiration für diesen Roman – wurde schließlich auch nie gelöst. Aber Stonex hat ja nur die Grundidee von damals übernommen und sich daraus eine eigene Geschichte gestrickt. Sie schafft es, uns ein rundes Ende zu bieten und dennoch Spielraum zu lassen. Das letzte Bild des Romans lässt mich jedenfalls zurück mit einem gruselig-zufriedenen Gefühl von Karma.

Und was war jetzt mit Tom?

Der hat seine Sache wirklich gut gemacht! Dass er durch seine klassische Theaterausbildung weiß, wie er seine Stimme einsetzt, wusste ich schon vorher. Diesmal beweist er zusätzlich ein Talent als subtil-evokativer Erzähler, der Stonex‘ Meeres-Poesie aufgreift und bedeutungsvoll fließen lässt. Der gruselige Unterton in seiner Stimme wächst zum Ende hin mit jedem Kapitel. Und er tobt sich an gleich drei verschiedenen britischen Akzenten aus: Cornwall, Nordengland und Süd-Osten. Das ist für ungeübte Hörer nicht unbedingt leicht zu verstehen, aber authentisch, unterhaltsam, und man weiß sofort, im Kopf von welcher Figur man gerade sitzt.

Indira Varma ist eine gute Sprecherin, und später im Hörbuch beweist auch sie, dass sie verschiedene Akzente drauf hat, aber zwei der Frauen – Helen und Jenny – ähneln sich zu sehr. Sie hat auch den Nachteil, dass die Gegenwartsanteile der Geschichte nicht den lyrischen Stil haben wie die Meeresbeschreibungen im Leuchtturm, so dass sie nicht besonders zur Atmosphäre beitragen kann.

Fazit:

Emma Stonex hat einen ungewöhnlichen Roman-Mix aus Mystery, Beziehungsgeflechten und Nature Writing geschrieben, für den man Geduld und Durchhaltevermögen braucht – aber es lohnt sich. Auch wenn die insgesamt sechs Hauptfiguren und wechselnden Erzählperspektiven es einem erschweren, Nähe zu ihnen zu entwickeln, beobachtet man doch mit steigender Faszination, wie sich das Puzzlespiel eines Dramas zusammenfügt und die Intensität immer mehr ansteigt. Authentisch beschreibt Stonex das Leben und Arbeiten auf dem Leuchtturm; poetisch-dunkel geraten ihre Beschreibungen von Meer und Wetter. Man muss sich dafür wappnen, dass am Ende eventuell nicht mehr alles mit rechten Dingen zugeht – oder doch? Ein Schluss, der so oder so, aber dennoch zufrieden stellend auslegbar ist, rundet die Sache ab.

Und wer zum Hörbuch greift, bekommt von Indira Varma und vor allen Dingen von Tom Burke tolle Akzente und viel Atmosphäre mitgeliefert, was einen Roman mit leichten Schwächen locker eine Stufe höher hebt.

Bewertung:

Hörbuch:

Bewertung: 3.5 von 5.

Sprecher:

Bewertung: 5 von 5.

3 Gedanken zu “„The Lamplighters“ von Emma Stonex

  1. Kathrin 5. April 2021 / 17:28

    Liebe Ute,
    jetzt hatte ich den Tab mit deiner Rezension so lang offen – irgendwie ging er unter den anderen Tabs ständig unter. Dieses Wochenende habe ich nun genutzt, um aufgeschobene Texte zu lesen und damit konnte ich mich endlich auch deinem Artikel mit der verdienten Aufmerksamkeit widmen.

    Du hattest mich damals ja schon mit deinem Tweet total neugierig gemacht und ich hatte mir das Hörbuch prompt und ohne Hörprobe runtergeladen. Deine ausführliche Rezension hat mich nun bestätigt, dass dieser Blindkauf kein Fehlkauf war. Ich freu mich schon sehr darauf, mich selbst in dieser Geschichte zu verlieren – umso mehr, wenn es (wie hier gerade) regnet und stürmt.

    Leuchttürme üben irgendwie eine ganz eigene Faszination aus und scheinen durch ihre Beschaffenheit, ihre Umgebung und das Einsiedlerdasein wie geschaffen für ungewöhnliche Geschichten.

    • papercuts1 10. April 2021 / 19:20

      Hallo Kathrin!
      Sorry für die späte Antwort! Gerade viel los hier.
      Ich bin mir ziemlich sicher, dass dir das Hörbuch gut gefallen wird. Die Leuchtturm-Atmosphäre allein ist schon etwas besonderes, dazu die ungeschönten und dennoch poetischen Beschreibungen von Meer und Wetter! Im Mittelteil, vor allem bei den Frauen, wirst du etwas Durchhaltevermögen brauchen, aber das ist es wert. Für mich fiel dieser Roman aus der Norm heraus, und die beiden Sprecher*innen sind wirklich großartig! Tom Burke wird dich mit den heftigen Cornwall und Nordengland-Akzenten herausfordern – aber auch sehr authentisch abholen.

      Lass mich dann mal wissen, wie du vor allem den Schluss fandest. Da könnten sich die Geister dran scheiden. Ich fand ihn ja gut.

      Viel Freude auf “The Maiden”!

      • Kathrin 11. April 2021 / 20:09

        Ja, die Dialekte könnten noch zur Herausforderung werden. Ich hoffe, ihr versteh sie aber genug, um weiterhin der Handlung folgen zu können.

        Was das Ende betrifft, hast du das Buch jetzt noch interessanter für mich gemacht. Ich mag Geschichten, deren Ausgang die Meinungen spaltet.

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